Das Spiegel-Geheimnis

„Heute hat unser Lehrer was Blödes gefragt." Mit dieser Mitteilung kam Maria in die Küche, um zu schauen, was es zu essen gab.

„Lehrer sind blöd", brummelte Christoph mit seiner Stimmbruchstimme.

„Nein, ich meine, seine Frage war blöd", widersprach Maria und fuhr fort: „Eigentlich auch nicht blöd, sondern komisch – irgendwie verstehe ich sie nicht."

„Wie lautete denn die Frage?", wollte meine Frau wissen.

„Genau", assistierte Christoph, „dann sehen wir ja, ob sie blöd war."

„Die Frage war: Warum vertauscht ein Spiegel rechts und links, aber nicht oben und unten?"

Darauf herrschte erst mal Schweigen. Jeder überlegte: Wenn man in einen Spiegel schaut, ist die eigene rechte Hand die linke Hand der Person im Spiegel, aber der Kopf bleibt oben.

Christoph antwortete als Erster: „Weil … das ist eben die Eigenschaft eines Spiegels, rechts wird links und links wird rechts."

Maria war schnell ins Bad gegangen, hatte von dort einen Handspiegel geholt und schaute hinein, um die Sache mit rechts und links selbst zu überprüfen.

„Warum sollte ein Spiegel wissen, was rechts und links beziehungsweise was oben und unten ist?", fragte ich. Dann erklärte ich: „Wenn man den Spiegel um 90 Grad dreht, wird aus oben und unten rechts und links." Und ich drehte den Spiegel entsprechend.

„Hä?", war die wenig freundliche Reaktion der Kinder.

Ich wusste, dass ich die Verwirrung noch weiter treiben konnte und forderte Maria auf: „Halte den Spiegel mal direkt über deinen Kopf, und zwar so, dass du dich darin siehst." Sie musste lachen: „Das ist aber komisch! Ich stehe auf dem Kopf!"

„Was vertauscht dieser Spiegel?", fragte ich, und die Antwort war klar: „Oben und unten."

Ich wendete mich Christoph zu: „Was macht denn ein Spiegel, wenn du ihn an deine rechte Seite hältst?" Maria tat es und sah Christoph fragend an. „Mein rechter Arm ist jetzt der linke Arm meines Spiegelbilds, also vertauscht der Spiegel rechts und links."

„Um das zu verstehen, machen wir eine Zeichnung." Ich malte auf den Rand der Zeitung eine gerade Linie. „Das ist der Spiegel."

„Toller Spiegel!", war die Reaktion.

„Das ist der Spiegel von oben", präzisierte ich.

Dann malte ich einen Punkt. „Wo ist das Spiegelbild des Punktes?"

„Auf der anderen Seite des Spiegels", sagte Christoph. Maria nahm den Stift und malte den Punkt an die entsprechende Stelle.

Ich malte einen zweiten Punkt, weiter vom Spiegel entfernt als den ersten. „Der zweite Punkt liegt näher bei mir, also weiter vorne", machte ich die Sache klar. „Wo liegt dessen Spiegelbild?"

Maria malte auch das korrekt ein. „Seht ihr", dozierte ich, „ der Punkt liegt weiter hinten. Das heißt: Euer Spiegel", ich nahm den Handspiegel und hielt ihn so vor mich, wie ihn vorher Maria gehalten hatte, „vertauscht nicht oben und unten, auch nicht rechts und links, sondern vorne und hinten."

„Klar!" Christoph hatte es verstanden: „Meine Nase ist nah am Spiegel, also ist auch die Nase meines Spiegelbilds nah am Spiegel, während mein Rücken und der Rücken des Christophs im Spiegel beide weiter vom Spiegel entfernt sind."

„Es gibt übrigens auch Spiegel, die wirklich rechts und links vertauschen. Wenn ihr vor einem solchen Spiegel sitzt und den rechten Arm hebt, hebt das Spiegelbild den Arm auf der anderen Seite, also den Arm, der von euch aus links ist."

„Wie soll das denn funktionieren?", fragte Maria ungläubig.

„Ihr nehmt zwei Spiegel, zum Beispiel Spiegelfliesen, und klebt sie so in die Ecke eines Schuhkartons, dass sie genau rechtwinklig sind."

Christoph war schon auf dem Weg in den Keller, um dieses Mini-Spiegelkabinett zu bauen. Maria sagte: „Wenn das funktioniert, nehme ich den Spiegelkarton morgen mit in die Schule."

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