Wie unser Gehirn bestraft

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Manchmal würden wir für das gleiche Verbrechen, unterschiedliche Strafen fordern. Denn unser Urteil wird von zweierlei Maß bestimmt: Einerseits spielen die Emotionen eine Rolle, die der mit der Tat verbundene Schaden in uns auslöst. Doch oft wird dieser Effekt der Emotionen durch das Wissen über den geistigen Zustand des Täters übertrumpft: So würden wir selbst einen Mörder ungestraft lassen, wenn er im Affekt gehandelt hat. Forscher haben nun entdeckt, welche Gehirnaktivitäten für diese Differenzierung verantwortlich sind.

 

Die Amygdala ist die Hirnregion, mit der wir Situationen emotional bewerten. Für Entscheidungsprozesse ist hingegen der Bereich des lateralen präfrontalen Kortex von Bedeutung.  Die Verbindung zwischen diesen beiden Gehirnregionen bestimmt, wie unsere Antwort auf folgende Frage lautet: Welche Strafe hat jemand verdient, der Eigentum zerstört oder jemanden umgebracht hat? Ein US-amerikanisches Forscherteam um Michael Treadway von der Harvard Medical School in Belmont konnte nun zeigen: Bildhafte Tatbeschreibungen erhöhen die Aktivität der Amygdala und verstärken ihre Verbindung zu den lateralen präfrontalen Hirnregionen. Die Kraft der Emotionen führt dazu, dass wir uns für höhere Strafen entscheiden, als wenn uns dieselbe Tat eher objektiv beschrieben worden wäre. Dieses Prinzip funktioniert jedoch nur, wenn der Täter den Schaden ganz bewusst verursacht hat. Handelte er unabsichtlich, wird die Aktivität der Amygdala unterdrückt. Der Effekt der emotionalen Beschreibung wird aufgehoben. Stattdessen greifen nun andere neuronale Prozesse: Sie helfen uns, die geistige Verfassung des Übeltäters zu bewerten – und blocken den emotionalen Drang nach Bestrafung ab.


Dass Entscheidungen über Strafen davon abhängen, ob der Täter mit Absicht oder aus Affekt agiert hat, war zwar schon bekannt. Neu sind jedoch die neuronalen Mechanismen, die dem zugrunde liegen. Diese haben Treadway und seine Kollegen mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI) sichtbar gemacht – einem bildgebenden Verfahren, mit dem aktivierte Hirnareale dargestellt werden können. Das Team beobachtete die neuronale Aktivität von Probanden, während diese entscheiden sollten, wie hart sie einen Täter bestrafen würden – etwa weil dieser verantwortlich für die Beschädigung von Eigentum oder den Tod eines Menschen ist. Ihr Urteil konnten die Versuchsteilnehmer durch Zahlen auf einer Skala von 0 (keine Bestrafung) bis 9 (größtmögliche Strafe) ausdrücken.

Emotion vs. Intention

Für ihren Versuch teilten die Forscher die Probanden in zwei Gruppen ein. Der einen wurden die Straftaten in einer äußerst bildhaften, emotionsgeladenen Sprache beschrieben. Die andere Gruppe bekam zwar im Prinzip die gleichen Informationen. Die Tat wurde den Teilnehmern jedoch in einer sachlichen, ganz auf Fakten konzentrierten Sprache dargelegt. Die Ergebnisse zeigen: Beide Gruppen bestraften härter in Szenarien, in denen der Täter vorsätzlich handelte. Auch die Höhe des verursachten Schadens hatte Einfluss auf das gewählte Strafmaß. So wurden beispielsweise jene Taten, bei denen ein Mensch starb, härter bestraft als solche, bei denen es zu einem Sachschaden kam.


 Wie erwartet, wählte die Gruppe, die die Tat aufgrund der Beschreibung bildlich vor Augen hatte, grundsätzlich höhere Strafen als die zweite Gruppe – jedoch nur bei den vorsätzlichen Verbrechen. Auf diese reagierte vor allem die linke Amygdala mit erhöhter Aktivität; die emotionale Bewertung der Situation beeinflusste also das Urteil. Bei Szenarien, in denen der Täter unabsichtlich handelt, stellten die Forscher jedoch eine unterdrückte Amygdala-Aktivität fest sowie eine verstärkte Verbindung dieser Hirnregion zum sogenannten dorsalen anterioren Gyrus Cinguli (dACC). Der dACC wiederum erhielt dabei offensichtlich Informationen vom temporo-parietalen Übergang (TPJ) – ein Bereich, der unter anderem dafür verantwortlich ist, dass wir uns in den mentalen Zustand anderer hineinversetzen können. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass der dACC als eine Art Gatekeeper fungiert: Emotionale Signale, die uns normalerweise zu härteren Bestrafungen verleiten, blockt er ab, wenn der Täter nicht aus Absicht gehandelt hat.

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