Scherben-Jagd im Jemen

Auf der Suche nach den Ureinwohnern der Arabischen Halbinsel sind deutsche Archäologen auf eine völlig unbekannte Kultur gestoßen. Sie reicht bis in die Steinzeit zurück.

Burkhard Vogt ist ein Hüne. Doch die Abfallhaufen aus Keramikscherben, Fehlbränden und verglasten Tonbatzen neben dem Zwei-Meter-Mann sind fast doppelt so hoch. Die Abermillionen von antiken Bruchstücken sind das ungeöffnete Archiv einer unbekannten Vergangenheit. „Dennoch", sagt der Ausgräber des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), „werden wir diese Haufen nicht anrühren."

Die für einen Archäologen ungewöhnliche Zurückhaltung angesichts so kompakter Zeugen aus der Vorgeschichte erklärt sich beim weiteren Gang durch das Gelände bei der Stadt Sabir rund 25 Kilometer nördlich des südjemenitischen Hafens Aden: Weitere Hunderttausende von Scherben liegen so dicht an der Oberfläche herum, daß der Besucher seinen Fuß nur mit Scheu weitersetzt und ständig in Versuchung ist, ein Teil nach dem anderen aufzuheben. „ Lassen Sie es", meint Vogt. „Sie kommen sonst aus dem Bücken nicht raus!" Wohl wahr. Der ehemalige langjährige Leiter der DAI-Station in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, bückt sich dann doch selbst und dreht ein Stück feinwandige Keramik zwischen den Fingern. Die Scherbe ist rund 3500 Jahre alt. Sie hat perfekte Ritzornamente und ist regelmäßig und technisch aufwendig durchbrochen. Das Gefäß dazu wurde nicht auf der Töpferscheibe gedreht, sondern in einer Technik hergestellt, die auf der Arabischen Halbinsel völlig unbekannt, aber im afrikanischen Sudan sehr wohl geläufig ist. Dekor und Form der arabischen Tontöpfe ähneln frappierend den Behältnissen jenseits des Roten Meeres auf dem afrikanischen Kontinent.

Burkhard Vogt, heute Chef der DAI-Kommission für Allgemeine und Vergleichende Archäologie (KAVA) in Bonn, hat zusammen mit seinem russischen Kooperationspartner eine bislang unbekannte Kultur entdeckt – und Verbindungen manifestiert, von denen man schon in altägyptischen Zeiten gemunkelt hatte: Die Pharaonin Hatschepsut (1504 bis 1484 v.Chr.) rüstete eigens eine Expedition aus, um das geheimnisvolle Land Punt zu finden – die Quelle von Weihrauch und Myrrhe. Sie sollte irgendwo im Süden, am Ende des Roten Meeres sein. Das Hauptinteresse Vogts lag lange Jahre in der „klassischen" Zeit der südarabischen Reiche, angefangen bei den Sabäern, die – von Norden eingewan-dert – um 700 v.Chr. die Stämme in der Südwestecke der Arabischen Halbinsel gewaltsam unter ihrer Führung einten. Diese Hochkultur und die nachfolgenden Reiche sind inzwischen archäologisch gut erschlossen. Die Zeit davor jedoch schien so leer wie die im Norden angrenzenden Wüsten. Erste italienische und deutsche Oberflächenuntersuchungen zu Beginn der achtziger Jahre erbrachten in verschiedenen Gegenden des Jemen dann aber doch bronzezeitliche Menschenspuren: Südarabien war auch in der Vorgeschichte bewohnt. „Seinen" Fundort Sabir besuchte Vogt zunächst eher ohne große Hoffnung, war jedoch elektrisiert, als er die Oberflächenkeramik genauer betrachtete: Sie war von herausragender technischer Qualität und schön. Das war Vogt nicht gewohnt: „In den archäologischen Kulturen des Jemen gibt es nichts Häßlicheres und Unansehnlicheres als Keramik." Kein Wunder, daß die seit 70 Jahren bekannten schönen Scherben von Sabir bis dahin für islamisch oder gar modern gehalten wurden. C14-Datierungen schickten die archäologischen Leitfossilien schnell zurück ins 13./14. Jahrhundert v.Chr.

Unterbrochen vom jemenitischen Bürgerkrieg 1994, der um Sabir besonders heftig tobte, erkundete Vogt den antiken Siedlungsplatz. Er untersuchte ein unvermintes Gelände von 2 mal 1,5 Kilometer Ausdehnung – der gesamte Fundplatz wird auf die doppelte Größe geschätzt. Es kam Erstaunliches zutage: Hier lag das Zentrum einer prähistorischen Stadt mit Residenz- und Kultbauten, Vorratshäusern, monumentalen Lehmziegelmauern und ausgedehnten Wohngebieten. Von der Existenz dieser frühen Metropole wußten weder einheimische Sagen noch historische Wissenschaft. Der heute eingeebnete Ort war in der Bronzezeit ein weithin sichtbarer Wohnhügel („Tell"). Die Menschen ernährten sich von bäuerlichen Erzeugnissen, aber auch – eine Überraschung – zu ansehnlichen Teilen von Meeresfrüchten wie Fischen und Muscheln. Die Keramik, siehe oben, war vom Feinsten. Die ältesten Kulturschichten des Tells liegen sechs Meter unter der heutigen Oberfläche. Auch dort stieß Vogt auf Scherben: Die Töpferware dieser Untergrund-Siedlungen hatte frappante Ähnlichkeit mit der oberirdischen Keramik – sie war nur älter. Um wieviel? Um das zu klären, suchten Vogt und sein Team einen Platz, an dem diese „ alte" Keramik an der Oberfläche lag. Fünf Kilometer von Sabir entfernt wurden sie fündig: In Ma'leyba lag offen zutage „was wir sonst nur aus den tiefen Schichten von Sabir kannten", so der Finder im Glück – Scherben aus dem 13. Jahrhundert v.Chr. Und am Grunde dieser Siedlung, fünf Meter tiefer, fanden die Ausgräber wiederum Keramikfragmente, diesmal aus dem ausgehenden 3. Jahrtausend. So konnte der Jäger der jemenitischen Vorgeschichte die Sabir-Kultur nun schon zwischen etwa dem 21. und dem 13. Jahrhundert v.Chr. dingfest machen.

Damit wollte Vogt seine Zeitreise auf den Spuren der Scherben aber nicht enden lassen. In Ma'leyba wie in Sabir hatte er große Mengen von Fischresten und Muscheln, ja selbst Fischernetzgewichte, gefunden. Beide Orte lagen aber nie am Meer. Ihre Bewohner waren eher bäuerlich ausgerichtet und nutzten bereits 1000 Jahre vor den Sabäern ausgeklügelte Bewässerungssysteme für ihre Landwirtschaft. Die Millionen von Fischknochen in diesen Siedlungen signalisierten offenbar eine enge Symbiose mit dem marinen Bereich des Landes. Ein vor zwei Jahren entdeckter Fundplatz, etwa zehn Kilometer westlich von Aden, brachte Vogt weiter. In diesem „Little Aden", wühlte er sich durch einen aus Muscheln, Fischgräten und Meeressäugerknochen bestehenden riesigen Abfallhaufen: einen Kilometer lang, acht Meter hoch, 150 Meter breit. Über Jahrhunderte hatten hier Menschen gelebt, gefischt und Ab-fall produziert – ein Fundhaufen für Archäologen.

Natürlich fand Vogt im Glück an der Oberfläche dieses Muschelhaufens Keramik, die in Alter und Stil den Untergrundtöpfen in Ma'leyba entsprach. Und an der Sohle dieses bizarren Siedlungshügels hatte er – selbstverständlich – den Beginn seiner Sabir-Kultur abermals ein Stück weiter zurückgedreht: Keramiksplitter wiesen in die Mitte des 3. Jahrtausends, also etwa 2500 v.Chr. Und: Ein zweiter Abfallhaufen ähnlich dem von Little Aden wuchs auf einem Strand, der selbst „ bereits anthropogen beeinflußtes Material", so die Forscher, enthielt: angeschmauchte und gewaltsam geöffnete Muscheln in großer Zahl. Vorläufige Endstation von Vogts Zeitreise deshalb: 5. Jahrtausend v.Chr., Steinzeit.

Geografisch läßt sich die neu entdeckte Sabir-Kultur inzwischen über 600 Kilometer von Sihî, nördlich der jemenitischen Grenze zu Saudi-Arabien nach Süden bis östlich von Aden nachweisen. Sie beschränkte sich immer auf die Küstenebene und hatte mit den prähistorischen Kulturen des Hochlandes und des Hadramaut nichts zu tun. Für enge Verbindungen zu Ostafrika dagegen gibt es inzwischen eine beeindruckende Reihe von archäologischen Indizien: Die Verwandtschaften in der Keramik sind offenkundig. Paläobotaniker haben in den Sabir-Schichten Kulturpflanzen gefunden, die im südarabischen Raum unbekannt, im äthiopischen Bereich jedoch immer wieder belegt sind. Ein Elefantenstoßzahn stammt mit großer Wahrscheinlichkeit aus Afrika und nicht aus Syrien oder Indien. Im Osten des Jemen und auf der Insel Soqotra sind heute noch Sprachen lebendig, die nichts mit dem Arabischen, aber viel mit Idiomen jenseits des Roten Meeres zu tun haben. Kleine weibli- che Terrakotta-Figuren der Sabir-Kultur erinnern mit ihrem ausgeprägten Steiß und den Tätowierungen sehr an die altägyptischen Darstellungen der Königin von Punt. Die pharaonischen Ägypter haben ab 2300 v.Chr. Expeditionen in die legendäre Region geschickt, um das begehrte Räucherharz für ihre Tempel zu beschaffen. Das Weihrauchland Punt wird von den heutigen Ägyptologen im nördlichen Äthiopien, in Eritrea und im Ostsudan lokalisiert.

Eine nordostafrikanische Kultur auf südarabischem Boden also? So einfach will es Vogt denn doch nicht sehen. Mit archäologischem Konjunktiv resümiert er: „Wir gehen davon aus, daß im 2. Jahrtausend auf beiden Seiten des Roten Meeres dieselbe Kultur existiert haben könnte." Wo der Ursprung lag, hüben oder drüben, läßt sich derzeit nicht seriös sagen, „dazu fehlen auf der afrikanischen Seite die parallelen Forschungen". Die Lücke will der Bonner Archäologe mit Steffen Wenig, einem Kollegen von der Berliner Humboldt-Universität, in den nächsten Jahren schließen. Keramikreste wird es auch am Horn von Afrika geben. Lieber wären dem Scherbensucher allerdings prähistorische Gräber – denn bislang hat er nicht eine Bestattung seiner prähistorischen Jemeniten gefunden. Vogt vor den Ton-Abfallhaufen in der Sabir-Grabung: „Wenn hier irgendwo ein Grab auftaucht, sitze ich im nächsten Flugzeug von Deutschland nach Jemen."

Kompakt Der heutige Jemen war früher besiedelt, als die Wissenschaft bislang wußte. Die alten „südarabischen" Kulturen hatten enge Beziehungen zu Afrika. Schon die pharaonischen Ägypter suchten hier das Weihrauchland Punt.

Bdw community

Lesen Wilfried Seipel JEMEN Kunst und Archäologie im Land der Königin von Saba Kunsthistorisches Museum Wien 1999 ca. DM 85,–< /p>

Michael Zick

Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!