GEFAHR FÜR COUCH-POTATOES

Fettleber und Diabetes heizen sich gegenseitig an.

Die alten Ägypter mästeten bereits vor 2500 Jahren Vögel, die Römer taten es ihnen später gleich. Durch einen Trichter bekamen die Gänse und anderes Geflügel das Futter in den Hals oder gar in den Magen gestopft, wie es in manchen Ländern heute noch üblich ist. Das führt zur schmackhaften fetten Stopfleber.

Derselbe Mechanismus greift beim modernen Menschen: Viele Deutsche ernähren sich zu kalorienreich und zu fett, bewegen sich zu wenig und werden dick. Das Fett sammelt sich irgendwann auch in den Leberzellen an. Während früher chronischer Alkoholkonsum die Hauptursache einer Fettleber war, dominiert heute das Ernährungsproblem. Doch auch schlanke Menschen können eine „ nichtalkoholische Fettleber" entwickeln, wenn entsprechende genetische Veränderungen vorliegen. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse helfen zu verstehen, wie eine Fettleber entsteht, und sie zeigen auf, wie folgenreich eine Fettleber sein kann, wer ein erhöhtes Risiko hat und was man gegen eine Fettleber tun kann.

Paradoxerweise kann sich auch nach längeren Hungerzeiten eine Fettleber entwickeln, und sogar, wenn bei Magersucht eine intravenöse Ernährung notwendig wird. Das belegen Fallberichte. Nach Einschätzung des Endokrinologen und Diabetologen Jörg Bojunga, Facharzt für Innere Medizin am Universitätsklinikum Frankfurt am Main, haben 15 bis 30 Prozent der Deutschen in mehr als der Hälfte ihrer Leberzellen größere Fettansammlungen. Die Folgen: Bei fast jedem fünften Betroffenen bildet sich eine Fettleberentzündung mit hohem Risiko für eine Leberzirrhose und Leberkrebs. Abgesehen davon kann eine Fettleber das metabolische Syndrom anheizen: erhöhte Blutzucker- und Blutfettwerte, Bluthochdruck und Übergewicht.

WENN INSULIN NICHT MEHR WIRKT

Normalerweise werden Fette in den Fettzellen gespeichert: Bei sportlich aktiven Menschen landet mehr davon im Unterhautfettgewebe, bei Couch-Potatoes eher im insulinempfindlichen Bauch-Fettgewebe. Insulin hemmt normalerweise die Fettspaltung (Lipolyse) im Fettgewebe. „ Aufgeblähte" Fettzellen im Bauchraum produzieren nun aber vermehrt Entzündungsstoffe und Hormone, die das Fettgewebe und die Körperzellen insulinresistent machen. Insulinsignale verpuffen wirkungslos, die Zellen nehmen den Einfachzucker Glukose nur noch in geringen Mengen oder gar nicht mehr auf. Dann liegt eine Insulinresistenz vor, die Vorstufe von Typ-2-Diabetes. Unter diesen Bedingungen läuft die Fettspaltung auf Hochtouren. Die freigesetzten Fettsäuren gelangen größtenteils in die Leberzellen, wo sie unerwünschte Prozesse wie Zellschädigungen und Entzündungen in Gang setzen und die Gen-Regulation innerhalb der Zellen verändern.

Wie Heidelberger Forscher um den Molekularbiologen Stephan Herzig kürzlich herausfanden, drosseln Leberzellen bei einem Überangebot von Fettmolekülen die Produktion eines wichtigen Regulatorproteins (TBL1), das mitbestimmt, welche Gene in einer Zelle abgelesen werden. Infolgedessen verbrennt die Leber weniger Fett und lagert stattdessen mehr Fettmoleküle ein. „Das wiederum könnte zu einem weiteren Rückgang des Regulatorproteins führen", erklärt Herzig. Die Ergebnisse gelten sowohl für übergewichtige als auch für schlanke, erblich belastete Menschen. Fettbestandteile werden dann vermehrt in Glukose umgewandelt und ins Blut abgegeben. Der Blutzuckerspiegel steigt. Gleichzeitig nimmt die nur teilweise insulinresistente Leber vermehrt Glukose auf und baut sie zu Fett um. Die Fettmenge in der Leber steigt dadurch zusätzlich, zumal aufgrund der Insulinresistenz weniger molekulare Transporter gebaut werden, die das Fett aus der Leber ausschleusen helfen – spätestens jetzt entwickelt sich eine Fettleber.

GEFÄHRLICHES KORTISOL

Die Fettdepots in der Leber wachsen auch bei erhöhten Kortisolwerten, wie sie bei chronischem Stress oder langer Therapie mit dem entzündungshemmenden Medikament Kortison vorkommen. Das Hormon Kortisol schaltet in der Leber ein Kontroll-Gen für fettabbauende Enzyme ab. Bei übergewichtigen Menschen reichen dafür bereits geringe Kortisol-Erhöhungen, wie Herzig und sein Team bereits Ende 2008 herausfanden.

Sowohl bei der Fettleber als auch bei Typ-2-Diabetes ist die Insulinresistenz der wesentliche krankmachende Faktor. Vermutlich aufgrund genetischer Veranlagung leidet aber nicht jeder Mensch mit Fettleber auch an Typ-2-Diabetes und umgekehrt. „Ein Teil der Experten neigt dazu, die Fettleber als Ursache und Typ-2-Diabetes als Folge zu sehen, die anderen drehen den Spieß um", sagt Herzig. Möglicherweise ist auch etwas Drittes schuld: ein chronisch-entzündlicher Zustand im Fettgewebe, initiiert durch Fresszellen, die durch eine erhöhte Menge des immunologisch wirksamen Proteins MCP-1 auf der Oberfläche von Fettzellen angelockt wurden.

EIN WIRKSTOFF AUS DER MANDARINE

In jedem Fall steht fest, dass Fettleber und Typ-2-Diabetes in hochkomplexen Prozessen wechselwirken. „Neuerdings wissen wir, dass eine Fettleber Hormone wie Selenoprotein und Fetuin-A freisetzt, die an der Entwicklung eines gestörten Zuckerstoffwechsels beteiligt sein können", berichtet Norbert Stefan, Professor für Innere Medizin am Universitätsklinikum Tübingen. So ist die Konzentration von Fetuin-A im Blut eng mit der Insulinresistenz verknüpft, die mit steigendem Leberfettgehalt zunimmt. Möglicherweise interagieren die freigesetzten Leberhormone mit Hormonen aus dem Fettgewebe am Bauch.

Die gute Nachricht: Ansammlungen von Fett in der Leber sind abbaubar. Selbst bei einer Fettleberentzündung ist eine Besserung möglich. Und laut kanadischen Forschern kann Nobiletin, ein Inhaltsstoff der Mandarine, bei Mäusen die Ansammlung von Fett in der Leber verhindern, indem es das Ablesen bestimmter Gene beeinflusst. Das könnte auch beim Menschen klappen. Die schlechte Nachricht: Es gibt noch keine Pille gegen eine Fettleber. Wer diese Diagnose bekommt, muss selbst etwas tun: sich regelmäßig bewegen und Kalorien sparen, außerdem keinen Alkohol und keine mit Fruchtzucker gesüßten Getränke trinken. Denn Fruchtzucker fördert die Verfettung der Leberzellen, indem er in ihrem Inneren die Neubildung von Fetten aus Zucker anregt. Gleichzeitig bremst er die Insulinausschüttung. ■

von Gerlinde Felix

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Gerlinde Felix Die gesunde Leber Goldmann, München 2011, € 7,99

INTERNET

Deutsche Leberhilfe: www.leberhilfe.org

Diabetes-Präventionsstudie: www.medizin.uni-tuebingen.de/exweb/ labor/TULIP/default.htm (TULIP steht für „Tübinger Lebensstil- Interventions-Programm" )

FETTLEBER – DIE DIAGNOSE

Abgeschlagenheit und ein leichtes Druckgefühl im rechten Oberbauch können auf eine Fettleber hindeuten. Die genaue Diagnose erstellt der Arzt mittels Blutuntersuchung und Ultraschall.

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