Dümmer durch Schichtarbeit?

Schichtarbeit bringt die innere Uhr durcheinander (thinkstock)

Schichtarbeit ist alles andere als gesund, das ist schon länger klar: Die ständige Störung des natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus fördert Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und sogar einige Krebsarten. Aber nicht nur das: Auf Dauer leiden offenbar auch die geistigen Leistungen unter der Schichtarbeit, wie eine Studie französischer Forscher nun nahelegt. Demnach reduzieren sich Gedächtnis und Denktempo durch mehr als zehn Jahre Schichtarbeit genauso stark wie durch 6,5 Jahre des Alterns. Das Tröstliche daran: Dieser Effekt ist reversibel, allerdings dauert die Regeneration des Gehirns mindestens fünf Jahre, wie die Forscher berichten.

Unsere innere Uhr ist der wichtigste Taktgeber unseres Körpers: Ihr Rhythmus reguliert wichtige Stoffwechsel-Aktivitäten, schüttet zur passenden Zeit Hormone aus, die uns wach oder müde machen und steuert auch Prozesse, die für die Regeneration von Zellen und Geweben wichtig sind. Zeitgeber für die innere Uhr ist dabei das Tageslicht – der natürliche Wechsel von Tag und Nacht. Doch längst gibt es viele Berufe, in denen Schichtarbeit die Regel ist – angefangen von Krankenschwestern über Feuerwehrleute oder Stahlarbeiter bis hin zu Flugbegleitern, die sich auf Langstreckenflügen ständig wechselnden Zeitzonen anpassen müssen. Bei letzteren hatte bereits vor einigen Jahren eine Studie erste Indizien dafür ergeben, dass ständiger Jetlag – und damit Störungen des normalen Tag-Nacht-Rhythmus – auch die geistigen Leistungen beeinträchtigen kann. Forscher fanden bei Flugbegleitern mit mehr als drei Jahren Dienst auf Langstreckenflügen erhöhte Gehalte von Stresshormonen im Blut und verringerte Leistungen bei kognitiven Tests.

Jean-Claude Marquié von der Université de Toulouse-CNRS und seine Kollegen haben dies nun aufgegriffen und in einer Langzeitstudie mit mehr als 3.000 Teilnehmern überprüft. Unter den zwischen 32 und 62 Jahre alten Probanden hatten rund die Hälfte Erfahrung mit Schichtarbeit in den unterschiedlichsten Berufen, die andere Hälfte nicht. Zu Beginn der Studie im Jahr 1996 unterzogen die Forscher alle Teilnehmer drei verschiedenen Tests der geistigen Leistung. Im ersten Test mussten sich die Probanden Listen mit Wörtern merken, im zweiten ging es darum, in einer vorgegeben Zeit bestimmte Buchstaben in einem Buchstabensalat zu finden und im dritten mussten - ebenfalls unter Zeitdruck - Verknüpfungen von Zahlen und Symbolen hergestellt werden. Dieser Test wurde 2001 und 2006 wiederholt. Für ihre Auswertung prüften die Forscher, ob Teilnehmer, die im Schichtdienst arbeiteten oder gearbeitet hatten genauso gut abschnitten wie gleichaltrige Probanden mit regulären Tagesarbeitszeiten und auch, wie sich eine bereits mehrere Jahre zurückliegende Schichtarbeit noch auf den aktuellen Stand der geistige Leistungen auswirkt.

Geistiger Abbau wie bei 6,5 Jahre Älteren

Das Ergebnis fiel relativ deutlich aus: Die Teilnehmer, die bereits zehn Jahre oder mehr in Wechselschichten arbeiteten, zeigten deutliche Defizite sowohl im Gedächtnistest als auch im Tempo der Informationsverarbeitung. "Ihr Abschneiden entsprach dem von 6,5 Jahren mehr des geistigen Abbaus", berichten die Forscher. Dabei war die Art der Schichtarbeit – ob als Arbeiter oder Angestellter in gehobener Position – nicht relevant, wohl aber die Dauer der Schichtarbeit: Bei den Probanden, die erst weniger als zehn Jahre lang im Schichtdienst arbeiteten, zeigten sich die geistigen Einbußen nicht, wie die Tests zeigten. Und noch etwas ergaben die Auswertungen: Die negativen Effekte der Schichtarbeit hören nicht sofort auf, wenn man zu einem normalen Tag-Nacht-Rhythmus zurückkehrt. Stattdessen dauert es mindestens fünf Jahre, bis wieder eine Besserung eintritt.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass Schichtarbeit zu chronischen Einbußen in den kognitiven Leistungen führt", konstatieren Marquié und seine Kollegen. Warum das so ist, haben sie in ihrer Studie zwar nicht untersucht - sie sehen in den Resultaten aber Indizien dafür, dass eine Störung der inneren Uhr zu physiologischem Stress führt. Dieser wiederum hinterlässt im Laufe der Zeit nicht nur körperliche Folgen, sondern macht sich auch im Gehirn bemerkbar. So zeigen Studien, dass besonders der Hippocampus – ein für die Gedächtnisbildung wichtiges Areal - sehr sensibel auf Stresshormone reagiert und durch die ständige Erhöhung dieser Botenstoffe sogar schrumpfen kann. Tatsächlich zeigte sich auch in der aktuellen Untersuchung, dass die Gedächtnisleistungen durch die Schichtarbeit besonders stark beeinträchtigt wurden. "Im Licht dieser und vorhergehender Befunde zu den langfristigen Wirkungen von Schichtarbeit erscheint uns ein kausaler Zusammenhang sehr plausibel", sagen die Wissenschaftler.

Nach Ansicht der Forscher haben diese Erkenntnisse Bedeutung nicht nur für die einzelnen Betroffenen, sondern auch für die Gesellschaft als Ganzes. Denn viele Schichtdienste decken hoch sensible und gefährliche Bereiche des öffentlichen Lebens ab – von der medizinischen Versorgung bis hin zur Feuerwehr oder dem Betrieb von riskanten Anlagen. Es sei daher umso wichtiger, die Gesundheit von Schichtarbeitern entsprechend gut zu überwachen – und vielleicht auch über verträglichere Alternativen zu den klassischen Wechselschichten nachzudenken.

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