HEILKRAFT AUS FRAUENBLUT

Eine australische Forscherin hat eine außergewöhnliche Quelle für Stammzellen entdeckt: Menstruationsblut. Es soll helfen, Amputationen zu verhindern.

„Menstruationsblut ist für viele Ärzte ein Aschenputtel-Gewebe" , bedauert Caroline Gargett vom Monash Medical Centre im australischen Clayton. Sie selbst sieht das anders. Richtig euphorisch spricht sie über die Körperflüssigkeit, die Millionen Frauen mit dem Hygienebeutel in den Abfall werfen: Nutzlos sei das Monatsblut keineswegs, es könne sogar zur Arznei avancieren. Denn vor zwei Jahren wies die australische Gynäkologin Stammzellen im Regelblut nach. Sie sind Bestandteile der Gebärmutterschleimhaut, die am Ende jedes Zyklus abgebaut wird. Kein Gewebe wächst so rasant, schwillt in nur zwei Wochen auf einen Zentimeter Dicke an und ist derart dicht von Blutgefäßen durchzogen. Allen Rekorden zum Trotz kümmerte es jahrelang kaum einen Forscher, was das Wachstum im Uterus antreibt und was die Zellen schließlich austreibt. Noch immer reagieren Fachleute verblüfft, wenn Gargett die Lösung auf Konferenzen präsentiert: ausgesprochen teilungsfreudige Stammzellen. „Ah, wirklich!", staunen die Kollegen. „Über dieses Gewebe habe ich noch nie nachgedacht!"

Inzwischen wurden aus den wandlungsfähigen Zellen neun verschiedene Gewebe gezüchtet: Knochen-, Herz-, Fett-, Muskel-, Nerven- und Leberzellen, Zellen der Lungenschleimhaut, der Bauchspeicheldrüse sowie der inneren Blutgefäßwände. Taugt das Monatsblut womöglich zum Gewebeersatz und für regenerative Therapien? Können dank der monatlich fließenden Spende bald Herzkrankheiten kuriert werden? Zwei Jahre nach ihrer Entdeckung registriert Gargett ein wachsendes Interesse. Einige Forschergruppen in Japan ergründen bereits die ungewöhnliche Stammzellquelle, zwei amerikanische Teams haben sich angeschlossen. In Europa dagegen verschläft man den neuen Trend. Derweil haben US-Geschäftsleute die Nutzung des Regelbluts schon patentiert. Die Blutbank „Cryo-Cell" bietet an, eine Portion Monatsblut einzulagern. Für sagenhafte 499 US-Dollar im ersten Jahr und 99 Dollar für jedes weitere kann jede Frau „C'elle – Ihr monatliches Wunder", wie es auf der Webseite heißt, aufbewahren lassen. Dass monatlich (bis zu den Wechseljahren) neuer Nachschub garantiert ist, unterschlagen die Betreiber. Auch, dass es bisher keine einzige abschließend geprüfte Therapie mit den Wunderzellen gibt.

BLUTGEFÄSSE SPROSSEN WIEDER

Immerhin hat das amerikanische Unternehmen Medistem in Tempe, Arizona, die ersten Heilversuche am Menschen unternommen. „Wir schlagen die Stammzellen aus dem Menstruationsblut als neue Alternative zu bekannten Stammzellquellen vor", verkündet Firmenforscher Thomas Ichim. Medistem plant die erste klinische Studie an Patienten mit schweren Durchblutungsstörungen, denen die Amputation eines Beins droht. Diesem Eingriff müssen sich jedes Jahr alleine in Deutschland 60 000 Menschen unterziehen. Die Stammzellen sollen das verhindern. Das Unternehmen stützt seine Hoffnungen auf Tierversuche von 2008: Mäuse, denen die Forscher die Oberschenkelarterie durchtrennt hatten, konnten wieder laufen, nachdem man ihnen die wandlungsfähigen Zellen eingespritzt hatte. In dem Bein sprossen neue Blutgefäße. „Bei den übrigen Mäusen starb das Bein ab", so Ichim.

Die Sicherheit der Therapie sei ebenfalls bewiesen, beteuert der Mann, der eine Anstellung an der University of California im Rücken hat, falls aus der Kommerzialisierung der menstruellen Stammzellen nichts werden sollte. Vier Patienten mit dem Nervenleiden Multiple Sklerose hätten die Zellen ausnahmslos gut vertragen, schreibt Medistem im Februar 2009 im Journal of Translational Medicine. Den Testpersonen wurden jeweils bis zu 30 Millionen Zellen gespritzt. Es sei zu keinen Abwehrreaktionen gekommen. Normalerweise wehrt das Immunsystem körperfremde Zellen ab. Ichim erklärt die unerwartet gute Verträglichkeit so: „Diese Zellen werden vom Immunsystem nicht als fremd erkannt, sonst würde doch auch das Kind im Mutterleib auf sie reagieren. Es hat ja ein anderes Immunsystem als die Mutter."

ZWEI WERTVOLLE MILLILITER

Gesunde Nichtraucherinnen im Alter von 18 bis 30 Jahren hatten dem Unternehmen zwei Milliliter, etwa einen Esslöffel, ihres Regelblutes gespendet. Dazu führten sie einen kleinen Menstruationsbecher, ähnlich einem Tampon, ein. Die gespendete Menge sei ausreichend, um 10 000 Menschen zu behandeln, hat Ichim ausgerechnet. Die Stammzellen werden aus der Blutprobe isoliert und auf Glasplatten vermehrt. Verglichen mit anderen Stammzellen teilen sie sich extrem rasch und verdoppeln ihre Zahl alle 19 Stunden. Dennoch haben auch sie einen Nachteil, wie Caroline Gargett festgestellt hat: „Vom mikrobiellen Standpunkt aus ist das Menstruationsblut eine ziemlich schmutzige Angelegenheit. Da sind unglaublich viele Bakterien drin." Deshalb müssen die geernteten Zellen für eine Transplantation gereinigt werden. „Wir geben der Zellkultur hohe Dosen an Antibiotika zu, um Keime abzutöten", erklärt Ichim.

Im Menstruationsblut finden sich zwei Kategorien von Stammzellen. Die am häufigsten vertretene Klasse ähnelt den Knochenmark-Stammzellen. Daher können sie ähnlich wie diese eingesetzt werden. Stammzellen aus dem Knochenmark sind bekannt dafür, dass sie neue Blutzellen bilden und so Leukämie heilen können. Sie wurden zudem in mehreren klinischen Studien für eine weitere Anwendung getestet: für schwere Durchblutungsstörungen. Die publizierten Ergebnisse seien vielversprechend, loben Forscher des Universitätsmedizinischen Zentrums in Utrecht, die 18 klinische Untersuchungen kritisch ausgewertet haben. Ichim dagegen meint, dass menstruelle Stammzellen deutlich überlegen sind. Denn: Knochenmark-Stammzellen können nur schlecht Blutgefäße bilden, während die Zellen der Frau geradewegs dafür geschaffen sind – jeden Monat bringen sie unzählige neue Äderchen in der Gebärmutter hervor. „Deshalb denken wir, dass sie vor allem für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Frage kommen", sagt Ichim, „bei denen neue Gefäße gebraucht werden: Herzinfarkt, Herzversagen und eben Durchblutungsstörungen." So eingängig seine Argumente erscheinen, die Belege stehen noch aus. Auch Caroline Gargett ist vorsichtig: „Wir müssen abwarten, wie sich das Aschenputtel-Gewebe in klinischen Studien verhält."

HILFE GEGEN FRAUENLEIDEN

Eines ist jedoch gewiss: Die Entdeckung der Stammzellen im Uterus der Frau wird helfen, manche Leiden besser zu verstehen. „ Viele gynäkologische Krankheiten sind Stammzellkrankheiten, auch Gebärmutterhalskrebs", sagt Gargett. Ein anderes Beispiel: Unfruchtbare Frauen können oft nur deshalb nicht schwanger werden, weil sich ihre Gebärmutterschleimhaut nicht ausreichend aufbaut. „Vielleicht werden wir ihnen eines Tages mit kultivierten Zellen helfen können", hofft sie. Was von der Frau kommt, soll auch ihrer Gesundheit zugute kommen, findet die Australierin. ■

von Susanne Donner

Mara, Mieze und andere

Die Rückbesinnung auf die Vielfalt in den Gen-Banken zieht sich durch die gesamte Pflanzenzüchtung. Ein Beispiel liefert das Institut für Obstzüchtung.

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