DER MYTHOS VOM MULTITASKING

Die Kunst, vieles gleichzeitig zu tun, steht hoch im Kurs. Doch geht das überhaupt?

Angeblich können Frauen das ohne Probleme: Telefonieren, E-Mails lesen und nebenher im Fernsehen die Nachrichten verfolgen. Zahlreiche repräsentative Untersuchungen zeugen davon. So ergab eine Studie der Partnervermittlungsagentur Elite-Partner mit mehr als 10 000 deutschsprachigen Singles, dass drei Viertel der Frauen „Multitasker" waren, aber nicht einmal die Hälfte der Männer. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine von der Firma Intel in Auftrag gegebene Befragung: Männer widmen sich lieber nur einer Sache, während Frauen es vorziehen, sich mit unterschiedlichen Dingen zugleich zu beschäftigen. Und: 80 Prozent aller befragten Männer und Frauen waren sich einig, dass das weibliche Geschlecht mit dem Multitasking besser zurechtkommt.

Der Begriff stammt aus der Informatik und bedeutet dort, dass ein Betriebssystem mehrere Prozesse in sehr kurzen Abständen abwechselnd aktiviert und damit scheinbar gleichzeitig bewerkstelligt. Die Meinungsumfragen liefern allerdings keine Beweise für die Multitasking-Fähigkeit bei Menschen. Und wissenschaftlich ist nicht erwiesen, dass Frauen im Gegensatz zu Männern auf verschiedenen Baustellen gleichzeitig agieren können. Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther glaubt zwar, dass Frauen besser darin sind, mehrere Dinge parallel zu tun – allerdings: „ Sie können es nur auf der sensorischen Ebene und auch da nur, weil Übung die Meisterin macht." Als klassisches Beispiel nennt Hüther Mütter, die gleichzeitig ihre drei Kinder im Auge behalten, das Süppchen auf dem Herd vorm Überkochen bewahren und der Freundin am Telefon zuhören. Würden Männer das trainieren, wären sie dazu ebenfalls in der Lage, ist Hüther überzeugt. Menschliches Multitasking ist das jedoch nicht.

„Das gibt es gar nicht", glaubt Ernst Pöppel, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie der Ludwig-Maximilians Universität München. „Es ist physiologisch für das Gehirn nicht möglich." Jeder Versuch der Gleichzeitigkeit endet dort, wo das Gehirn nicht nur wahrnehmen, sondern auch reagieren muss. „Zu einem bestimmten Zeitpunkt kann immer nur ein einziger Sachverhalt im Zentrum des Bewusstseins stehen", sagt Neuropsychologe Pöppel. Wenn das Gehirn bewusst Entscheidungen treffen muss, richtet sich seine Aufmerksamkeit nur auf einen Punkt. Im Hintergrund können Handlungen gleichzeitig ablaufen, die „wir aber nur mit quasi gleitender Aufmerksamkeit verfolgen, wie Musikhören beim Autofahren", erklärt Pöppel. Wer glaubt, mehreres gleichzeitig erledigen zu können, irrt. In Wirklichkeit springen die Gedanken rasch zwischen den verschiedenen Tätigkeiten hin und her. Das aber ist – wen überrascht es – wenig effizient, wie eine Untersuchung von David Meyer und Jeffrey Evans von der University of Michigan bestätigt hat.

Die amerikanischen Hirnforscher konfrontierten ihre Studienteilnehmer mit einer Reihe unterschiedlich vertrauter Aufgaben. Die Umstellung auf die neue Anforderung kostete jedes Mal Zehntelsekunden. Je komplizierter die Aufgabenstellung war, desto höher war auch der Zeitverlust. Dazu sanken Wahrnehmung und Reaktionsschnelligkeit, während gleichzeitig die Fehlerquote stieg. Löste eine der Tätigkeiten dazu noch starke Emotionen aus, sank die Konzentrationsfähigkeit bei den anderen Aufgaben gegen Null. Das Ergebnis: Wer sich nicht mindestens zehn Minuten am Stück auf eine Sache konzentriert und sich ihr ohne Unterbrechung widmet, braucht für alles bedeutend länger. Denn die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns sinkt um bis zu 40 Prozent, wenn es ständig zwischen mehreren Tätigkeiten hin- und herwechseln muss.

Was Meyer und Evans herausgefunden haben, lässt sich immer wieder im Alltag beobachten. Der Aachener Psychologieprofessor Iring Koch wurde an der Supermarktkasse fündig: „Es lagen drei Milchpackungen auf dem Band, die die Kassiererin stereotyp über den Scanner ziehen musste. Bei der ersten funktionierte das problemlos – doch dann klingelte das Telefon", erzählt er. „Sie ging dran, und dabei stockte selbst eine so simple Aufgabe wie das Scannen der Ware. Telefonieren und dabei gleichzeitig Milchtüten übers Band ziehen – damit war das Gehirn schon überfordert." Erstaunt hat den Psychologen diese Beobachtung nicht. Seit über zehn Jahren forscht und publiziert Iring Koch zur „Interferenz in Doppelaufgaben", wie das Multitasking im Fachjargon genannt wird. Immer wieder hat er dabei festgestellt: Selbst scheinbare Gleichzeitigkeit erzeugt Probleme. Und nicht nur das: Die überwiegende Mehrheit der Menschen – Männer wie Frauen – fühlt sich durch parallel anfallende Aufgaben gestresst. „Auch wenn die Leistung konstant bleibt, nehmen die Menschen so etwas meist als anstrengender wahr", erklärt Koch. „Sie haben das Gefühl, dauernd auf einen neuen Reiz oder eine Information reagieren zu müssen."

Doch es gibt Menschen, die diese Form der Arbeit schätzen, weil sie es lieben, immer neue Reize zu spüren. Solche Menschen haben verkürzte Aufmerksamkeitsspannen, fanden Psychologen von der Harvard University heraus. Sie „zappen" zwischen verschiedenen Tätigkeiten hin und her und wollen gar keine langfristigen Projekte, weil sie sich auf deren Inhalt nicht einlassen und konzentrieren können. Doch diese „ Multitasking-Junkies" sind in der Minderheit. Die meisten Angestellten leiden vielmehr darunter, dass ihr Arbeitsplatz ihnen nicht die Möglichkeit gibt, sich konzentriert jeweils einer Aufgabe zu widmen. Sie werden bei ihrer Arbeit ständig unterbrochen, weil zum Beispiel die prompte Beantwortung der E-Mails von ihnen genauso erwartet wird wie die ständige Verfügbarkeit per Telefon.

„Die Firmen täten besser daran, den Multitasking-Druck, der auf den Angestellten lastet, zu vermindern", meint Psychologe Koch. Davon würden alle profitieren: die Firmen, weil weniger Fehler gemacht und engagierter gearbeitet würde – und die Mitarbeiter, weil sie weniger gestresst und somit weniger krankheitsanfällig wären. „In einer idealen Arbeitsatmosphäre kann ich die Dinge nacheinander erledigen", sagt der Aachener Professor, der sich nur alle zwei Stunden über eingehende E-Mails unterrichten lässt und deshalb bei seiner Forschung nicht so häufig unterbrochen wird. „Dieses Nacheinander lässt sich leicht erlernen", meint Koch. Und mit ein bisschen Übung können es Männer und Frauen dabei gleich weit bringen. ■

Als freie Wissenschafts- journalistin und Mutter ist Kathryn Kortmann daran gewöhnt, immer mehrere Dinge im Auge zu behalten.

von Kathryn Kortmann

KOMPAKT

· Das Gehirn kann verschiedene Sinnesreize gleichzeitig verarbeiten. Doch es ist nicht in Lage, parallel auf mehrere Reize zu reagieren.

· Wenn das Gehirn zwischen verschiedenen Aktivitäten schnell hin- und herschalten muss, kann seine Leistungsfähigkeit auf fast die Hälfte sinken.

· Dabei gibt es keine wissenschaftlich erwiesenen Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

MEHR ZUM THEMA

LESEN

Iring Koch Mechanismen der Interferenz in Doppelaufgaben Psychologische Rundschau 59 (2008), 24–32

Internet

Studie des Zentrums Mensch-Maschine-Systeme von der Technischen Universität Berlin zur Multitasking-Fähigkeit bei Menschen: www.zmms.tu-berlin.de/prometei/down load/publikationen/jki/anthropo technik2006_jki_lur.pdf

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