Ruhrpott im alten Persien

Vor 5000 Jahren entstand im iranischen Hochland ein gewaltiges Industriegebiet. In grossem Stil wurde Kupfer verhüttet. Versorgte das noch unbekannte Kupfer-Reich die Hochkulturen der Alten Welt mit dem begehrten Metall?

„Wenn wir in Arisman an der Oberfläche kratzen, sind wir schon im 4. Jahrtausend", charakterisiert Prof. Hermann Parzinger das Tempo seiner Zeitreise in die Vergangenheit. Arisman ist ein gottverlassenes Nest zwischen Teheran und Isfahan, und der Archäologe ist einer völlig unbekannten, prähistorischen Kultur auf der Spur. Im iranischen Hochland gab es offenbar ein noch gesichts- und geschichtsloses Reich, „an der Schwelle zur Hochkultur", formuliert vorsichtig der Leiter der Eurasienabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin. Schriftliche Quellen über diese Kultur zwischen den großen Kulturräumen Zweistromland (Mesopotamien) und Industal (Mohenjo Daro, Harappa) existieren nicht, aber die archäologischen Funde sprechen Bände: Arisman war eine vorgeschichtliche Industrieregion – geballt wie das Ruhrgebiet. „ Einen Platz wie diesen kennt man im ganzen Vorderen Orient noch nicht", ordnet Parzinger seinen Fund ein. Der hartnäckige Dorflehrer von Arisman, Davoud Hasanalian, hatte mit Scherbenfunden erst das Interesse iranischer, dann deutscher Archäologen angeheizt. Nach einer Oberflächenuntersuchung (Survey) war sich Parzinger mit seinem iranischen Kollegen, Rasool Vatandoust, einig, dass hier Geschichtsumstürzlerisches zu finden sei. Gewaltige Mengen an Schlacken und Ofenruinen belegten eine ausgedehnte antike Kupferproduktion. Die beiden Archäologen waren elektrisiert: Kupfer ist das erste Metall, das sich der Mensch aneignete und das ihn aus der Steinzeit katapultierte. Neben Getreideanbau und Viehzucht war Metallgewinnung eine der revolutionären Innovationen der frühen Menschheitsgeschichte. Nach erfolgreichen Verhandlungen entstand das iranisch-deutsche „ Arisman-Projekt" mit gemeinsamer Finanzierung, Verantwortung und Arbeit. Auf deutscher Seite fand sich ein bewährtes Trio zusammen, das bereits in Zentralasien nach den frühgeschichtlichen Zinnvorkommen fahndet (siehe bild der wissenschaft 10/2001, „Zinnrausch in Zentralasien"): Hermann Parzinger untersucht mit seinem iranischen Kollegen Naser N. Chegini die Industriestadt Arisman. Prof. Ernst Pernicka von der sächsischen Bergakademie Freiberg sucht mit dem iranischen Geologen Morteza Momenzadeh speziell nach dem Kupfererz, das in Arisman verhüttet wurde. Prof. Gerd Weisgerber und sein Nachfolger Dr. Thomas Stöllner vom Bergbau-Museum Bochum forschen mit Unterstützung ebenfalls von Morteza Momenzadeh nach den antiken Bergwerken. Momenzadeh führte die beiden Bergbauarchäologen Weisgerber und Stöllner nach Veshnoveh, 45 Kilometer nordwestlich der Provinzstadt Kashan zu einem Uralt-Bergwerk. Dort fanden sie eindeutig prähistorische Abbauspuren und die Steinschlägel der Kupfer-Kumpel. Exakt datierbare Funde, etwa Keramikscherben, haben sie noch nicht, da sie durch einen Schatzfund an ihrer eigentlichen Suche gehindert wurden (siehe Kasten „Opferkult im Bergwerk"). Der Archäometallurge Pernicka will seinen Erzproben in diesen Wochen mit aufwändigen und komplizierten naturwissenschaftlichen Methoden entlockt haben, ob sie in Arisman verhüttet wurden. Darüber hinaus hat er in der Nähe von Arisman viel versprechende Kupfervorkommen gefunden, allerdings fehlen hier noch die antiken Bergwerke. Parzinger hat nach zwei Kampagnen, naturgemäß, am meisten Handfestes vorzuweisen. Nach den geophysikalischen Prospektionen des bewährten Münchner Duos Helmut Becker und Jörg Faßbinder und vier Grabungsschnitten steht fest: Arisman erstreckt sich in der Ebene vor dem schroffen Karkasgebirge auf mindestens 200000 Quadratmeter. Neben schlichten Wohnhäusern und weiterverarbeitenden Werkstätten für Metall und Ton stechen ganze Batterien von Verhüttungsöfen ins archäologische Auge. Nach Augenschein und geophysikalischer Kartierung kommt an manchen Stellen auf jeden Quadratmeter eine Verhüttungsanlage. „Das muss man industriell nennen", resümiert Parzinger. An einer Stelle fanden die Archäologen 33 hinter- und ineinandergebaute Öfen. Tiegel zum Auffangen des ausgeschmolzenen Metalls, Gussformen für Metallbarren und Geräte, kleinere Kupferobjekte und Unmengen an Schlacken belegen: Hier wurde Kupfer in großem Stil gewonnen und verarbeitet – und zwar weit mehr als örtlich gebraucht wurde. Und: Arisman hatte nur diese Aufgabe. Der Ort war eine reine Industriesiedlung, es gibt bislang keinerlei Anzeichen für Kult-, Verwaltungs- oder Palastbauten, hier wurde nur malocht. Die Schlacken, also das ausgebrannte Erz, und zahllose gebrannte Tonscherben geben den Kulturforschern die Zeitskala: Eine individuelle, sehr schöne Keramik und eine schon umfangreiche Kupferproduktion datieren in die ältere Periode „Sialk III" (ausgehendes 5. und 4. Jahrtausend). Die massenhafte – weniger schöne – Keramikproduktion und die industrielle Kupferverhüttung liegen in „Sialk IV" (ausgehendes 4. und 3. Jahrtausend). Die Periodenbezeichnung „Sialk" stammt von dem großen Siedlungshügel Tepe Sialk in der Nähe der modernen Stadt Kashan, 60 Kilometer nördlich von Arisman (siehe Karte). Dort gab es in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts die bislang einzige Grabung in der ganzen Region. Aus deren Funden wurde die Zeitenfolge abgeleitet. Der allmählich wie Brei zerfließende Lehmberg mit seinen vermutlich 20 Siedlungsschichten könnte eine Schlüsselrolle bei der archäologischen Erschließung der antiken Landschaft haben. Denn ein so spezialisierter Nur-Arbeitsort wie Arisman setzt voraus: Eine hierarchisch gegliederte Gesellschaft mit dominierender Führung, einen zentralen Verwaltungs- und Herrschersitz, von dem aus der Fernhandel mit benachbarten oder auch weit entfernten Kulturzonen organisiert wurde – vor 5000 Jahren. Das alles könnte sich im Tepe Sialk manifestieren. Der Berg ruft förmlich nach dem Spaten, dennoch will der DAI-Archäologe erst die Arbeitsstadt Arisman ergründen – zwei solcher Großprojekte sind zugleich nicht zu schaffen. Parzinger: „ Wir verlieren den Berg aber nicht aus den Augen." Darf er auch nicht, denn den Berliner Kulturforscher interessiert speziell der Ideenaustausch zwischen den Regionen des antiken Eurasiens – dazu braucht er das politische und kulturelle Zentrum der noch unbekannten, aber handfest greifbaren Kultur im iranischen Hochland. Ein Blick auf die Karte drängt Verbindungen zu den Nachbarkulturen in Mesopotamien und im Industal geradezu auf. In der Ebene von Sialk und Arisman müssen die Karawanen auf ihren Wegen von und nach Indien, Mittelasien und in den Vorderen Orient durchgekommen sein. Indizien für solchen Handel und Wandel gibt es – Schrifttafeln, Figuren, Keramik. Als Kronzeuge dient der archäologische Befund: In Arisman wurde Kupfer massenhaft hergestellt – in Mesopotamien und im Industal kommt Kupfer, der Innovationsmotor einer ganzen Menschheitsepoche, nicht vor. Es kam noch ein glänzender Beweis hinzu. Parzinger und Partner haben in Arisman Bleiglanz und spezielle Schmelztiegel gefunden. Aus Bleiglanz wird in „Kopulationsformen" Silber gewonnen. An die 40 dieser Tiegel sind aufgetaucht, „eine solche Konzentration an einem Ort gab es bislang nirgends im Vorderen Orient", staunt Parzinger. Silber kommt in Mesopotamien und im Industal ebenfalls nicht vor. Irgendwann zwischen 2000 und 2500 v.Chr. bricht die Entwicklung im Zentraliran ab – im Gegensatz zu Mesopotamien, wo die Zivilisation kontinuierlich voranschreitet. „Aus irgendeinem Grund hat die Region", mutmaßt Parzinger, „ihre Bedeutung verloren. Dabei muss man nicht immer an Umweltschäden durch Menschen oder an Naturkatastrophen denken. Vielleicht wurden andere Kupferquellen für die großen Abnehmer einfach interessanter." Opferkult im Bergwerk Dr. Thomas Stöllner vom Deutschen Bergbau-Museum in Bochum wollte eigentlich – im Zusammenhang mit dem Arisman-Projekt – den prähistorischen Kupferbergbau in der Gegend von Veshnoveh erforschen. Gemeinsam mit iranischen Kollegen sollten die alten Gruben vermessen und archäologisches Material gesammelt werden, um die Bergbauaktivitäten sicher datieren zu können. Zwar fand der Montanarchäologe aussagewillige Zeugen des frühen Bergbaus, er kam jedoch langsamer voran als geplant. In einem Stollen nämlich stießen die Archäologen auf massenhaft Geschirr und Schmuck aus Gold und Halbedelsteinen. Das hatten die Forscher in einem Bergwerk nicht erwartet. Die eigentlichen Pläne mussten in den Hintergrund treten. Die Funde sind dreieinhalb Jahrtausend jünger als die Spuren, die man gesucht hatte, von bronzezeitlichem Bergbau war da nicht mehr die Rede. Die Ausgräber wurden mitten in die Zeit der Sassaniden (3. bis 7. Jahrhundert n.Chr.) katapultiert. Nach und nach kamen fast 60 vollständige Gefäße zum Vorschein. Bronzene Fingerringe, Siegelringe mit Bilddarstellungen und Perlenketten aus kostbaren Materialien ließen die Finder staunen. Ein Ensemble aus gebändertem Achat, fleischfarbenem Karneol und blutrotem Granat lag den Archäologen zu Füßen. Die Halbedelsteine wurden im Iran gewonnen, die anderen Fundstücke sind von weit her importiert worden. Bernstein zum Beispiel gibt es hier selten, er musste von der Schwarzmeerküste – oder noch weiter von der Ostsee – per Fernhandel ins antike Persien gekommen sein. Bunte Glasperlen mit besonders schönem Muster ließ man sich zur Zeit der Sassaniden in Indien fertigen. Solche Preziosen konnten sich nur die Reichen leisten. Die Fundstelle steht unter Wasser. Stöllner und seine Mitarbeiter müssen sie erst trockenlegen, um die Funde sachgerecht bergen zu können. Dafür sind unter Luftabschluss organische Materialien erhalten geblieben – ein roter Stofffetzen aus Leinen, gedrechselte Holzgefäße, Getreide und Haselnüsse. Eine Silbermünze schafft Klarheit über die Zeit, in der die Dinge im Stollen niedergelegt wurden. Sie zeigt Schapur I., einen Sassanidenherrscher in der Mitte des 3. Jahrhunderts n.Chr. Der aufgelassene prähistorische Stollen scheint nach vielen Jahrhunderten als Kultstätte benutzt worden zu sein. Vor allem Frauen haben in dieser Höhle ihre Preziosen dargebracht. Wem opferten sie? Denkbar ist ein Zusammenhang mit der altpersischen Wassergöttin Anahita. Sie sollte die Wünsche der Frauen erfüllen und für einen guten Ehemann oder eine leichte Entbindung sorgen. Im Frühjahr 2002 fährt Thomas Stöllner wieder in den Iran. Er will den bronzezeitlichen Bergbau weiterverfolgen – aber die sassanidische Opferstelle wird wiederum einen Großteil der Arbeitskraft binden.

Kompakt

Kupfer war das erste Metall, das sich der Mensch aneignete. Das gelbe Metall katapultierte den prähistorischen Menschen aus der Steinzeit. Archäologen fanden jetzt im iranischen Hochland die älteste Kupferindustrie.

Michael Zick / Almut Bick

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