Sprechen ohne Arbeitsteilung

Sprachverarbeitung und Sprechen finden doch in beiden Hirnfälften statt (thinkstock)

Bisher steht es so in allen Lehrbüchern: Unser Gehirn verarbeitet Sprache asymmetrisch, eine Gehirnhälfte ist dabei aktiver als die andere. Bei den meisten Menschen liegen die wichtigen Sprachzentren dabei links. Jetzt aber wirft ein Experiment von US-Forscher diese gängige Ansicht über den Haufen. Denn es belegt, dass unser Sprechen die konzertierte Arbeit beider Gehirnhälften erfordert – und das in ziemlich gleichem Maße.

Wenn wir eine Unterhaltung führen, leistet unser Gehirn Schwerstarbeit. In Bruchteilen von Sekunden muss es die von unserem Gegenüber geäußerten Töne aufnehmen und erkennen, um welche Worte es sich handelt. Dann muss es diese Informationen an das Zentrum weiterleiten, das die Antwort koordiniert. Dieses gibt dann Lippen und Mundraum die Anweisungen, genau die Bewegungen auszuführen, die dann die passenden Laute der Antwort hervorbringen. Nach gängigen Modellen findet der erste Teil, die Verarbeitung der gehörten Sprache, im sogenannten Wernicke Areal statt, einem Bereich im linken Schläfenlappen unseres Gehirns. Dieses ist über Nervenfasern mit dem für das Sprechen zuständigen Areal im linken Frontallappen verbunden, dem Broca-Zentrum.

Obwohl wir also in einer Unterhaltung das Gesprochene mit beiden Ohren wahrnehmen, findet die Hauptarbeit nach gängiger Lehrmeinung in der linken Hirnhälfte statt – jedenfalls bei den meisten Rechtshändern. Nur für die übergeordneten Funktionen – das Beherrschen einer Sprache und das Nachdenken darüber, was wir genau antworten wollen – nutzt das Gehirn dann wieder beide Hemisphären. Belege für diese Arbeitsteilung gibt es zwar, die meisten stammen aber von Schlaganfall-Patienten, bei denen Teile dieses Systems gestört waren.

Gleiche Aktivität links wie rechts

Gregory Cogan von der New York University und seine Kollegen haben nun bei normal Sprachfähigen direkt nachverfolgt, welche Hirnareale beim Hören und Sprechen aktiv sind. Möglich wurde dies durch 16 Patienten, denen wegen ihrer Epilepsie Elektroden auf die Hirnoberfläche der linken, rechten oder beider Hirnhälften eingepflanzt worden waren. Diese Patienten baten die Forscher zu drei verschiedenen Tests. Im ersten hörten sie jeweils eine einfache Sprachsilbe, die sie dann nach zwei Sekunden laut wiederholten sollten. Im zweiten Test hörten sie wieder eine Silbe, sollten diese aber nur stumm durch Bewegung der Lippen nachahmen. Im dritten Durchgang schließlich blieb es bei einem passiven Hören der Silben. Während dieser Aufgaben zeichneten die Wissenschaftler auf, wo, wann und wie stark die verschiedenen Hirnbereiche aktiviert wurden.

Das Ergebnis war überraschend: "Im Gegensatz zu einem der Kerndogmen von Gehirn und Sprache fand die Aktivität beim Übergang von der sensorischen Sprachverarbeitung zum motorischen Sprechen bilateral statt", berichten Cogan und seine Kollegen. Die von den Elektroden aufgezeichnete Reaktion war in beiden Gehirnhälften nahezu gleich stark. Um auszuschließen, dass die Hauptarbeit doch in der linken Hemisphäre stattfand und die rechte nur nachträglich die Signale empfing, verglichen die Forscher die zeitliche Abfolge der Aktivität. Aber auch dabei fanden sie keine signifikanten Unterschiede oder einseitigen Verzögerungen.

"Unsere Daten sprechen dafür, dass das sensorisch-motorische Sprachsystem bilateral ist", konstatieren die Forscher. Entgegen der gängigen Lehrmeinung umfasst es beide Gehirnhälften. Die Arbeitsteilung unseres Denkorgans greift offenbar erst dann, wenn Sprachkenntnisse abgerufen werden müssen oder wir bewusst über die Inhalte unserer Unterhaltung nachdenken.

 

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