Die Persönlichkeit ändert sich ein Leben lang

Viele sind überzeugt: Erwachsene können sich nicht mehr weiterentwickeln. Doch neue Studien zeichnen ein ganz anderes Bild.

Er hat seine stinkenden Socken schon wieder im Bad liegen gelassen. Und sie wird nicht müde, ihm deswegen Vorwürfe zu machen. Die Diskussion läuft immer gleich. Sie: „Kannst du nicht ein-mal …?" Er: „Dauernd nörgelst du an mir herum. Ich bin nun mal so." Beide Partner verzweifeln an den schlechten Eigenschaften des anderen – und sind doch überzeugt: Wer ein gewisses Alter erreicht hat, kann sich nicht mehr ändern. Auch in der Wissenschaft galt bis vor wenigen Jahren: Die Persönlichkeit ist mit 30 ausgereift und bleibt danach stabil. Doch das stimmt so nicht, wie die Psychologieprofessorin Jule Specht (siehe Porträt auf S. 76) von der FU Berlin zusammen mit Kollegen nachgewiesen hat. Vielmehr wandelt sich die Persönlichkeit ein Leben lang – und zwar nach einschneidenden Erlebnissen wie Berufseinstieg, Heirat oder Rentenbeginn.

Freilich haben auch die Gene einen beträchtlichen Anteil an der Persönlichkeitsentwicklung – wie Zwillingsstudien zeigen –, aber von einem ausschließlich automatischen Reifungsprozess kann nicht die Rede sein. „Diese Theorie ist überholt", erklärt Jule Specht.

Es gibt vielmehr eine Art Wechselwirkung: Unsere Veranlagung leitet uns in eine bestimmte Richtung, etwa im Beruf oder im sozialen Umfeld – und gleichzeitig beeinflusst uns diese Umwelt. „ Durch bestimmte Entscheidungen und Lebenswege formen wir ein Stück weit unsere Persönlichkeit selbst", sagt die Psychologin. „ Eine junge Frau, die lieber mehr Zeit mit ihrer Familie verbringt, als viele Überstunden zu machen, verstärkt mit dieser Entscheidung bestimmte Eigenschaften der Persönlichkeit und entwickelt sich dadurch anders als eine, die möglichst schnell die Karriereleiter erklimmen will."

14 718 Menschen auf der Spur

Um dem Wandel der Persönlichkeit nachzuspüren, wertete Jule Specht zusammen mit den Psychologen Boris Egloff von der Universität Mainz und Stefan C. Schmukle von der Universität Leipzig die Daten von 14 718 Menschen aus, die an der Langzeiterhebung des SOEP teilgenommen hatten.

Über vier Jahre hinweg gaben die Befragten im Alter zwischen 16 und 82 Jahren an, ob es bei ihnen einen bedeutenden Lebenseinschnitt gegeben hatte – wie den Auszug aus dem Elternhaus, die Geburt eines Kindes, Hochzeit, Trennung, Scheidung, den Tod eines Familienmitglieds, Arbeitslosigkeit oder den Eintritt in die Rente. Die Teilnehmer füllten zudem 2005 und 2009 einen Fragebogen aus, der die „Big Five" der Persönlichkeit misst. Als diese fünf Grundeigenschaften definieren Psychologen: emotionale Stabilität, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, Extraversion und Offenheit für neue Erfahrungen.

Zunächst fanden die Forscher heraus, dass sich die Persönlichkeit grundsätzlich mit dem Alter verändert. Die meisten Menschen werden mit der Zeit deutlich verträglicher und weniger offen für Neues. Zu ihrer Überraschung dokumentierten die Wissenschaftler des SOEP vor allem bei älteren Teilnehmern ab etwa 60 Jahren auch starke Persönlichkeitsveränderungen. Dabei zeigten sich viele individuelle Unterschiede: Während einige Menschen deutlich extravertierter wurden, gaben sich andere auffallend introvertiert.

„Wir wissen noch nicht, was diese Veränderungen verursacht", sagt Jule Specht. Der Eintritt in den Ruhestand allein könne sie nicht erklären. „Eine Vermutung war, dass die häufiger werdenden Krankheiten einen großen Einfluss haben. Das bestätigten weitere Analysen aber nicht. Die Frage beschäftigt uns also mehr denn je."

Für jüngere Altersklassen erhielten die Psychologen zahlreiche Einzelbefunde – einige widersprechen unseren Alltagserfahrungen, andere bestätigen sie. Dass sich bei den 40- bis 60-Jährigen wenig tut, liegt auf der Hand: „Das sogenannte mittlere Erwachsenenalter ist wenig turbulent. Die Familienplanung ist abgeschlossen, der Berufseinstieg geschafft", meint Specht.

Wenn jemand mit 50 heiratet, kann das allerdings die gleichen Auswirkungen haben wie bei einem Jüngeren. Während der Ehe nimmt die Offenheit für neue Erfahrungen ab, und die Partner werden weniger gesellig. Nicht sehr überraschend: Menschen, die sich von ihrem Partner trennen, werden verträglicher. Ebenfalls plausibel: Jobeinsteiger werden gewissenhafter. „Das beginnt im Arbeitsumfeld und kann sich auf andere Bereiche übertragen, weil man merkt, dass es sich auszahlt, gewissenhaft zu sein. Man räumt dann auch zu Hause seinen Schreibtisch auf oder ist bei Treffen mit Freunden pünktlich", erklärt die Forscherin den Befund.

Schwer zu verstehen ist indes: Verträgliche Menschen verlieren leichter ihren Job. Specht meint: „Generell ist es in vielerlei Hinsicht von Vorteil, verträglich zu sein. Solche Leute sind gute Teamplayer. Das Problem könnte sein, dass sie sich eher Berufe im Sozial- oder Gesundheitswesen aussuchen, wo der Arbeitsplatz in Deutschland relativ unsicher ist."

Wie gewissenhaft sind Eltern?

Verblüffend wirkt auf den ersten Blick auch folgendes Ergebnis: Junge Eltern werden nach der Geburt eines Kindes weniger gewissenhaft. Erwartet man da nicht das Gegenteil? „ Stimmt", bestätigt die Psychologin. Das Ergebnis habe deshalb auch mehrere Folgestudien inspiriert. „Wir erklären das bisher so: Junge Eltern wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen und müssen sich erst in die neue komplexe Rolle einfinden." Aktuelle Forschungsergebnisse von Roos Hutteman und Kollegen an der Universität Münster haben ebenfalls gezeigt, dass bei Müttern die Gewissenhaftigkeit nachlässt – aber nur, wenn sie sich sehr gestresst fühlen. Frauen, die gut mit der Elternrolle zurecht kommen, sind fast ebenso gewissenhaft wie zuvor.

Womit die Forscher kaum gerechnet hatten: Nach der Geburt eines Kindes gibt es kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Und das gilt auch generell: Männer und Frauen reagieren ähnlich auf bestimmte Lebensereignisse. Allerdings: Junge Frauen werden emotional stabiler, wenn sie von zu Hause ausziehen, junge Männer nicht. Und: Männer werden nach einer Trennung deutlich offener für neue Erfahrungen als Frauen.

Ein dritter Unterschied macht sich im höheren Alter bemerkbar: Wenn der Partner stirbt, werden Frauen weniger gewissenhaft – Witwer dagegen gewissenhafter. „Wir vermuten, das hängt mit der klassischen Rollenverteilung zusammen. Während Frauen nun weniger Aufwand betreiben müssen, haben Männer plötzlich mehr Haushaltsaufgaben zu übernehmen, die Disziplin erfordern", erläutert Specht. Ob solche Veränderungen langfristig sind oder ob einschneidende Erlebnisse nur vorübergehend Einfluss haben, ist noch ungeklärt. Dafür werden mehr Daten gebraucht. „In der ersten Jahreshälfte 2013 wurden die SOEP-Teilnehmer wieder nach ihren Big Five gefragt. Sobald diese Daten zur Verfügung stehen, wird man sich weltweit um sie reißen", prophezeit die Psychologin.

Mehr oder weniger zufrieden

Auf jeden Fall gibt es einen Faktor, mit dem sich die Entwicklung der Persönlichkeit recht gut voraussagen lässt: die Lebenszufriedenheit. Sie wirkt sich wesentlich auf die Big-Five-Eigenschaften aus, und mit ihr lassen sich individuelle Unterschiede gut erklären – denn nicht jeder reagiert in gleicher Weise auf bestimmte Lebensereignisse.

Für diese Studie nutzten Jule Specht und ihre Kollegen ebenfalls die große Stichprobe des SOEP. Im jährlichen Interview der Langzeiterhebung wird nämlich auch nach der Lebenszufriedenheit gefragt. Zusammen mit den Big-Five-Daten zeigte sich: Zufriedenere Menschen werden emotional stabiler, gewissenhafter und verträglicher. Specht vermutet: „Zufriedenere Menschen können sich besser an die Anforderungen ihrer Umwelt anpassen, was ihre Persönlichkeit reifen lässt." Dabei wirkt auch ein Rückkopplungseffekt: Menschen, die verträglicher sind, werden in den Folgejahren noch zufriedener. ■

bdw-Redakteurin CORNELIA VARWIG hofft, dass sie – trotz schlechter Prognose – im Alter offen für neue Erfahrungen bleibt.

von Cornelia Varwig

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Spechts populärwissenschaftliches Erstlingswerk, erhältlich ab April 2014: Jule Specht Suche kochenden Betthasen Was wir aus wissenschaftlichen Studien für die Liebe lernen können Rowohlt, Reinbek 2014, € 8,99

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