Kot statt Gold

In der jungsteinzeitlichen Siedlung Çatal Hüyük sind Archäologen auf ein bizarres Bestattungsritual gestoßen.

Die angebissenen und zum Teil verdauten kleinen Knochen, hauptsächlich von Haus- und Wühlmäusen, ließen Emma Jenkins keine Ruhe. Was hatten sie hier in den Gräbern der anatolischen Siedlung Çatal Hüyük zu suchen? Die britische Archäologin von der University of Bournemouth vermutet: Sie sind mit den Exkrementen von Fleischfressern hineingelangt. Der Kot verging, die Knochen blieben.

Von welchem Tier sie stammen, ist schwer zu sagen. Nach den Bissspuren zu urteilen, scheiden Mensch, Katze und Hund aus. Schlangenzähne könnten zwar in die winzigen Löcher passen, aber die Reptilien verdauen ihre Nahrung fast vollständig. Emma Jenkins tippt auf Wiesel. Doch was hat Wieselkot in den Gräbern verloren?

Als Jenkins zusammen mit Kollegen die Bestattungen in der über 9000 Jahre alten Siedlung entdeckte, waren die Grabränder deutlich im Erdreich zu erkennen – ein Indiz, dass die Gruben nicht lange offen gewesen waren. Die Tiere hätten demnach kaum Zeit gehabt, das Grab als Bau oder Latrine zu nutzen. Zwar hätten sie sich nach der Bestattung in die lockere Graberde hineinbuddeln können, um dort Wohnhöhlen zu errichten. Doch das hätte man den Leichnamen und Grabbeigaben angemerkt. Deshalb steht für Emma Jenkins fest, dass die Exkremente absichtlich in die Gräber gelangten – bei der Beisetzung.

Über das Motiv kann man nur spekulieren. Jenkins verlegt sich auf steinzeitliches Beruferaten. Zu dem Fund scheint besonders ein Gewerbe zu passen, das archäologisch bislang kaum zu fassen war: Kammerjäger. Die Archäologin vermutet, dass Schädlingsbekämpfung in der Jungsteinzeit eine große Rolle gespielt hat. Denn das Neolithikum muss ein Paradies für Mäuse gewesen sein. Der Mensch erfand den Ackerbau und die Vorratshaltung – und die Mäuse fraßen sich genüsslich durch ganze Gebäude voller Getreide. Der Mensch wurde sesshaft und baute Häuser – und die Mäuse nisteten sich in den Wänden ein, hatten es dort warm und waren in Sicherheit. In diesem Schlaraffenland müssen sich die Nager explosionsartig vermehrt haben.

Kammerjäger mit Wieseln

Hier half nur der organisierte Einsatz von Fressfeinden. In Çatal Hüyük könnten Kammerjäger dafür gesorgt haben, dass die Getreidevorräte für den Winter nicht in den Mäusemägen verschwanden. Sie züchteten möglicherweise Wiesel, um sie in den Kornkammern einzusetzen. Die Menschen der jungsteinzeitlichen Gemeinschaft könnten die Kammerjäger nach dem Tod dafür geehrt haben, indem sie die Verstorbenen mit den Exkrementen der Wiesel bedeckten.

Diese Interpretation ist zwar mangels Vergleichsmöglichkeiten bislang nur eine Hypothese. Spinnt man den Gedanken aber weiter, kann er noch eine andere Merkwürdigkeit von Çatal Hüyük erklären: Die Häuser der Siedlung hatten keine Türen und konnten nur per Leiter über das Dach betreten werden. Diese Bauweise wurde bislang als Schutzmaßnahme gegen Feinde gedeutet. Vielleicht handelte es sich ja um sehr kleine Feinde. ■

von Dirk Husemann

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