Lesen unter Beobachtung

Ob Bildschirme und Displays bald Bücher ersetzen werden, ist umstritten. Doch das Leseverhalten wird sich durch die digitalen Möglichkeiten auf jeden Fall stark verändern.

Elektronische Lesegeräte wie E-Book-Reader und Tablet-Computer sind bei deutschen Lesern nicht besonders beliebt. Die meisten geben an, Texte lieber auf Papier als auf Displays zu lesen. Diese Vorbehalte beschäftigen vor allem Hersteller von E-Readern, die nach wie vor mit einem Akzeptanzproblem zu kämpfen haben: 15 Jahre nach Einführung der ersten Geräte beträgt der Marktanteil von E-Books in Deutschland nur zwei Prozent. In den USA ist er zehn Mal so hoch.

Lesen wir leichter auf Papier? Darauf gibt die Wissenschaft kontroverse Antworten: Manche Studien ergaben, dass sich Menschen beim Lesen am Bildschirm schlechter konzentrieren können – andere Untersuchungen fanden Pluspunkte für das Display. So ergab eine Lesestudie von Forschern der Universität Mainz um Franziska Kretzschmar und Dominique Pleimling, dass älteren Menschen das Lesen an Tablet-PCs leichter fällt als auf Papier, weil sie die Schrift vergrößern können. Eine Studie der Universität Harvard belegte zudem, dass es vielen Kindern mit Leseschwäche besser gelingt, Texte am Tablet-PC zu entziffern als auf Papier.

Auch in ihrer Freizeit bevorzugen viele Menschen ein gedrucktes Buch, wie eine Studie eines Forscherteams um Tom Rodden, Professor an der School of Computer Science and IT der Universität Nottingham ergab, an der auch Wissenschaftler des Forschungszentrums von Microsoft in Cambridge beteiligt waren: Die Probanden nutzten gedruckte Bücher, wenn ihnen der Lesestoff wichtig war, zu digitalen Büchern dagegen griffen sie, wenn ihnen die Inhalte weniger wertvoll erschienen – zumal das E-Book das Gefühl vermittelt, es nicht wirklich zu besitzen.

Am liebsten gedruckte Bücher

Zu gedruckten Bücher lässt sich eher eine emotionale Bindung aufbauen. Dazu kommen praktische Probleme: Ein E-Book kann und darf man nicht verleihen, und es lassen sich nicht alle Formate auf allen Geräten öffnen. Das nährt die Sorge, in einigen Jahren keinen Zugriff zu den Texten mehr zu haben. Einen verblüffenden Effekt fanden Forscher um Monique Janneck von der Fachhochschule Lübeck: Sie entdeckten, dass Menschen zwar auf einigen elektronischen Geräten effizienter als auf Papier lesen, diesen Vorzug aber nicht erkennen. Nach einer Woche Schmökern mit Büchern, E-Readern oder Tablet-Computern erklärte die Mehrheit der Testpersonen, am liebsten gedruckte Bücher zu lesen und Inhalte daraus auch schneller aufzunehmen. Doch damit lagen sie falsch: „Unabhängig vom persönlichen Lesetempo lasen alle Testpersonen auf dem E-Reader am schnellsten", stellten die Forscher fest. Das gedruckte Buch bildete das Schlusslicht.

Auffällig war auch, dass sich die Probanden fast doppelt so lange ihren elektronischen Geräten widmeten wie die Kontrollgruppe ihren Büchern. Dennoch verbanden die meisten Leser mit gedruckten Büchern das Gefühl von Gemütlichkeit, bewerteten die Haptik und den Geruch von Papier als positiv und störten sich am vermeintlich zu hohen Preis der E-Books. Die Lübecker Forscher gehen deshalb davon aus, „dass ein Siegeszug des E-Books über das gedruckte Buch kaum zu erwarten ist".

Wieso hat Haptik für den Leser einen so zentralen Wert? Weil es Menschen offenbar leichter fällt, Dinge zu „begreifen", wenn sie sie anfassen können. Das hat Eva Hornecker, Professorin für Mensch-Computer-Interaktion an der Bauhaus-Universität Weimar, beobachtet: Sie erforscht, wie man reale Modelle zum Anfassen mit Simulationsprogrammen im Computer verknüpfen kann, um Menschen das Begreifen und Lernen eines neuen Stoffs zu erleichtern. „ Haptik ist wichtig für das Verstehen", sagt sie.

Das sieht man zum Beispiel bei kleinen Kindern, die wieder und wieder Gegenstände fallen lassen, um die Schwerkraft zu begreifen. Vielleicht liegt darin der Schlüssel für die Tatsache, dass elektronische Texte vielen Menschen zu wenig fassbar sind. In Büchern können sie Seiten knicken oder Stellen mit dem Stift markieren. Viele erinnern sich sogar daran, ob sie etwas auf einer rechten oder einer linken Seite gelesen haben und finden die Stelle beim Durchblättern schnell wieder. Das alles geht mit E-Books nicht.

Umständliches Umblättern

Folgt daraus, dass Forscher noch mehr versuchen sollten, das E-Book an das gedruckte Buch anzulehnen, es quasi zu imitieren? Nein, meint Kai Kunze, Assistenzprofessor am Institut für Computerwissenschaften der japanischen Universität Osaka. „Man baut damit nur Probleme ein", sagt er. Umständlich sei es etwa, wenn das Umblättern auf elektronischen Geräten dem eines Buches gleicht. Man muss warten, bis die Seite geladen ist, bevor man weiterlesen kann. Beim Scrollen dagegen wird der Lesefluss kaum unterbrochen.

Doch für Menschen, die gerade vom gedruckten aufs elektronische Buch umsteigen, ist das Umblättern womöglich wichtig. Gewohnheiten ändern sich langsam. Auch Kunze druckt wissenschaftliche Texte aus, um bestimmte Stellen am Blattrand zu markieren oder zu kommentieren. „Das wäre mir digital zu umständlich", gesteht er. Dennoch sollten die Forscher vor allem ergründen, welche Vorteile künftige Entwicklungen bringen und wie sie die Lesegewohnheiten verändern. Denn elektronische Geräte können mehr als Bücher zu imitieren.

Tilman Dingler vom Institut für Visualisierung der Universität Stuttgart beschäftigt sich mit der Frage, wie E-Books die Effizienz des Lesens steigern können. Denn da könnten sich auch Erwachsene noch verbessern: „Man lernt Lesen in den ersten Schuljahren, danach bekommt man im ganzen Leben keine weiteren Techniken an die Hand."

Hinter seinen Forschungen steht die Idee des Speed-Reading – einer Methode, für die sich immer mehr Menschen interessieren: Indem sie die Zeilen mit dem Finger oder einem Stift in konstantem Tempo überfliegen, lesen sie schneller. Eine andere Technik ist, nicht mehr einzelne Wörter zu erfassen, sondern mit einem Blick, einer sogenannten Fixation, mehrere Wörter gleichzeitig aufzunehmen.

Diese Techniken will Dingler mittels digitaler Hilfen verbessern. Er entwickelt eine App für Smartphones, die den Text mit individuell einstellbarem Tempo markiert oder unterstreicht – ähnlich wie beim Speed-Reading der Stift. Auch Vorschläge für zu fixierende Stellen könnte man leicht hervorheben. Gerade für das Speed-Reading eignen sich aus Dinglers Sicht gedruckte Texte nicht so gut: Da es verschieden große Schriftarten gibt, ändert sich die Zahl der nötigen Fixationen pro Zeile. Beim elektronischen Lesen kann der Nutzer die Schriftgröße selbst und einheitlich wählen und so seine Lesefähigkeit individuell verbessern. Das verspricht mehr Effizienz und mehr Spaß beim Lesen, meint Dingler: „Das Auge ist beim Lesen oft zu langsam fürs Gehirn, sodass man anfängt, an etwas anderes zu denken, und abschweift." Wer schneller liest, bleibt eher bei der Sache. Mit seiner App will Dingler prüfen, wie viel, wie oft und wie schnell Nutzer damit lesen – und ob sie dadurch besser werden.

Für künftige Anwendungen hat der Stuttgarter Forscher zudem die Kamera der Tablet-Computer im Auge. Darin ließe sich ein Eye-Tracker integrieren: eine winzige Kamera, die Augenbewegungen verfolgt und aufzeichnet. Ein Algorithmus könnte anhand dieser Bewegungen erkennen, wo der Leser hängen bleibt, wann er sich nicht mehr konzentriert oder ob die Lesegeschwindigkeit stimmt – und automatisch Anpassungen vornehmen. „Das Gerät könnte etwa eine passende Grafik einblenden, wenn der Leser abgelenkt ist." Denn ein Wechseln des Mediums kann den Leser zurückholen und ihm bewusst machen, dass er gerade abgeschweift ist.

Die Kamera der Tablets will auch Kai Kunze nutzen. Seine Studien haben ergeben, dass sich schon durch eine einfache Auswertung der Augenbewegungen neben der Zahl gelesener Wörter auch die Art des Dokuments erkennen lässt: „Auf diese Weise lassen sich etwa ein japanisches Manga-Comic von einem wissenschaftlichen Papier und von einem Zeitungsartikel unterscheiden." Ähnlich wie bei einem Schrittzähler könnten Leser mit einem solchen „Wordometer" messen, wie viele Wörter und welche Art von Text sie am Tag gelesen haben. „Unter Freunden und Kollegen könnte ein Wettstreit entstehen", meint Kunze. Das wäre durchaus sinnvoll für die Bildung: Studien belegen, dass das Allgemeinwissen mit der Menge des Gelesenen wächst – und zwar unabhängig von Genre und Gattung.

Frisch gelesen, schon auf Facebook

Diese Daten könnten die Nutzer über soziale Netzwerke mit Freunden teilen und sich so über Gelesenes austauschen. Auch E-Book-Anbieter interessieren sich dafür: Wo ist ein Leser ausgestiegen? Welche Passagen hat er gelesen, ohne abzusetzen? Welchen Autor favorisiert er? Amazon sammelt über seinen E-Reader „Kindle" bereits solche Daten, wertet sie aber kaum aus und stellt sie der Forschung nicht zur Verfügung. Das Sammeln geschehe nur, um die Angebote zu verbessern, erklärte eine Sprecherin auf Anfrage von Computer-Bild. So hat der E-Book-Anbieter Barnes & Noble registriert, dass viele Nutzer Sachbücher nicht zu Ende lesen und daher eine neue Reihe eingeführt, die Sachthemen knapper behandelt.

„Eine solche Auswertung könnte auch für Autoren interessant sein", mutmaßt Kunze. Sie könnten Stellen umschreiben, die den Lesern offenbar nicht gefallen. Und sie könnten sehen, ob ihr Spannungsbogen funktioniert. Die Kommentare anderer Leser können Kindle-Nutzer schon heute sehen. Das könnte eine neue Art von Literatur hervorbringen. Ein Problem sieht Kunze im Datenschutz: „ Amazon und Google wissen sowieso schon viel über mich. Ich will nicht, dass sie auch noch mein Leseverhalten im Detail kennen." Aber wenn eine gesellschaftliche Konvention oder ein Gesetz das Datensammeln unterbinden würde, fände er die Möglichkeiten dieser neuen Form der Leserbeteiligung reizvoll.

Intelligente Geräte könnten zudem Texte auf einen Leser zuschneiden, indem sie Infos ausblenden, die er aus einem anderen Buch schon kennt. Und sie könnten Definitionen einblenden, wenn sie merken, dass der Leser an einem Wort hängen bleibt, das er offenbar nicht versteht. „Für Fachliteratur oder personalisiertes Lernen finde ich das interessant", sagt Kunze. Anhand der Augenbewegungen könnte ein Algorithmus bestimmen, zu welcher Tageszeit der Leser besonders aufmerksam ist – und ihm einen persönlichen Lernplan vorschlagen. „Das ist natürlich nichts für Belletristik, bei der nicht die Effizienz im Vordergrund steht", sagt Kunze. Aber auch bei Romanen und Krimis schafft der Austausch von Anmerkungen über das Netz neue Optionen: Er kann Leute zusammenbringen, die ähnliche Bücher lesen und dieselben Passagen markiert haben.

Informatiker Tilman Dingler findet auch einen Austausch über Generationen hinweg reizvoll: „Was hat meinen Großvater bei diesem Buch bewegt? Welche Gedanken hatte mein Vater bei jener Passage?" Ähnlich wie bei gedruckten Büchern: Wer ein altes Buch seiner Großeltern durchblättert, versucht sicher, deren Anmerkungen zu entziffern. Lesen werden die Menschen wohl immer. Aber wie und was sie lesen, wird sich ändern. •

EVA WOLFANGEL liest die E-Paper von Tageszeitungen manchmal auf dem Smartphone. Praktisch sei das aber nicht.

von Eva Wolfangel

Mehr zum Thema

Internet

Infos zur Studie „Unterschiedliche Lesegeräte, unterschiedliches Lesen?" der Universität Mainz: www.uni-mainz.de/downloads/ medienkonvergenz_lesestudie.pdf

„Leisure-Based Reading and The Place of E-Books in Everyday Life" – eine Studie der Uni Nottingham und Microsoft Research in Cambridge: research.microsoft.com/en-us/people/asellen/ ereading.pdf

„Das E-Book in Deutschland 2013" (Studie vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels): www.boersenverein.de/de/portal/ E_Book_Studie/654136

Digitales Lesen für die Schule

In Deutschland müssen Schüler ihre Handys in der Schule abgeben. Wie kamen Sie darauf, sie in Panama im Unterricht zu nutzen?

Viele Schüler in Panama haben kein Geld für Bücher, es mangelt an Arbeitsmaterialien. Dieses Dilemma wollte ich lösen. In der Studie haben die Lehrer die Möglichkeiten des Smartphones dankbar genutzt: Sie haben zum Beispiel ein Aufgabenblatt fotografiert und via Bluetooth an die Schüler verschickt. Die haben es dann auf dem Touch-Display ausgefüllt und zurückgeschickt, sodass es der Lehrer korrigieren und wieder an die Schüler schicken konnte.

Ist das nicht etwas umständlich?

Klar, aber es ist die einzige Möglichkeit. Kopiergeräte gibt es in den ländlichen Gebieten Panamas kaum. Wenn ein Lehrer ein Arbeitsblatt verteilen will, muss er am Vortag in die Stadt zum Copy-Shop fahren, und die Eltern der Kinder müssen dann die Kopie bezahlen. Da ist es besser, den Text zu digitalisieren.

Was ergab Ihre Studie: Lösen Smartphones die Probleme der Schüler und Lehrer in Panama?

Zumindest lösen sie das Problem fehlender Materialen wie Bücher und Arbeitsblätter.

Wie sieht Ihre Vision für Smartphones in der Schule aus?

Lehrer könnten ihren Unterricht filmen, sodass auch Kinder lernen können, die arbeiten müssen. Das Bildungsministerium könnte ihnen MMS mit Unterrichtseinheiten schicken, ein Lehrer telefonisch Nachfragen beantworten.

Ist das auch hierzuland denkbar?

Deutsche Kinder müssen zum Glück nicht arbeiten, statt zur Schule zu gehen. Bücher haben sie auch. Hier sind andere Einsatzmöglichkeiten denkbar. Und ich frage mich manchmal, wieso deutsche Lehrer technische Möglichkeiten so wenig nutzen.

Kompakt

· Die meisten Leser von Büchern oder Magazinen bevorzugen bedrucktes Papier.

· Doch Forscher sind überzeugt, dass elektronische Geräte Lesen erleichtern.

· Mit E-Book-Readern lässt sich der digitale Lesestoff für jeden Nutzer individuell aufbereiten.

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