ANGESTAUBT? VON WEGEN!

Millionen Tiere werden in Museen weltweit aufbewahrt – in dunklen Archiven oder anmutig präpariert für Naturkunde-Ausstellungen. Doch was wie dröge Sammelwut erscheint, entpuppt sich für die moderne Forschung als wahrer Schatz.

Ein junger Mann watet durchs Uferwasser des Bear River in Utah, ein paar Dutzend Meilen bevor der breite brackige Strom nach einem Irrlauf durch die Berge Wyomings und Idahos im Salzsee bei Salt Lake City versickert. Es ist der 11. August 1916, Sonne und Mücken stechen, und der große blonde Ornithologe Frank Alexander Wetmore müht sich, nach einer toten Zimtente nun auch eine Schwarzkopfruderente aus dem Schilf zu bergen. Seit drei Jahren beobachtet der 27-Jährige für das „US Bureau of Biological Survey" die Wasservögel der Region, beringt sie und nimmt nebenbei Hunderte Exemplare für die hauseigene Sammlung mit. Noch in der Station am Bear River präpariert Wetmore Vogel für Vogel: Er entnimmt dem Balg die Innereien und legt sie in einem Fläschchen mit Alkohol ein. Ein paar Jahre später gelangen die Enten-Überreste samt präpariertem Balg in die ornithologische Sammlung des Natural History Museums der Smithsonian Institution in Washington, des größten Naturkundemuseums der Welt. Über eine halbe Million Vögel liegen dort in Tausenden von Schubladen und Vitrinen, mitunter schon seit über zwei Jahrhunderten. Gesammelt haben sie Biologen wie Wetmore oder eifrige Hobbyforscher. Aber wofür? Aus purer Sammelwut? Ein naiver und hoffnungsloser Versuch, die Vielfalt der Evolution zu erfassen?

ARCHIVE DES LEBENS

30 Millionen Objekte hat allein das Berliner Naturkundemuseum in seiner 200-jährigen Geschichte zusammengetragen. Nur die wenigsten werden aufwendig präpariert und für Museumsbesucher ausgestellt. Doch auch die Millionen Exemplare in den Sammlungen hinter den Kulissen verstauben nicht, sondern werden von Forschern mehr und mehr als „Archive des Lebens" begriffen und genutzt. Denn mithilfe neuer, molekularbiologischer und chemischer Untersuchungsmethoden können heute selbst einem Schmetterling von 1861 noch genetische Informationen entlockt oder die Todesursache eines längst ausgestorbenen tropischen Frosches ermittelt werden. „Museogenomics" (kurz: „Museomics") ist das Schlagwort dieses neuen Forschungstrends. So wie Eisbohrkerne aus der Antarktis vom Klima vor Tausenden von Jahren künden, sind Museumspräparate inzwischen zum Fernrohr in die jüngere Geschichte des Lebens geworden. Denn das ausgestopfte Leben ist Zeuge vergangener Lebensvorgänge – sei es die Entstehung neuer Arten, die Anpassung an den Klimawandel, Missbildungen aufgrund von Umweltkatastrophen oder die Entstehungsgeschichte menschlicher Krankheitserreger.

So starrt im Sommer 2002 der Virusforscher Jeffrey Taubenberger auf eben jene Enten, die einst Frank Alexander Wetmore einsammelte. Taubenberger hat nur wenig Ahnung von Vögeln und hat sich von den Kuratoren Storrs Olson und Gary Graves durch die Katakomben des Smithsonian führen lassen. Doch jetzt schlägt sein Herz höher, denn in Taubenbergers Augen sind die gewöhnlichen Enten, die 1916 verendeten, äußerst wertvoll. Sie sollen ihm helfen, die Ursache für eine Katastrophe zu entschlüsseln, die 1918 schätzungsweise 50 Millionen Menschen das Leben kostete – die „Spanische Grippe". Taubenberger versucht zu verstehen, woher jenes Influenza-Virus vom Typ H1N1 kam und wie es von Vögeln auf den Menschen überspringen konnte: „Um eine Wiederholung zu verhindern!" Taubenbergers Forschungsteam fahndet nach Resten des Virus-Erbguts in diesen und zwei Dutzend anderen Vögeln, die kurz vor Ausbruch der Grippe-Pandemie verendeten. Und er wird tatsächlich fündig. Die Analyse der Virus-DNA verrät, dass die Influenza-Viren sich schon in Vögeln stark verändern können. Die Annahme ist also berechtigt, das sie 1918 von Vögeln direkt auf den Menschen übergesprungen sind und so die verheerende Pandemie ausgelöst haben. Seitdem sind Forscher weltweit in Alarmbereitschaft, da sich dieses Szenario mit heutigen Grippe-Varianten, etwa dem eng verwandten H5N1, wiederholen könnte.

FAHNDUNG NACH DNA-SPUREN

Als Biologen vor Hunderten von Jahren mit dem systematischen Sammeln von Pflanzen und Tieren begannen, dachte niemand an DNA-Tests, geschweige denn an die Möglichkeit, dass sich die Entstehungsgeschichte menschlicher Infektionskrankheiten mithilfe irgendwelcher Enten nachvollziehen lassen könnte. „Zum Teil wussten die Sammler ja noch nicht einmal etwas von der Existenz von Viren oder Bakterien", sagt Alex Greenwood, ein Experte für alte DNA vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Greenwood hat sich darauf spezialisiert, DNA-Reste in Museumspräparaten auf Spuren von Viren, Bakterien oder anderen Parasiten zu untersuchen und mit heutigen Erregern zu vergleichen. „Wir wollen wissen, wie und in welchen Wirten sich die Vorläufer heutiger Krankheitserreger zu den heute so gefährlichen Erregern entwickelt haben", sagt Greenwood. Wie Taubenberger sucht der Forscher danach, wie sich diese Viren so verändern konnten, dass sie eine Gefahr für den Menschen wurden. „ Dafür müssen wir herausfinden, in welchen Wirten diese Erreger vor 100 oder 200 Jahren vorkamen und wie sie beschaffen waren. Denn meist kennen wir nur das Endprodukt dieser Erreger-Evolution."

FLÖHE BRACHTEN DEN TOD

Greenwood war es 2008 mit einem Team französischer Forscher erstmals gelungen, Retrovirus-Erbgut in Museums-Präparaten des 20. Jahrhunderts nachzuweisen: ein HIV-verwandtes Blutkrebs-Virus in Grünen Meerkatzen. Und mit der gleichen Technik konnte er kürzlich das Aussterben der einzigartigen Maclear-Rattenart (Rattus macleari) auf der nur 140 Quadratmeter großen Weihnachtsinsel im Indischen Ozean aufklären. 18 Exemplare machte der Forscher in englischen Museen ausfindig und fand darin Gene eines Erregers, der von Flöhen übertragen wird: Der Einzeller Trypanosoma lewisi, dessen Verwandte beim Menschen Schlaf- und Chagas-Krankheit auslösen, war offenbar 1899 mit Flöhen europäischer Schiffsratten an Land gegangen, denn davor gesammelte Exemplare sind frei von Trypanosomen-DNA. 1904 waren auf der Insel keine Maclear-Ratten mehr zu finden. Ein Fall, aus dem sich viel lernen lässt über die Evolution von Parasiten und was sie beim Sprung zwischen den Arten anrichten können. Derzeit stöbert Greenwood in Zusammenarbeit mit dem Berliner Naturkundemuseum in der Entwicklungsgeschichte von Pocken-Viren in Nagetier- und Seehund-Arten, sucht in Koalabären nach Retroviren und weist in Mammut-Überresten Herpes-Viren nach, deren Verwandte den heutigen Elefantenarten zu schaffen machen.

Denn nicht nur die Geschichte der Grippe-Viren lässt sich mithilfe von Museumspräparaten aufklären. Als sich 1993 im Südwesten der USA urplötzlich viele Menschen mit Hanta-Viren infizierten, war zunächst unklar, woher die Erreger stammen könnten. Gerüchte über militärische Experimente machten die Runde. Doch mithilfe von gut erhaltenen Präparaten von Nagern in den Museen der Texas Tech University und dem Museum of Southwestern Biology der University of New Mexico konnten die Forscher Hirschmäuse (Gattung Peromyscus) als das Virus-Reservoir ausmachen. Eine feuchte Klimaperiode, bedingt durch den El Niño von 1992, hatte eine Explosion der Nagerpopulation bewirkt und so die Wahrscheinlichkeit eines Überspringens der Viren auf den Menschen drastisch erhöht.

Auch andere Parasiten lassen sich in den alten Präparaten nachweisen. Anfang 2011 fanden Forscher an Amphibien-Exemplaren des Museums für Wirbeltierzoologie in Berkeley den berüchtigten Pilz Batracho-chytrium dendrobatidis, der seit 1999 für das weltweite Amphibiensterben verantwortlich gemacht wird. Das Team der San Francisco State University stellte fest, dass bereits in den 1970er-Jahren gesammelte mexikanische Salamander an dem Pilz gestorben waren, was mit einen Kollaps der Populationen einherging. Die Forscher rekonstruierten sogar eine „ Ausbreitungswelle" der Epidemie, die Anfang der 1980er-Jahre Guatemala und 1987 Costa Rica erreichte.

WEICHTIERE SIND SCHWER ZU KNACKEN

Derzeit versucht Greenwood die molekularbiologischen Untersuchungsmethoden als Standardtechnik für die Nutzbarmachung von Museumssammlungen zu etablieren – in Zusammenarbeit mit dem Mollusken-Kurator Matthias Glaubrecht vom Berliner Naturkundemuseum. Gleich neben Glaubrechts Büro öffnet sich ein großer Raum voller massiver Schränke, die in Hunderten von Schubladen unzählige Muschelschalen und Schneckengehäuse in allen Größen und Formen beherbergen, viele davon versehen mit winzigen handschriftlichen Notizen. DNA lässt sich aus den kalkigen Gehäusen nicht gewinnen. Dazu braucht es die in Alkohol eingelegten Präparate, die in einem speziell klimatisierten Gebäude untergebracht sind. „Die DNA-Techniken müssen auf jede Tiergruppe zugeschnitten werden", sagt Glaubrecht. Bei den Weichtieren behindern die typischen Schleimabsonderungen bislang eine DNA-Analyse. Dabei würde der Kurator die Methode gern nutzen, um auch bereits ausgestorbene, jedoch als Exemplar in der Sammlung noch vorhandene Arten in die Systematik der Mollusken einpflegen zu können. Das habe auch medizinische Relevanz, betont er. Denn bestimmte tropische Süßwasserschnecken, Glaubrechts Spezialgebiet, sind Zwischenwirte von Parasiten wie dem Schistosoma-Pärchenegel, der vor allem in Südostasien schätzungsweise 300 Millionen Menschen an Bilharziose erkranken lässt. Eine gezielte Bekämpfung ist erst möglich, wenn Systematiker die Überträger-Arten genau kennen und Parasitologen die Entstehung der Erreger und den Einfluss von Umweltveränderungen auf Wirt und Parasit besser verstehen.

MUSEUM STATT FELDFORSCHUNG

Auch um die Umweltveränderungen in den letzten 200 bis 300 Jahren nachzuvollziehen, lassen sich Museumspräparate nutzen, seien sie natürlichen oder menschlichen Ursprungs: Die Quecksilberverseuchungen der 1940er- und 1950er-Jahre sind mühelos in Vogelpräparaten dieser Zeit nachzuweisen. Dünnschalige Vogeleier aus den Sammlungen zeugen von DDT-Verseuchungen in den 1960er-Jahren. Und 2002 konnten Forscher anhand von Froschpräparaten zeigen, dass verkrüppelte Geschlechtsorgane deutlich seltener waren, als Landwirte noch keine Herbizide wie Atrazin einsetzten.

Gerade im Zusammenhang mit den Folgen des Klimawandels werden selbst die ältesten und staubigsten Präparate aus den Archiven zu begehrten Forschungsobjekten. Denn da sich das Klima nur sehr allmählich verändert – im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderten – sind die Auswirkungen auf die Arten nur in Langzeitstudien erkennbar. Während eine Feldstudie über 20 Jahre jedoch viel Geld kostet, ist der Blick 20 Jahre zurück mithilfe der in Museen gesammelten Exemplare vergleichsweise günstig. So kann nicht nur eine veränderte geographische Verbreitung bestimmter Arten, sondern auch eine genetische und morphologische Veränderung in Reaktion auf wärmere Durchschnittstemperaturen durch die Sammlungen nachvollzogen werden.

Eine völlig andere Kulisse: Während selbst die Archiv-Hinterzimmer des Berliner Naturkundemuseums mit hohen Fenstern und Gewölben imperialen Prunk bewahrt haben, ist der nüchtern orangefarben gestrichene Neubau der Dresdner Naturkundesammlung vor den Toren der Stadt gänzlich funktional gehalten. Um die Sammlungen zu schützen, sind die Archive von den Labors und Büros getrennt und nur über Brücken zu erreichen. Ob Schmetterlinge oder Vogelbälge – alle Exemplare sind in grauen Metallschränken in fensterlosen, kellerartig kühlen Räumen untergebracht. „Falls sich doch mal ein Schädling in die Sammlung verirrt, kann er sich bei dieser Temperatur nur langsam entwickeln, sodass wir ihn rechtzeitig entdecken", sagt Matthias Nuss, Kurator von 800 000 Schmetterlingen, von denen die ältesten von 1861 stammen. „Und hätten Revolutionäre 1849 das damalige Dresdner Naturkunde-Museum nicht zerstört, dann hätten wir sogar noch Exemplare der Königlichen Naturalienkammer aus dem 16. Jahrhundert", sagt Nuss, zieht einen der gut 20 Holzkästen aus einem Schrank und öffnet den Glasdeckel. Mehrere Dutzend, vielleicht 100 winzige Zwergminiermotten sind auf kaum sichtbar dünne „Minutien"-Nadeln gesteckt, jede einzelne sorgfältig beschriftet. „Der Mensch ist ein Augentier", sagt Nuss und deutet auf feine Unterschiede in der Flügelmusterung der Motten. „Wir ordnen die Tierarten vor allem nach äußerlich sichtbaren Merkmalen. Aber für die Artbildung muss das ja gar keine Rolle spielen."

AHNENFORSCHUNG BEI ZÜNSLERN

Mithilfe von DNA-Analysen, dem „Barcoding", überprüft Nuss derzeit die genetische Verwandtschaft der 16 000 Zünslerfalter-Arten. Dafür wird das Erbgut jeweils aus einem Insektenbein isoliert. Dann sequenzieren die Forscher ein Stück des Gens CO1, dessen Baustein-Abfolge charakteristisch für eine Art ist. Immer wieder hat sich gezeigt, dass äußerlich unterschiedliche Exemplare, die als separate Arten geführt wurden, genetisch identisch sind. Oder dass morphologisch nicht unterscheidbare Individuen laut Barcode zu verschiedenen Arten gehören. Diese Arbeit, die ohne die Museumssammlungen unmöglich wäre, ist die taxonomische Basis für weiterführende Forschungen. So lassen sich mittels Barcode schädliche Falter wie der Maiszünsler von harmlosen oder nützlichen Arten unterscheiden. Oder man kann die Reaktion bestimmter Schmetterlingsarten auf den Klimawandel ergründen. In einem Forschungsprojekt des „ Biodiversitäts und Klima Forschungszentrums" (BIKF) des Frankfurter Senckenberg Museums, zu dem die Dresdner Naturhistorische Sammlung seit 2009 gehört, wird beispielsweise der Einfluss der Klimaerwärmung auf den Wolfsmilchschwärmer untersucht. Dabei überprüfen die Forscher, ob und wie die südliche Population aus Nordafrika in den letzten Jahrzehnten nach Norden gewandert ist. Als Vergleichsmaterial dienen den Forschern artgleiche Exemplare aus den 1930er- und 1950er-Jahren, die in der Dresdner Sammlung aufbewahrt sind.

Für die USA hat die Biologin Camille Parmesan eine solche klimabedingte Wanderung bereits nachgewiesen. Als sie die Verbreitung des Scheckenfalters Euphydryas editha in den 1990er-Jahren mit den Fundorten von Exemplaren aus Museen verglich, die Jahrzehnte vorher gesammelt worden waren, stellte sie fest, dass der Falter im Süden (Mexiko) verschwunden war und sich die Rest-Populationen in den kühleren Norden gerettet hatten. Ein ähnliches Muster fand Parmesan bei der Untersuchung von 35 europäischen Schmetterlingsarten: 63 Prozent davon haben sich allmählich nach Norden bewegt.

WAS KLEIBER ÜBER DAS KLIMA SAGEN

Wandern die Arten aufgrund des Klimawandels also einfach nur ein Stück nordwärts, oder verändern sich die Arten grundlegender, bis hinein ins Erbgut? „Der hier ist aus Afghanistan", sagt Martin Päckert, der solche Fragen beantworten möchte. Der Ornithologe, Kurator der 93 000 Vögel der Dresdner Sammlung, hat eine von wohl 1000 Schubladen aufgezogen und deutet auf den Balg eines kleinen, blaugrauen Vogels, eines Kleibers mit rostrotem Bauchgefieder. „An so ein Exemplar käme man heute schwerlich heran. Auch das ist ein Vorteil von Museumssammlungen." Überhaupt sei es wegen der vielfältigen bürokratischen Hürden oft einfacher, in der Sammlung als in der Natur zu forschen. 93 000 Vögel hat Päckert in Obhut, darunter über 200 Jahre alte Exemplare, was sich nun bei einer Klimawandel-Studie mit Trauerschnäppern (Ficedula hypoleuca) bewähren soll. Seit Längerem ist bekannt, dass vor allem in den Niederlanden die Population dieser Singvögel stark eingebrochen ist, „an einigen Orten bis zu 90 Prozent", sagt Päckert. „Katastrophal." Ursache sind die steigenden Durchschnittstemperaturen. Denn wenn der Zugvogel nach dem Überwintern im tropischen Afrika in den Niederlanden eintrifft, sind Eichenspanner- und Eichenwickler-Raupen, die Hauptnahrung für den Nachwuchs, aufgrund der milden und kürzeren Winter in Europa längst verpuppt und ausgeflogen. Päckert will nun mithilfe der Trauerschnäpper in der Sammlung überprüfen – wieder zieht der Kurator Schubladen voller Vögel auf –, ob und wie und ab wann mit dem Einbruch der Population auch die genetische Vielfalt zurückgeht.

Ein Jahr für 18 Ratten

Dazu entnehmen die Forscher derzeit Gewebeproben vom Fußballen der Präparate, um dann eine Reihe genetischer Analysen durchzuführen. „Das hatten wir uns ganz einfach vorgestellt", sagt Päckert. Doch es sei „verteufelt schwierig" geworden, da ein Großteil der Vögel zur Zugzeit gefangen wurde, sodass die Forscher nicht wissen, ob diese Vögel in den Niederlanden, Schweden oder Deutschland genistet hatten. „Von den 300 Trauerschnäppern im British Museum kamen nur 20 für unsere Analyse in Frage." Nach zweijähriger Recherchearbeit fand Päckert schließlich doch über 100 Exemplare aus einem Zeitraum von 1903 bis 2006. „Jetzt sind wir gerade dabei, unsere Proben auszuwerten" , sagt Päckert. Er rechnet damit, dass die genetische Vielfalt in den Niederlanden im Laufe der Jahre deutlich abgenommen hat, während sie in Schweden vergleichsweise konstant geblieben sein müsste.

Päckerts Schwierigkeiten zeigen, wie sehr die Museogenomics noch am Anfang steht, und was ihr vor allem fehlt: eine umfassende Digitalisierung der Bestände in Form von Online-Datenbanken. „Wenn ich gefragt würde, wie viele Vögel aus, sagen wir, Neuguinea in der Sammlung sind, könnte ich nur schätzen", beschreibt Päckert die Situation. „Ich kann nicht einfach in einer Datenbank nach ‚Neuguinea‘ googeln, sondern muss für jede Anfrage in die Sammlung gehen und nachsehen." Kollege Greenwood recherchierte über ein Jahr, um die 18 Maclear-Ratten zu finden, in denen die Lösung schlummerte für das Rätsel, warum diese Art ausgestorben ist. Dazu mussten die Forscher sogar Schiffsbücher der Expeditionskapitäne und handschriftliche Notizen über den Verbleib der Ratten entziffern. Selbst der Verbleib der berühmten Galapagos-Finken, die einst Charles Darwin sammelte, war bis vor Kurzem unklar. 500 Vögel hatte Darwin auf seinen Reisen zusammengetragen, und es brauchte eine dreijährige Doktorarbeit, 254 dieser 500 Vögel in den Museen wiederzufinden – darunter 32 Finken.

SAMMELN FÜR DIE ZUKUNFT

Päckert und sein Kollege Nuss haben mit anderen Kuratoren deshalb einen Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum Erfassen und Digitalisieren ihrer Sammlungsbestände eingereicht – eine Mammutaufgabe für Päckerts Generation von Kuratoren. Doch ohne die digitale Datenerfassung würden sich die Museen wohl noch weiter von der modernen Forschung abkoppeln als bisher. Denn bislang sind externe Forscher, die Museumspräparate nutzen möchten, stets auf die Kuratoren als Ansprechpartner angewiesen. Erst mit Online-Datenbanken könnten Klimaforscher, Virologen oder Ökologen selbstständig recherchieren, ob es in den Museumssammlungen Exemplare gibt, die ihre Fragen beantworten helfen. „Es mag sein, dass wir von vielen Präparaten in den Museen gerade nicht wissen, wofür wir sie irgendwann einmal nutzen können", sagt Matthias Glaubrecht. Aber vielleicht wüssten es andere Forscher. Und überhaupt sei der Wert von Museumssammlungen vergleichbar mit dem Nutzen von Bibliotheken. „ Wir werfen alte Bücher ja auch nicht leichtfertig weg – weil wir wissen, dass in ihnen jene Informationen schlummern könnten, die wir irgendwann einmal dringend brauchen." ■

SASCHA KARBERG wohnte als Kind neben einem Tierpräparator. Seither ist er neugierig, was bei dieser Arbeit hinter den Kulissen geschieht.

von Sascha Karberg (Text), Heidi und Hans-Jürgen Koch (Fotos)

MEHR ZUM THEMA

INTERNET

Weltmeisterschaft der Präparatoren, 19. bis 26. Februar 2012 in Salzburg: www.wtc-2012.com

Meisterschaft der Idealisten

Sie werden ab 19. Februar an der Weltmeisterschaft der Präparatoren in Salzburg teilnehmen. Mit welchen Tieren treten Sie an?

Da ich am liebsten kleine Tiere präpariere, trete ich mit einem Gürteltier, einer Spitzmaus und einem Baby-Nasenbär an, und ich möchte ein Sperlingspärchen präparieren. Nach guten Sperlingen muss ich noch in Truhen schauen. Es nützt nichts, wenn man sich viel Mühe gibt, aber dem Vogel Federn fehlen.

Mit viel Mühe Tiere zu präparieren – war das ihr Wunschberuf?

Meine Arbeit ist wie ein Sechser im Lotto. Ich ärgere mich nicht, wenn Montag ist, und ich freue mich nicht, wenn Freitag ist.

Was ist das Erfolgsrezept bei einer Meisterschaft?

Bei etwas Trivialem wie einem Rotkehlchen kommt es stärker auf Ausdruck an als bei einem Exoten. Auch das Arrangement ist wichtig. Als Präparator ist man Schaufensterdekorateur, Metzger, Künstler, Handwerker und Idealist in einem.

Wie ist die Stimmung auf solchen Wettbewerben?

Kurz bevor man das Präparat abgibt, macht man es noch hübsch. Das ist wie bei einer Frau, die sich richtet, bevor sie auf eine Party geht. Nach der Abgabe fällt die Anspannung von einem ab. Man trifft Kollegen, tauscht Gedanken aus und feiert. Wird die Bewertung bekannt, kommt es zu Groll auf die Jury, zu Demut – oder man freut sich ein Loch in den Bauch.

Was erwarten Sie persönlich von der Weltmeisterschaft?

Dass ich meine Leistung aus der Europameisterschaft bestätigen kann. Aber für mich ist die Aufgabe, Kulturgüter in Museen zu bewahren, wichtiger als eine Weltmeisterschaft mit Fragen nach dem Motto: Wie sieht der Nasenraum beim Reh am besten aus?

Digitalisiertes Leben

Jede Eule, jede Schnecke, jede Motte und all die Besonderheiten dieser Tiere in einem digitalen Archiv festzuhalten – das allein schon wäre für die Sammlungen in Dresden „ein Fass ohne Boden", sagt Kurator Martin Päckert. Was in solch einer Datenbank erfasst werden muss, sind Artname des Tiers, Geschlecht und Alter, Fundort, Funddatum, Finder und Bestimmer. Und falls Gewebe oder Skelettproben entnommen und archiviert wurden, muss auch das vermerkt werden. Päckert legt besonderen Wert auf die Fundortbeschreibung, damit Verbreitungskarten erstellt werden können.

Von jedem Präparat in der Sammlung ein digitales Foto zu machen, hält der Forscher hingegen für „wenig effektiv". Ein Foto des Typusexemplars, das beispielhaft für die jeweilige Spezies steht, reiche aus. Viel wichtiger ist dem Ornithologen, was Schneckenforschern schnuppe ist: Die Digitalisierung des Tonarchivs, der Vogelstimmen-Aufnahmen. „Für viele der neueren Bälge gibt es Aufnahmen des Gesangs – eine Information, die für die genaue Bestimmung mancher Arten genauso hilfreich ist wie die Genetik."

KOMPAKT

· Entenbälge, die mehr als 80 Jahre im Museum überdauert hatten, halfen dem Virenforscher Jeffrey Taubenberger, dem Erreger der „Spanischen Grippe" von 1918 auf die Spur zu kommen.

· Auch die Geschichte anderer Tier- und Menschenparasiten sowie die Gründe für das Aussterben ganzer Arten ließen sich mithilfe von Museumspräparaten rekonstruieren.

· Für die Untersuchung alter DNA aus einst lebendigen Sammlerstücken hat sich der Begriff „Museogenomics" eingebürgert.

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