Die Herde der Börsianer

In wenigen Minuten Tausende von Mark zu verdienen – darin liegt der Reiz der Börse. Was die Aktienkurse schwanken läßt, haben Wissenschaftler nun herausgefunden.

Der Wert eines Unternehmens bestimmt sich aus Daten wie Umsatz und Produktivität. Der Kurs einer Aktie allerdings richtet sich nach Angebot und Nachfrage: Hunderte von hektischen Börsenhändlern kaufen und verkaufen - manchmal scheint ein herumschwirrendes Gerücht zu genügen, damit der Kurs fällt. Der Bonner Ökonom Thomas Lux und der italienische Ingenieur Michele Marchesi aus Cagliari sind überzeugt, jetzt die wahre Ursache für das Auf und Ab der Börsenkurse entdeckt zu haben: den Herdentrieb der Börsenhändler.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, daß es zwei Arten von Börsianern gibt: Die "Fundamentalisten" vergleichen den Kurs einer Aktie mit ihrem inneren Wert, der von der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens abhängt. Ihre Kaufentscheidung wird von Informationen wie der Gewinnentwicklung des Unternehmens gesteuert.

Der zweite Händlertyp versucht dagegen, die Entwicklung des Marktes vorauszusagen. Die grundlegenden Daten eines Unternehmens kümmern ihn nicht: Ein "Chartist" kauft, wenn er erwartet, daß eine Aktie im Kurs steigen wird. Rechnet er mit einem fallenden Kurs, verkauft er die Aktien. Diese Strategie ist selbstverstärkend: Allein der Optimismus solcher Händler kann die Kurse zum Steigen bringen - unabhängig von der Entwicklung des inneren Wertes der Aktie.

Einzelne Händler ändern von Zeit zu Zeit ihre Strategie: Machen die Chartisten etwa mehr Profit als die Fundamentalisten, wechseln einige Fundamentalisten das Lager.

Lux und Marchesi stellten durch Computersimulationen fest, daß der Kurs einer Aktie im Mittel ihrem inneren Wert entspricht. Doch wenn sehr viele Chartisten aktiv werden, treten plötzliche Kursschwankungen auf. Erwarten die Chartisten beispielsweise steigende Kurse, führt dies zunächst zu einer größeren Nachfrage: Der Aktienkurs steigt tatsächlich. Dies ruft immer mehr Chartisten auf den Plan, die nun wie Schafe ihrer Herde folgen und den Aktienkurs durch weitere Käufe in die Höhe treiben.

Dieser Trend wird erst durch die Verkäufe der Fundamentalisten gestoppt, die nun die Aktie im Vergleich zu ihrem inneren Wert für überbewertet halten: Der Aktienkurs bricht ein.

Die Händler an der simulierten Börse folgen sehr einfachen Regeln. Dennoch stimmen die Kursschwankungen erstaunlich gut mit den tatsächlichen überein. Das Computerprogramm von Lux und Marchesi liefert allerdings nur statistische Angaben, zum Beispiel über die Häufigkeit von Börsencrashs - über die Kursentwicklung einzelner Aktien verrät es nichts.

Johannes Berg

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