Eine Schule für alle.

Kinder mit und ohne Behinderung sollen in Deutschland laut UN-Konvention zusammen unterrichtet werden. Doch das ist schwierig.

Auf den ersten Blick fallen Jonas und Sophia in der mit Schulanfängern besetzten Aula einer Berliner Grundschule gar nicht auf. Dabei hätten die beiden ihre Einschulung vor ein paar Jahren sicher noch an einer anderen Schule erlebt – an einer mit sonderpädagogischem Förderangebot. Der siebenjährige Jonas leidet an einer Muskelschwäche, verursacht durch eine bakterielle Infektion, die den Frühgeborenen in den ersten Lebenswochen geschädigt hatte.

Sophia ist geistig nicht so weit entwickelt wie andere Siebenjährige, weil ihr Gehirn während der Geburt nicht genug mit Sauerstoff versorgt war. Die Eltern von Jonas und Sophia haben sich für eine nah gelegene Regelschule entschieden. Sie wünschen sich, dass ihre Kinder gemeinsam mit nicht behinderten Kindern aus der Nachbarschaft lernen und nicht als „Exoten" gelten.

„Inklusion" heißt das Konzept, das Kindern wie Jonas und Sophia den Zugang zu einer Regelschule ermöglichen soll – und das in der bundesdeutschen Bildungslandschaft für Wirbel und kontroverse Debatten unter Lehrern, Eltern und Politikern sorgt. 2009 trat in Deutschland die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Kraft. Mit der Unterzeichnung verpflichtete sich die Bundesrepublik, ein „inklusives Bildungssystem" zu schaffen, das auch Schülern den Zugang zu Regelschulen ermöglicht, wenn die Kinder „nicht den gesellschaftlichen Vorstellungen von Bildungsfähigkeit und Normalität entsprechen", wie Bildungsforscher des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung es in einem Übersichtsartikel formulieren.

494 744 Kinder fielen im Schuljahr 2012/13 in Deutschland in diese Kategorie. Somit haben 6,6 Prozent aller schulpflichtigen Mädchen und Jungen besonderen Förderbedarf – mit steigender Tendenz, so das Ergebnis einer aktuellen Bestandsaufnahme der Bertelsmann-Stiftung. Diese fasst jedes Jahr die Bemühungen um das inklusive Schulsystem in Zahlen. In den letzten fünf Jahren hat sich der Anteil der Schüler bis zur zehnten Klasse mit besonderem Förderbedarf stetig erhöht. Heute sind es zehn Prozent mehr als 2009. Ein Viertel aller förderbedürftigen Schüler besucht zwar eine Regelschule, an der Mehrheit gehen die Inklusionsbemühungen aber vorbei: Der Anteil der Kinder, die in Sonderschulen lernen, ist seit Inkrafttreten der UN-Konvention nicht rückläufig. Und fast drei Viertel der Sonderschüler beenden die Schulzeit ohne Abschluss.

Hessen und Niedersachsen ganz hinten

Neu war das Thema Inklusion für Deutschland 2009 nicht. Inklusiven Unterricht auf freiwilliger Basis gab es an etlichen Schulen. „Regelschule statt Sonderschule" heißt es zum Beispiel seit Ende der 1980er-Jahre für sehbehinderte Kinder und Jugendliche in Schleswig-Holstein. Sonderpädagogen des Landesförderzentrums Sehen unterstützen nicht nur die Schüler, sondern stehen auch den Lehrern vor Ort mit Rat und Tat zur Seite. Schleswig-Holstein gehörte somit im Schuljahr 2008/2009 zu den Vorreitern der Inklusion in der bundesdeutschen Bildungslandschaft. Aktuell liegt die Inklusionsquote der Förderschüler dort bei 57,5 Prozent, sie wird nur von Bremen übertroffen mit 63,1 Prozent. Am wenigsten inklusionsfreudig sind Hessen und Niedersachsen (siehe Karte auf Seite 76).

Fest steht: Die Mehrheit der Schulen in Deutschland – von der Grundschule über die Sekundarschule bis zum Gymnasium – ist nicht auf das gemeinsame Lernen aller Kinder vorbereitet, insbesondere, wenn man das ganze Spektrum von leichten Beeinträchtigungen bis zu schwersten Mehrfachbehinderungen betrachtet. Die Schüler werden je nach Diagnose einem Förderschwerpunkt zugeordnet (siehe Grafik „Vielfältiger Förderbedarf" auf Seite 76). Das ist ein großes Feld für die Wissenschaft, die derzeit in unterschiedlichen Forschungsvorhaben von Rügen bis München untersucht, wie inklusiver Unterricht gelingen kann – und zwar so, dass alle Kinder davon profitieren.

In Brandenburg läuft aktuell ein zweijähriges Pilotprojekt, an dem sich 84 Grundschulen beteiligen. 35 von ihnen werden von Wissenschaftlern der Universität Potsdam unter die Lupe genommen. Erprobt wird die Inklusion mit den sonderpädagogischen Förderschwerpunkten Lernen, emotionale und soziale Entwicklung sowie Sprache.

Zwar sind alle beteiligten Schulen personell besser ausgestattet, ein einheitliches Konzept gibt es jedoch nicht: In manchen Schulen wird jahrgangsübergreifend gelernt, andere bevorzugen den jahrgangshomogenen Unterricht, manche Schüler lernen in Kleingruppen, andere arbeiten mit individuellen Wochenplänen, und auch die Klassengrößen variieren. Forscher um Nadine Spörer, Professorin für Psychologische Grundschulpädagogik an der Universität Potsdam, hoffen, dass sich nach zwei Jahren zeigen wird, von welcher Unterrichtsform die Kinder am meisten profitieren.

Geklärt werden soll auch: Welche Bedeutung haben die Einstellungen und Erfahrungen der Lehrer für die Fortschritte der Schüler? Welche Merkmale der Kinder begünstigen oder behindern ihre Entwicklung? Erzielen leistungsschwache genau wie leistungsstarke Kinder Lernfortschritte, und macht es einen Unterschied, ob Kinder spezifischen Förderbedarf im Lernen oder im Verhalten haben?

Bessere Leistungen haben ihren Preis

Das Zwischenfazit der Wissenschaftler nach einem Schuljahr: „ Alle Kinder, mit und ohne Förderbedarf, haben Lernzuwächse erreicht, und zwar unabhängig von der Klassengröße", sagt Nadine Spörer. „In Deutsch waren die Fortschritte aber markanter als in Mathematik." Besonders achten wollen die Wissenschaftler künftig auf das Klassenklima. Denn in der Selbsteinschätzung der Mädchen und Jungen hat sich gezeigt: „Schwächere Schüler, zu denen meist auch die mit Förderbedarf zählen, fühlen sich sozial weniger integriert", sagt Nadine Spörer.

Christian Walter-Klose bestätigt das. Der Psychologe von der Universität Würzburg wertete für seine Promotion über 80 nationale und internationale Studien aus den vergangenen 40 Jahren aus, die sich mit dem gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Körperbehinderung beschäftigten. Sein Fazit: An der Regelschule erzielen die Kinder und Jugendlichen meist bessere Leistungen als vergleichbare Schüler an einer Förderschule.

Aber das hat auch seinen Preis: „In der Klassengemeinschaft spielen sie oft nur eine untergeordnete Rolle, obwohl sie sich ganz intensiv wünschen ‚in‘ zu sein", sagt Walter-Klose. Und das, obwohl sie oft bewusst Nachteile in Kauf nehmen, etwa auf Schulbegleiter oder Nachteilsausgleiche verzichten und zudem versuchen, ihre Behinderung zu verheimlichen.

Die soziale Isolation der Schüler ist längst nicht das einzige Problem, auf das der Psychologe stieß. Oft ist es zum Beispiel schwierig, Barrierefreiheit an der Schule zu verwirklichen. Denn das bedeutet nicht nur, dass die Türen breit genug für Rollstuhlfahrer sind und sich selbsttätig öffnen oder dass Rampen und Aufzüge vorhanden sind. Die Räume müssen zudem – je nach Bedarf – kontrastreich oder schallisoliert gestaltet sein, damit sehbehinderte und hörgeschädigte Kinder ein optimales Lernumfeld haben.

Nur Zaungäste bei Experimenten

Das Mobiliar in den Fachräumen muss ebenfalls an die Bedürfnisse aller Kinder angepasst sein. Eine Studie aus Irland berichtete, dass körperbehinderte Schüler im naturwissenschaftlichen Unterricht nur Zaungäste waren, während ihre Mitschüler spannende Experimente durchführten. Denn vom Rollstuhl aus konnten sie Bunsenbrenner oder Mikroskop auf dem erhöhten Arbeitstisch nicht bedienen.

Aber nicht nur in den Schulgebäuden müsste sich vieles ändern. „Die Rolle des Lehrers ist in der inklusiven Schule eine andere", sagt Christian Walter-Klose. „Neben Fähigkeiten zur Wissensvermittlung sind auch Beratungskompetenzen gefragt." Lehrer müssen viel mehr im Team arbeiten, sich mit Sonderpädagogen, Physiotherapeuten und Eltern abstimmen.

Die meisten Lehrer sind generell dazu bereit – vor allem, wenn sie Unterstützung aus dem Kollegenkreis erhalten und Gelegenheit zur Fortbildung bekommen. So lautet das Ergebnis einer Studie, die der Würzburger Psychologe kürzlich gemeinsam mit Kollegen an Schulen in Köln durchgeführt hat. Allerdings ist rund ein Drittel der befragten Lehrer an Regelschulen unsicher, ob diese Schulen wirklich Kindern mit höherem Förderbedarf gerecht werden.

Ein weiteres Ergebnis der Kölner Studie: Entscheiden sich Eltern behinderter Kinder für eine Regelschule, müssen sie viel Engagement mitbringen – und sie sind belasteter als Eltern an Förderschulen. Therapietermine zur Physio- und Ergotherapie oder Logopädie finden – anders als an Schulen mit Förderbedarf – in der Freizeit statt und müssen privat organisiert werden. „Die Studie hat gezeigt, dass Schüler, Eltern und Lehrer Inklusion nicht um jeden Preis wünschen", sagt Walter-Klose. „Und ein Viertel aller Eltern von Förderkindern lehnt einen Wechsel an eine Regelschule sogar ab."

Solche Bekenntnisse zur Förderschule sind für den Würzburger Inklusionsforscher ein Grund mehr, sich grundlegend über das Leitprinzip inklusiver Bildung Gedanken zu machen. „Für welches Inklusionsmodell entscheiden wir uns?", ist für Walter-Klose die vorrangige Frage, die zunächst einmal geklärt werden muss (siehe Kasten „Wie könnte der Unterricht aussehen?" auf Seite 77). Und: „ Wollen wir künftig ganz auf Sonderschulen verzichten?"

Die kleine Sophia würde diese Frage inzwischen mit „nein" beantworten. Für sie war das Experiment Regelschule nach einem Jahr beendet. Ihre Klassenlehrerin, die unterstützende Sonderpädagogin und schließlich auch ihre Eltern gelangten zu der Überzeugung, dass Sophia in einer speziell auf ihre Bedürfnisse ausgelegten Schule besser gefördert wird. Jonas dagegen lernt gut und fühlt sich wohl unter seinen Mitschülern. Aber auch er musste Zugeständnisse machen. Trotz seiner Schwierigkeiten beim Gehen besaß er keinen Rollstuhl, weil seine Eltern mit ihm alle Wege mühsam und langsam zu Fuß erledigt hatten, damit er Muskeln aufbauen konnte. Doch nun fährt Jonas mit einem Rollstuhl durch die Schule: Für die weiten Wege in den Musikraum oder die Mensa sind die Pausen zu kurz. •

Die Wissenschaftsjournalistin Kathryn Kortmann lebt mit ihren beiden schulpflichtigen Kindern in Berlin. Sie zollt allen Lehrern großen Respekt, die sich den vielfältigen Anforderungen der Inklusion stellen.

von Kathryn Kortmann

Wie könnte der Unterricht aussehen?

Inklusion ist das Ziel – nur welcher Weg dorthin führt, ist noch offen und wird zurzeit von Wissenschaftlern und Politikern diskutiert. Mit diesen Modellen könnte inklusiver Unterricht umgesetzt werden:

1. Nur Förderschüler mit guten Lernprognosen wechseln in die Regelschule. Die anderen werden weiter in Schulen mit sonderpädagogischem Förderbedarf unterrichtet.

2. Es gibt nur noch Regelschulen. Die Förderschüler werden ihren Schwächen entsprechend in speziellen Förderkursen unterrichtet und besuchen in den Fächern, in denen es möglich ist, die Regelklassen.

3. Die Förderung der Kinder findet direkt in der Klasse statt. Ein Sonderpädagoge unterstützt den Lehrer.

4. In jahrgangsgemischten Klassen lernen alle Kinder nach speziell auf sie abgestimmten Lehrplänen auf unterschiedlichem Niveau.

Der Norden macht es vor

Die Bemühungen um gemeinsamen Unterricht sind in Deutschland sehr unterschiedlich. Spitzenreiter sind die nördlichen Bundesländer – mit dem größten Zuwachs in Hamburg. In Baden-Württemberg hat sich in den letzten Jahren am wenigsten getan.

MEHR ZUM THEMA

INTERNET

Ein Film der „Aktion Mensch" erklärt in 80 Sekunden, was Inklusion ist: www.aktion-mensch.de/inklusion/was-ist-inklusion.php

Das Brandenburger Pilotprojekt „Inklusive Grundschule" vereint 84 Grundschulen: www.inklusion-brandenburg.de/inklusive_grundschule.html

LESEN

Reinhard Lelgemann, Christian Walter-Klose Inklusion im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung Kohlhammer, Stuttgart 2014, € 26,-

Bernd Ahrbeck Inklusion. Eine Kritik Kohlhammer, Stuttgart 2014, € 22,99

Vielfältiger Förderbedarf

Die Bandbreite der Einschränkungen ist groß. Die meisten Kinder haben Probleme im Bereich „Lernen". Ein Drittel von ihnen erhält inklusiven Unterricht. Das ist bei Kindern mit Förderbedarf bei „Sprache", „Hören" und „Sehen" genauso. Fast jeder zweite Schüler mit einer gestörten „emotionalen und sozialen Entwicklung" besucht eine Regelschule. Für Kinder mit anderen Beeinträchtigungen gibt es kaum gemeinsamen Unterricht.

Kompakt

· Nur ein Viertel aller Kinder mit Förderbedarf besucht eine Regelschule.

· Den vielen unterschiedlichen Beeinträchtigungen – geistigen wie körperlichen – können Regelschulen kaum gerecht werden.

· Förderschüler erzielen in einer Regelschule zwar häufig bessere Leistungen, fühlen sich aber oft sozial isoliert.

Inklusion in der Lehrerausbildung

Die Rolle des Lehrers im inklusiven Unterricht ist eine ganz andere als in der alten Regelschule. Gefragt sind neben Wissensvermittlung laut der Hochschulrektorenkonferenz künftig folgende Eigenschaften: „Angehenden Lehrkräften sollen diagnostische Kompetenzen vermittelt werden, die sie zu einer wirkungsvollen Zusammenarbeit mit Inklusions-, Sonder- und Sozialpädagogen an den Schulen und im schulischen Gesamtumfeld, beispielsweise in Kommunen, befähigen." Und wie könnte das gelingen? Darüber gibt es in Deutschland ebenso wenig Einigkeit wie über ein einheitliches Leitprinzip inklusiver Bildung. Weil Bildung Ländersache ist, kann jedes Bundesland selbst über seine Lehrerausbildung entscheiden. Berlin hat sich zum Beispiel Anfang des Jahres gegen ein eigenständiges Lehramtsstudium Sonderpädagogik für Grundschule, Gymnasium, Integrierte Sekundarschule und Berufsschule entschieden und räumt künftigen Lehrern die Möglichkeit ein, Sonderpädagogik als zweites Fach zu wählen. Und in Baden-Württemberg hat der Ministerrat Ende 2013 beschlossen, die bestehenden Lehramtsstudiengänge mit ihren spezifischen Profilen zu erhalten.

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