Der Geist ist ausbaufähig

Steckt Genialität nicht nur im Gehirn eines Menschen, sondern auch in seinen Hilfsmitteln wie Stift, Papier und Computer? Ein Gespräch mit dem theoretischen Philosophen Holger Lyre. Das Gespräch führte Maren Emmerich Holger Lyre Der studierte Physiker, Philosoph und Neuroinformatiker (*1965) hat in Philosophie promoviert und dann die wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Philosophie der Naturwissenschaften, Wissenschafts- und Erkenntnistheorie sowie die Neurophilosophie, die den Zusammenhängen zwischen Gehirnvorgängen und Denken nachspürt. Seit 2009 hat Lyre einen Lehrstuhl für theoretische Philosophie an der Universität Magdeburg inne.

bild der wissenschaft: Herr Professor Lyre, Sie sagen, Sie denken mit Ihrem Smartphone. Wie kommen Sie darauf?

Holger Lyre: Ein Smartphone kann mir dabei helfen, den Weg zu finden oder mich zu erinnern. Es ist also zunächst ein Werkzeug, noch kein Teil meines Denkens. Die These der erweiterten Kognition, die wir hier diskutieren, besagt aber, dass solch ein Werkzeug unter geeigneten Bedingungen Teil unseres kognitiven Systems, also unseres Denkens, werden kann. Ihre Telefonnummer beispielsweise habe ich mir nicht gemerkt, aber ich habe sie in meinem Smartphone gespeichert. Ohne mein Smartphone kenne ich Ihre Nummer nicht. Aber das vergrößerte System, das aus dem Smartphone und mir besteht, hat Zugriff auf Ihre Nummer. Jetzt ist die Frage, ob dieses vergrößerte kognitive System eine Einheit darstellt. Wenn ich viel mit meinem Smartphone mache und mich sehr stark darauf verlasse, dann würde ich sagen: Ja, man kann mich und das Gerät als ein kognitives System betrachten.

Worin bestehen für Sie die Grenzen unseres Geistes?

Neurowissenschaftler sehen den Sitz des Kognitiven typischerweise im Nervensystem natürlicher Lebewesen. Gemäß der These der erweiterten Kognition können kognitive Systeme aber größer sein. Das kognitive System kann sich ausweiten und dadurch wirkungsmächtiger werden. Damit ist ein Weg eingeschlagen, dessen Grenzen wir noch nicht absehen können.

Was macht die These der erweiterten Kognition denn so revolutionär?

Die These besagt, dass wir zum Denken mehr benötigen als unser Gehirn und unser Nervensystem. Dem Mann auf der Straße würde diese Idee wahrscheinlich nicht sofort einleuchten. Er würde natürlich sofort akzeptieren, dass wir allerlei Werkzeuge verwenden, etwa Stift und Papier, die uns bei unseren Denkprozessen helfen. Mit Büchern, Computern oder Smartphones haben wir in unserer Kultur eine Fülle von derartigen Werkzeugen. Aber, so sagt der Gegner der These, das sind eben alles nur Werkzeuge und nichts, was konstitutiv ist für das System.

Was verstehen Sie unter „konstitutiv"?

Ich meine alles, was dazugehört, wenn man fragt: „Was macht denn Kognition aus?" Gegner der These werfen uns vor, dass wir eine Kopplung mit einem externen Werkzeug verwechseln mit Dingen, die Teil des Systems sind. An etwas angekoppelt zu sein und für etwas konstitutiv zu sein, ist nicht dasselbe. Ich bin kausal mit allem Möglichen verkoppelt, was aber deswegen noch lange nicht konstitutiv ist für mich und meine Tätigkeit.

Können Sie hierfür ein Beispiel geben?

Wenn ich ein Loch in den Boden grabe, dann kann ich das mit den Händen tun, und jeder wird sagen: „Das Loch hat dieser Mann gegraben." Wenn ich eine Schaufel verwende, dann würde man nicht sagen, das System „Mensch plus Schaufel" habe das Loch gegraben. Sondern man würde sagen: „Es war immer noch dieser Mann, der das Loch gegraben hat, und er hat eine Schaufel zu Hilfe genommen." Das ist in meinen Augen auch richtig, denn Schaufeln sind keine Werkzeuge, mit denen ich eng verwoben bin, sondern solche, die ich manchmal zu Hilfe nehme und dann wieder zurückstelle. Dasselbe gilt im Prinzip für die Frage, wann etwas nur ein Werkzeug der Kognition ist und wann es mehr wird. Zuallererst kommt es darauf an, wie stark man mit dieser externen Komponente, also mit diesem Werkzeug, verkoppelt ist. Wenn die Kopplung sehr innig, sehr stabil, quasi unentwirrbar ist, dann kann man irgendwann sagen: „Die Kopplung ist jetzt so stark, dass diese Sache wirklich wesentlich dazugehört und ein Teil des Systems ist."

Werden durch solche Erweiterungen die individuellen Unterschiede in der kognitiven Leistungsfähigkeit eher größer oder kleiner?

Das ist schwer zu sagen, aber wir können die Diskussion ja auf andere Bereiche übertragen. Fahren dadurch, dass man leistungsverstärkende Drogen nehmen kann, alle Fahrradfahrer gleich schnell? Ganz so weit ist es noch nicht. Wir stellen aber durchaus fest, dass die individuellen Unterschiede an der Spitze immer kleiner werden. Der Grund hierfür ist, dass man offenbar mit solchen Mitteln näher an die biologischen Grenzen herankommt. Etwas Ähnliches erwarte ich auch in anderen Bereichen. Aber ich bin hierfür kein Experte.

Wenn wir schon beim Sport sind: Inwiefern lässt sich die These der erweiterten Kognition auf den Sport übertragen? Müssen wir die Sportgeräte, die wir benutzen, als Teil des Körpers betrachten?

Ja, genau. Wenn man beschreiben soll, was ein Tischtennisspieler oder ein Klavierspieler macht, oder wer auch immer virtuos mit einem Werkzeug umgeht, dann fällt die Grenze von Körper und Umgebung weg. Denn der Tischtennisspieler steuert seine Bewegungen nicht nur mithilfe körperlicher Prozesse, sondern er nimmt auch die Zustände des Schlägers wahr und die Situation, in der er sich gerade befindet, also den momentanen Luftwiderstand und so weiter. Er erahnt, welchen Weg der gegnerische Ball nehmen wird, lange bevor er den Ball schlägt. Es wäre unmöglich, Tischtennis mit einer so hohen Geschwindigkeit zu spielen, wenn es solche Rückkopplungsschleifen aus Wahrnehmung und Bewegung nicht gäbe. Ein weiteres Beispiel hierfür ist, dass das Körpermodell eines Blinden nicht an seinem Zeigefinger endet, sondern, wenn er mit seinem Blindenstock gut umzugehen gelernt hat, an der Grenze des Blindenstockes.

Können Computer oder andere kognitive Werkzeuge auch unser kreatives Potenzial erweitern?

Vielleicht kann man es so sehen: Bei der Kreativität geht es darum, Neues hervorzubringen. Die Frage ist also: Wie kommen wir zu Neuem? Für einen Vertreter unserer These ist ein denkendes Wesen je nach den Umständen und der Umgebung, in der es sich befindet, und der Hilfsmittel, derer es sich bedient, immer wieder ein anderes. Ich empfinde mich als einen anderen, wenn ich in meinem Arbeitszimmer sitze und einen wissenschaftlichen Artikel schreibe, als wenn ich am Strand liege und dort dasselbe tue. Am Strand fällt mir das wesentlich schwerer. Man braucht offenkundig eine geeignete Umgebung für sein Handeln.

Unsere Umgebung wird also zu einem Teil unserer Person?

Innige Kopplung vorausgesetzt, würde ich es so ansehen, dass man sich in der Tat bestimmte Umgebungskomponenten einverleibt und dabei tatsächlich ein anderer wird, je nachdem, wo man sich befindet. Wenn es darum geht, wie man Neues entwickeln kann, dann ergibt sich daraus folgende Sichtweise: Ist man immer wieder mal ein anderer, nimmt immer wieder andere Inhalte auf und denkt auf andere Weise über sie nach, verändert man das eigene kognitive System so, dass darin Neues auftreten kann.

Wenn man kognitive Hilfsmittel als Teil unseres Denkens betrachtet, werden dann Menschen, die solche Instrumente entwickeln, zum Beispiel Software-Programmierer, immer wichtiger?

Das ist doch gar keine Frage! Dass Informationstechnologien immer wichtiger werden, das wissen wir, das sehen wir. Die größten Entwicklungen in den letzten beiden Generationen waren der Computer und das Internet. Das waren Revolutionen, die unsere Welt drastisch verändert haben. Übrigens war es auch schon früher so, dass genau die Technologien, die die größten gesellschaftlichen Veränderungen bewirkten, sich am schnellsten weiterentwickelt haben. Das war sowohl beim Buchdruck der Fall als auch bei der Erfindung der Sprache. Beides waren durchbruchhafte, revolutionäre Entwicklungen. An deren Stelle treten heute die Informationstechnologien. Nur die Beschleunigungen werden immer schneller und schneller.

Wie sieht es mit dem eigenständigen Denken aus? Das kann uns ja bisher kein Computer abnehmen.

Natürlich ist und bleibt das eigenständige Denken eine unserer wichtigsten kognitiven Leistungen. Zwischen Ihnen und mir besteht ein großer Unterschied, auch wenn wir denselben Computer und das gleiche Smartphone benutzen. Aber wir alle werden kognitiv potenter. Das wissen wir natürlich auch unabhängig von unserer These. Dass wir heute weiter sind als der Steinzeitmensch, ist ja offenkundig.

Unabhängig von der These der erweiterten Kognition – wer ist für Sie ein Genie?

Natürlich denkt man als Physiker und Wissenschaftstheoretiker dabei sofort an Einstein. Ich habe mich viel mit Einstein beschäftigt und würde auch sofort zustimmen, dass Einstein den Archetypus eines genialen Menschen darstellt. Ich würde auch Picasso als Beispiel für einen genialen Künstler anführen. Diesen Menschen ist offenbar das, was sie tun, in einer Weise leichtgefallen, wie das bei einem weniger genialen Menschen nicht der Fall ist. Wir Normalen brauchen, wenn wir eine kognitiv hochstehende Aufgabe haben, erst einmal Zeit, um uns einzuarbeiten. Und wenn wir abgelenkt werden, müssen wir uns wieder neu auf unsere Aufgabe konzentrieren. Die meisten Menschen brauchen für solche Dinge ungeheuer viel Zeit. Und das macht Genies aus: Bei ihnen sind diese Ein- und Ausschaltzeiten extrem verkürzt.

Wollen Sie damit sagen, Einstein und Co. fielen ihre Geniestreiche einfach zu, ohne dass sie sich groß anstrengen mussten?

Nein, das soll auf keinen Fall heißen, dass Einstein sich seine Leistungen nicht abringen musste, im Gegenteil. An Einstein sieht man, dass er an den Aufgaben, die er sich gestellt hatte, geradezu physisch litt. Er ist in den Jahren besonders stark gealtert, in denen er die Allgemeine Relativitätstheorie am stärksten vorangebracht hat. Die Fähigkeit, ein Genie zu sein und intelligente, kreative und kognitive Höchstleistung zu vollbringen, ist echte Knochenarbeit. Aber ein Genie ist vielleicht einfach eher bereit als andere, sich darauf einzulassen. ■

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„Der Geist ist ausbaufähig"

INTERNET

Homepage von Holger Lyre mit einer Zusammenfassung der These der erweiterten Kognition: http://lyre.de/

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Tagungsband eines Symposiums mit einem Beitrag von Holger Lyre: Rainer Rosenzweig (Hrsg.) GEISTESBLITZ UND NEURONENDONNER Mentis, Paderborn 2010, € 29,80

Gut zu wissen: Erweiterte Kognition

Im Zentrum der These der erweiterten Kognition steht die Frage nach der Grenze zwischen dem menschlichen Geist und dem Rest der Welt. Für die Vertreter dieser These, die vor allem durch eine Publikation der Philosophen Andy Clark und David Chalmers im Jahr 1998 bekannt wurde, ist unsere Kognition nicht auf die physischen Grenzen unseres Kopfes beschränkt. Für einen Alzheimer-Kranken kann demnach beispielsweise ein Notizbuch, in dem er eine Adresse notiert hat, ein vollwertiger Ersatz für das Gedächtnis darstellen.

Über Körper, Elemente aus der nahen Umgebung und kognitive Hilfsmittel wie ein Notizbuch hinaus kann sich unsere Kognition der These zufolge auch auf unsere soziale Umgebung ausdehnen. Allerdings müssen externe Komponenten der Kognition bestimmte Voraussetzungen erfüllen: So muss eine externe Erweiterung exakt dasselbe leisten wie das biologische System, das diese Aufgabe normalerweise erfüllt. Darüber hinaus müssen externe Komponenten der Kognition sehr eng mit dem ursprünglichen kognitiven System verbunden sein, dem sie zugeschlagen werden. Robustheit, Verlässlichkeit und ein schneller Zugriff auf die externen Komponenten gelten als wichtige Kriterien der Kopplung.

Allerdings fehlt bisher eine einheitliche Definition dessen, was überhaupt unter „Kognition" zu verstehen ist. Deshalb hat die Diskussion über die These der erweiterten Kognition dazu geführt, dass Philosophen nun wieder verstärkt darüber diskutieren, was den menschlichen Geist eigentlich ausmacht. Abgesehen von der akademischen Diskussion hätte die These der erweiterten Kognition, würde sie allgemein akzeptiert, auch juristische Auswirkungen. Wenn man beispielsweise das Notizbuch eines Alzheimer-Patienten als Teil seiner Person betrachten würde, wäre dessen Entwendung weit mehr als nur Diebstahl.

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