Selbstmorde lassen sich verhindern!

Der Freitod von Prominenten löst immer wieder Nachahmer-Wellen aus. Daran sind auch die Medien schuld. Dabei könnten sie helfen, solchen Taten vorzubeugen.

Tagelang berichteten Zeitungen, Fernsehen und Internet über Robert Enkes Tod. Der Torwart der Nationalmannschaft hatte sich im November 2009 von einem Zug überrollen lassen, nachdem er viele Jahre unter Depressionen gelitten hatte. Das Medienpublikum hörte detailliert von den Hintergründen, sah der Trauerfeier im Hannoveraner Stadion mit 40 000 Gästen zu und erfuhr sogar, wo Enke seinen Wagen geparkt und an welcher Stelle er sich auf die Gleise gestellt hatte.

Selbstmorde erschüttern die Öffentlichkeit seit der Antike bis heute. Häufig wählen Künstler den Suizid, zum Beispiel der Schriftsteller Ernest Hemingway, der Rockmusiker Kurt Cobain oder der Modedesigner Alexander McQueen. Auch der Freitod von Politikern wie Jürgen Möllemann und Unternehmern wie Adolf Merckle erregten große Aufmerksamkeit.

Wer Zeit seines Lebens im Rampenlicht stand, ist auch nach einem Suizid für die Öffentlichkeit von Interesse. Mit dieser Erkenntnis und dem Argument, das sei der Preis für Prominenz, könnte man das Thema abhaken – wäre da nicht der Werther-Effekt. Er ist benannt nach Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther" und beschreibt das Phänomen, dass Berichte über prominente Selbsttötungen weitere Suizide auslösen. Studien bestätigen das. Bringen Zeitungen einen Fall über Tage hinweg auf den Titelseiten, ausgeschmückt mit Bildern und Details, steigt die Zahl der Suizide deutlich (siehe „Gut zu wissen: Werther- und Papageno-Effekt", Seite 62).

Um die hohe Selbstmordrate zu senken und auch diesen fatalen Effekt zu vermeiden, hat die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention gemeinsam mit Verbänden wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine umfassende Initiative entwickelt. Auch der Deutsche Presserat hat eine Richtlinie zum Umgang mit Selbsttötungen herausgegeben – doch bindend, oder gar juristisch durchsetzbar ist sie nicht. Oft sind Zuschauerquote oder Auflage und angeblich auch das Interesse der Öffentlichkeit wichtiger.

Zurückhaltung sollte der oberste Grundsatz sein. Verzichtet werden sollte außerdem auf Berichte auf der Titelseite, auf Fotos, auf die Darstellung des Suizids als besonders spektakulär, unausweichlich oder gar positiv, sowie auf alles Heroische, Romantische und Idealisierende. Auch Abschiedsbriefe sollten nicht veröffentlicht werden, um die Identifikation mit dem Selbstmörder zu vermeiden.

Dabei können Medienberichte Selbstmorde sogar verhindern, indem sie erklären, dass die Tat die Folge einer psychischen Störung war, und auf Hilfsangebote sowie Problemlösungen hinweisen und Experten zu Wort kommen lassen. Dass solche Berichte die Zahl der Nachahmertaten deutlich senken können, haben mehrere Studien gezeigt.

Ulrich Hegerl, Professor für Psychiatrie an der Universitätsklinik Leipzig und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, besucht Redaktionen und erklärt, wie wichtig es ist, sich an diese Richtlinien zu halten. „Damit die Empfehlungen im alltäglichen Trubel nicht vergessen werden, sind gelegentliche Erinnerungsschreiben hilfreich – oder noch besser ein Treffen mit dem Chefredakteur, den man bei einem Glas Bier überzeugt", meint Hegerl.

Inwiefern die Medien bereit sind, auf spektakuläre Bilder und exklusive Details zu verzichten, hat vor Kurzem ein Psychologen-Team um Tobias Teismann von der Universität Bochum am Fall Robert Enke untersucht. Die Forscher prüften auch, ob Qualitätszeitungen dabei besser abschneiden als Boulevardmedien. Für ihre Studie sichteten sie sämtliche Artikel der zehn auflagenstärksten Zeitungen und Magazine, die in den vier Wochen nach der Tat erschienen waren – insgesamt 169 Artikel, unter anderem aus Bild, Welt, Spiegel, Bunte und Zeit. Neben bedenklichen Aspekten wie einer sensationsträchtigen, heroisierenden oder rechtfertigenden Darstellung suchten sie auch nach präventiven Aspekten, etwa Aufklärung über Depression und Suizidgefahr oder Kontakte zu Hilfseinrichtungen.

Das ernüchternde Ergebnis: 131 Artikel (fast 80 Prozent) weisen mindestens ein unangemessenes Merkmal auf. Rund jeder zweite Artikel enthält eine sensationsträchtige und mehr als ein Drittel eine heroisierende Darstellung. Manche Medien brachten Details der Tat und Fotos von Enke. Einige argumentierten gar rechtfertigend und stellten den Selbstmord mit Blick auf Enkes Biografie als folgerichtige Handlung dar. „All das fördert die Identifikation mit Robert Enke und kann zur Enttabuisierung suizidalen Handelns beitragen", moniert Teismann.

Alle Medien haben versagt

Hinzu kommt: Gut die Hälfte der Beiträge verzichtete komplett auf präventive Aspekte. So wurden in den Artikeln kaum Alternativen zum Suizid angesprochen und Experten kamen selten zu Wort. Nur vier Prozent der Artikel wiesen auf Hilfsangebote hin. Besonders überraschend: Qualitätsblätter unterschieden sich dabei nicht wesentlich von Boulevardmedien. „Unsere Befunde zeigen, dass die Empfehlungen zur Berichterstattung über Suizide im Fall von Enke kaum berücksichtigt wurden", fasst Teismann zusammen. Dies läge auch daran, dass über das Thema laut einer österreichischen Studie häufig junge und wenig erfahrene Journalisten berichtet hatten.

Markus Schäfer und Oliver Quiring, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Mainz, haben die Berichte ebenfalls unter die Lupe genommen – und sind zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen: Die deutschen Printmedien halten viele Empfehlungen zur Berichterstattung über Selbsttötung nicht ein. Wobei Schäfer vermutet, dass die meisten Journalisten die Leitlinien gar nicht kennen. „In einigen Redaktionen gibt es interne Regeln zum Umgang mit Suiziden, aber gerade bei Prominenten scheinen diese kaum relevant zu sein."

Der Forscher betont: „Nach der Enke-Berichterstattung gab es eine massive Zunahme von Suiziden." Auffällig viele Verzweifelte hatten sich auf ähnliche Weise umgebracht wie der bekannte Fußballer. In den ersten vier Wochen nach Enkes Tod starben in Deutschland 121 Menschen durch Bahnsuizid – fast doppelt so viele wie normalerweise in diesem Zeitraum, fand der Psychologe Karl-Heinz Ladwig von der Technischen Universität München heraus. Das war die bisher größte Imitationswelle. „Der Effekt hielt sogar zwei Jahre an", betont Hegerl. „Während sich bis 2009 durchschnittlich 2,2 Personen pro Tag auf Schienen in Deutschland umbrachten, stieg die Rate danach um fast 20 Prozent auf 2,7." Auch die Gesamtzahl der Selbsttötungen stieg in diesem Zeitraum. Erst 2012 ging sie wieder zurück.

Experten regen daher an, Journalisten gezielt über das Ausmaß des Werther- Effekts zu informieren und einen Dialog über verantwortungsvolle Berichterstattung in Gang zu bringen. So klärt die Österreichische Gesellschaft für Suizidprävention nicht nur auf, sondern informiert Journalisten auch über die Qualität ihrer Berichterstattung. Unter dem Dach der Stiftung Deutsche Depressionshilfe gibt es über 70 regionale Bündnisse, in deren Rahmen Journalisten in Lokalredaktionen über den Werther-Effekt informiert werden. Auch Anerkennung soll helfen: So überreichte Harald Schmidt einen Medienpreis der Stiftung an die Redaktionen von Neon, Focus, MDR und SWR, als Anerkennung für den verantwortungsvollen Umgang mit dem Thema. Denn: Ein gutes Vorbild kann Leben retten. •

Eva Tenzer aus Oldenburg wird die Berichte über prominente Selbsttötungen künftig mit kritischerem Blick lesen.

von Eva Tenzer

Kompakt

· Detaillierte und stark bebilderte Berichte über Selbsttötungen Prominenter regen zum Nachahmen an.

· Hinweise auf Hilfsangebote und Lösungswege in den Medien können hingegen präventiv wirken.

Mehr zum Thema

LESEN

Tobias Teismann Mediale Berichterstattung über den Suizid von Robert Enke Zeitschrift für Gesundheitspsychologie 21(3)/2013, 113–121

Markus Schäfer, Oliver Quiring Gibt es Hinweise für einen „ Enke-Effekt"? Die Presseberichterstattung über den Suizid von Robert Enke und die Entwicklung der Suizidzahlen in Deutschland Publizistik, 58(2)/2013, 141–161

INTERNET

Informationen der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: www.suizidprophylaxe.de

Das Deutsche Bündnis gegen Depression e.V.: www.buendnis-depression.de

Gut zu wissen: Werther- und Papageno-Effekt

Das Erscheinen von Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther" 1774 soll eine Welle von Selbstmorden ausgelöst haben. Darin erschießt sich der junge Werther, weil seine angebetete Lotte für ihn unerreichbar ist. Gesicherte Erkenntnisse über die Ereignisse rund um den historischen Fall gibt es nicht, da Suizide im 18. Jahrhundert noch nicht verlässlich epidemiologisch erfasst wurden. Gut belegt sind dagegen moderne Fälle des „ Werther-Effekts": 1974 wies der Soziologe David Phillips nach, dass Berichte in der New York Times über den Suizid Prominenter die Selbstmordrate deutlich steigen ließen. Und: Je prominenter das Vorbild, umso höher die Nachahmerquote. Nach dem Tod Marilyn Monroes etwa gab es in den USA rund 200 Selbsttötungen (12 Prozent) mehr als üblich – wobei die genauen Umstände ihres Todes nie geklärt wurden. Auch eine Metastudie der australischen Forscher Jane Pirkis und R. Warwick Blood von 2001 belegt die Vorbildfunktion von Selbsttötungen Prominenter.

Bisher weniger untersucht ist der Papageno-Effekt. In Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Die Zauberflöte" (1791) trägt sich der Vogelfänger Papageno mit Selbstmordgedanken, als er den Verlust seiner Geliebten Papagena befürchtet. Doch es gelingt ihm, die kritische Situation mit Hilfe von außen zu meistern. Übertragen auf die mediale Berichterstattung heißt das: Es kommt weniger auf das konkrete Ereignis an als vielmehr auf den Umgang damit. Berichte über Menschen, die eine schwere Krise überwunden haben, sowie Hinweise auf Hilfsangebote können präventiv wirken. Belege dafür lieferte 2010 die Forschergruppe um Thomas Niederkrotenthaler vom Zentrum für Public Health an der Medizinischen Universität Wien.

Richtlinie des Presserats

Im Pressekodex ist folgende Handlungsempfehlung für Journalisten verankert: „Die Berichterstattung über Selbsttötungen gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen, die Veröffentlichung von Fotos und die Schilderung näherer Begleitumstände."

Hilfe für die nächsten Tage

Läuten nach dem Selbstmord eines Prominenten die Apparate bei der Telefonseelsorge häufiger als sonst?

Bei etwa 2,5 Prozent unserer Anrufe geht es um das Thema Suizid. Diese Zahl bleibt auch nach prominenten Fällen konstant. Allerdings nehmen deutlich mehr Anrufer Medienberichte über Fälle wie den von Robert Enke oder Gunther Sachs zum Anlass, das Thema direkt anzusprechen. Die Anrufer beginnen das Gespräch dann mit Sätzen wie „Ich war auch schon in so einer Situation wie Robert Enke."

Sprechen die Anrufer konkret die Vorbild-Wirkung solcher Fälle an?

Ja, und zwar ganz unterschiedlich: Die einen empfinden es so, dass der Prominente den Suizid gewissermaßen vorgemacht hat. Die anderen äußern, auf keinen Fall so enden zu wollen wie Robert Enke, und suchen deshalb Hilfe. Wir sprechen hier vom Papageno-Effekt.

Wie können Ihre Mitarbeiter helfen?

Viele Anrufer sprechen das Thema Selbsttötung nicht an, denken aber daran. Unsere Aufgabe ist es, das sehr sensibel zu behandeln, was ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und Mut erfordert. Das wird immer wieder gezielt trainiert. Man schafft gemeinsam mit dem Anrufer erst einmal eine Perspektive für die nächsten Stunden und Tage und versucht dann, weitere Schritte zu seiner Stabilisierung zu planen.

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