20.03.2012 -

„Apokalypse als Machtinstrument"

Warum fühlen manche Menschen sich berufen, das baldige Ende der Welt vorherzusagen? Und warum glauben andere ihnen? Hansjörg Hemminger kennt die Szene als langjähriger Sektenspezialist.

Hansjörg Hemminger

ist Beauftragter für Weltanschauungsfragen bei der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Er wurde 1948 in Rottweil geboren und hat in Tübingen und Freiburg Biologie und Psychologie studiert. In Freiburg hat er sich über die Verhaltensbiologie des Menschen habilitiert. Hemminger war von 1984 bis 1996 wissenschaftlicher Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen und von 1996 bis 1998 als Sachverständiger Mitglied der Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen" des Deutschen Bundestags.

bild der wissenschaft: Wie werden Sie mit dem Thema Weltuntergang konfrontiert, Herr Dr. Hemminger?

Hansjörg Hemminger: Mir begegnen immer wieder Menschen, die ernsthaft mit dem baldigen Ende der Welt rechnen. Sie kommen vorwiegend aus dem esoterischen und randchristlichen Milieu. Ich kenne aber sehr viel mehr Leute, die nicht sicher damit rechnen, aber irgendwie verängstigt sind. Sie haben etwa von den Vorhersagen über das Weltende 2012 gehört. Daran glauben sie nicht so recht, suchen aber nach einer Autorität, die ihnen das sagt.

Und wer sind die wirklich Untergangsgläubigen?

Sie gehören zu festen Gruppen, die ein apokalyptisches Szenario vertreten. Der Klassiker ist die Gemeinschaft „Fiat Lux" im Südschwarzwald. Sie wurde 1980 von einer Frau gegründet, die sich „Uriella" nennt und die die Gruppe bis heute führt. Manche kommen zu mir, wenn sie anfangen zu zweifeln und Ausstiegshilfe suchen.

Wenn „Fiat Lux" ein Klassiker ist, was ist dann im Moment die Avantgarde?

Zulauf hat die freie Szene des Propheten-Markts. Da gibt es sowohl christliche Propheten – der bekannteste ist vielleicht der Amerikaner Harold Camping – als auch esoterische Verkünder. Sie behaupten zum Beispiel, sie hätten durch mediale Kontakte mit überaus weisen Aliens erfahren, dass 2012 mit dem Auslaufen des Maya-Kalenders die Welt untergeht.

Welcher Kult ist in Deutschland der prominenteste?

Da sticht keiner heraus. Die Signatur der Zeit ist die Vielfalt. Die Anhänger wollen keine große Leitfigur mehr, sondern eine Autorität zum Anfassen – den Meister, den man in seiner Wohnung besucht oder die Meisterin, zu deren Füßen man sitzt. Das macht die Szene unübersichtlich. Wir haben zahlreiche Fallgeschichten, aber keine quantitativen Daten.

Wie muss man sich diese Propheten vorstellen?

Man kann vier Typen unterscheiden: Der klassische, biblische Typus predigt, dass Gott der Welt ein Ende setzt. Dieser Typus ist erstaunlich aktiv, gerade in der freikirchlichen Szene. Er liest die Bibel so, als könnte man einen verborgenen Fahrplan der Welt daraus entnehmen, übrigens gegen den ausdrücklichen Wortlaut – aber das macht ja nichts. Der Weltuntergang wird dann zum Teil in großer Unschuld, fast schon Naivität, verkündet. Wenn Sie wollen, können Sie auch dem Telefonbuch den Weltenlauf entnehmen.

Wer gehört noch zu den bibeltreuen Propheten?

Diejenigen, die sich als Besitzer der einzigen Rettungsarche ausgeben – etwa die Zeugen Jehovas. Sie benutzen die apokalyptischen Szenarien als Machtinstrument. Die Urbilder dieser biblischen Varianten sind die Sintflut und die vier apokalyptischen Reiter bei Johannes.

Aber nicht alle Untergangspropheten berufen sich auf die Bibel.

Genau, es gibt die Urbilder auch in säkularisierter Form – das ist der zweite Typus. Nicht Gott, sondern die Welt selbst schlägt zurück. Da gibt es das schreckliche Killervirus oder den Wanderplaneten, der mit der Erde zusammenstoßen wird, wie im neuen Lars-von-Trier-Film „Melancholia". Diese Variante der Apokalypse wird eigentlich nicht von Propheten verkündet, denn man kann keine Rettungsarche anbieten. Da enthüllt eher ein Verschwörungstheoretiker, was sonst angeblich niemand weiß.

Der dritte Typus …

… ist die esoterische Variante des zweiten. Die entscheidende Figur ist ein Wissender und Sehender, der seine Weisheit aus höheren Erkenntnisquellen zieht. In dieser Weltuntergangsvorstellung gibt es einen Neuanfang. Den Wanderplaneten auf esoterisch kann man also überleben, wenn auch nur im französischen Dorf Bugarach – das ist angeblich der einzige Ort, der die Apokalypse 2012 übersteht.

Wozu entwerfen Menschen solche fantastischen Vorstellungen – gibt es nicht genügend reale Gefahren?

Der vierte Typus knüpft tatsächlich an politische und historische Entwicklungen an, etwa die Vernichtung der Welt durch Atom- waffen. Auch hier sind Verschwörungstheoretiker am Werk, die die Rolle der Wissenden einnehmen in einer Welt von Verblendeten und Manipulierten. Damit können sie sich dann subjektiv eine Identität schaffen.

Warum finden all diese seltsamen Propheten Anhänger?

Alle apokalyptischen Szenarien sind Projektionsflächen für Lebensängste. Die können akut von einer Krise ausgelöst werden oder chronisch sein. Sie entstehen nicht etwa, weil die Gesellschaft kein lohnendes Leben bereitstellt, sondern weil die Ziele unrealistisch hoch sind.

Haben Sie ein Beispiel für diese Lebensängste?

Eine Frau kam zu mir ins Beratungsgespräch. Sie hatte sich ein Identitätsmodell aus den Medien zurechtgelegt: Immer schön und vital sein und mühelos die glückliche Familie und die Karriere unter einen Hut bekommen. Gegen 40 verblasste die Schönheit, und die Karriereleiter endete bei der Chefsekretärin. Sie bekam das Gefühl, dass ihr etwas fehlte. Obwohl ihr Leben gesichert war und sie sich am Konsumrennen der Gesellschaft beteiligen konnte, waren ihre Glücksehnsüchte größer. Ihr wurde bewusst: Da kommt nichts mehr. Die Öde eines Restlebens kann sehr viel Angst machen.

Da soll es helfen, an den nahen Weltuntergang zu glauben?

Objektiv gesehen ändert das natürlich nichts. Aber indem ich meine Existenzängste mit einem drohenden Weltuntergang erkläre, bewältige ich sie ein Stück weit. Der Mensch ist eben seltsam gestrickt: Wenn er die Dinge im Kopf zusammenbringen kann, befriedigt ihn das. Früher wurden dazu reale Katastrophen endzeitlich ausgelegt, zum Beispiel die Pest im Mittelalter. Heute sind lebensbedrohlichen Zeiten nicht mehr der Auslöser.

Gehen Menschen auch wegen echter Probleme in solche Gruppen?

Der depressive Typ kommt aus der Angst, keine Gemeinschaft oder Liebe zu finden. Er sucht die verschworene Gemeinde, die sich zusammenkuschelt, weil sie nur so in die Arche passt. Es ist zum Beispiel bekannt, dass Anhänger der Zeugen Jehovas deutlich stärker zu Depressionen neigen als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Warum verraten uns die großen christlichen Kirchen nicht, wann die Welt untergeht?

In der christlichen Tradition ist sozusagen eine Bremse in das apokalyptische Denken eingebaut: Gott ist der Akteur. Gott ist auch Geheimnis, und das Geheimnis ist nicht entschlüsselbar. Also: Jederzeit und nie kann die Welt zu Ende gehen.

Einzelne Mutige wollten aber hinter Gottes Geheimnis kommen.

Ja, etwa der württembergische Kirchenvater Albrecht Bengel. Er lebte von 1687 bis 1752 und legte den Weltuntergang klugerweise auf den 18. Juni 1836, also absehbar lange nach seinem Tod. Auf die Weise hat er sich nur postum blamiert. So sollte man es als Berechner des Weltuntergangs immer halten. ■

Das Gespräch führte Jochen Paulus

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