Der Mensch als Naturgewalt

In ihrer relativ kurzen Geschichte hat die Menschheit ihren Planeten entscheidend geprägt. Doch sind die Veränderungen einschneidend genug, um eine neue geologische Epoche auszurufen, das Anthropozän?

Endzeit-Szenario: Die Menschheit ist ausgelöscht, und die Zeichen unserer Zivilisation zerfallen. Felder verwandeln sich in Wildnis, Brücken und Fabriken stürzen ein, unsere Häu- ser verwachsen im grünenden und blühenden Städte-Dschungel mit Straßen, Ampeln und verlassenen Fahrzeugen.

Einige Hunderttausend oder sogar Millionen Jahre später: Was ist von uns geblieben? Erheben sich dort Hügel, wo einmal Hochhäuser standen? Liegen Münzen tief in der Erde vergraben? Saust Weltraumschrott in der Erdumlaufbahn herum?

Nein, das wird nicht alles sein. Die Spuren, die wir Menschen auf dem Planeten hinterlassen, sind tiefgreifender und langfristiger. Wir sind eben nicht nur ein Wimpernschlag in der Milliarden Jahre langen Erdgeschichte, sondern wir verändern den Planeten grundlegend durch unsere Aktivitäten. Wir sind zu einer Naturkraft geworden. Dieser Meinung ist eine wachsende Gruppe von Wissenschaftlern: Ihnen zufolge leben wir in einer neuen geologischen Epoche, dem Anthropozän – im Zeitalter des Menschen.

Den Begriff hat der Atmosphärenchemiker und Nobelpreisträger Paul Crutzen ins Gespräch gebracht. Als auf einer Konferenz über das Holozän gesprochen wurde, warf er ein: „Wir sind nicht mehr im Holozän. Wir sind im Anthropozän!" Im Fachmagazin Nature beschrieb er dann 2002, dass sich die Aktivitäten der Menschheit so drastisch auf die globale Umwelt ausgewirkt hätten, dass wir die stabile Phase des Holozäns – wie Geologen das aktuelle Erdzeitalter nennen – verlassen und die neue Epoche des Anthropozäns erreicht hätten. Laut Crutzen begann das Anthropozän mit der industriellen Revolution, die einige Jahrzehnte nach der Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt 1784 Fahrt aufnahm.

Ein neues Wort macht Karriere

Der Begriff Anthropozän hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. In den letzten zwei Jahren sind drei neue wissenschaftliche Fachmagazine entstanden, die sich ausschließlich dem Anthropozän widmen. Und nicht nur in wissenschaftlichen Kreisen macht das Konzept die Runde. Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin hat 2013 das zweijährige Anthropozän- Projekt gestartet, in dessen Rahmen sich Ausstellungen, Foren und Diskussionsrunden mit dem Phänomen beschäftigen. Das Deutsche Museum in München zeigt seit Dezember 2014 bis Januar 2016 eine Sonderausstellung dazu (siehe „ Mehr zum Thema" auf Seite 69).

Auch Geologen nehmen sich der Frage an: Schließlich sind die Zeitabschnitte der Erdgeschichte und die Suche nach deren Spuren in den Sedimentschichten ihr Fachgebiet. Seit 2008 leitet der Geologe Jan Zalasiewicz von der Universität Leicester eine Arbeitsgruppe der Internationalen Kommission für Stratigrafie, die untersucht, ob das Anthropozän als neuer geologischer Zeitabschnitt das Holozän ablösen soll (siehe Interview „Wir müssen jetzt reagieren!" ab Seite 70).

Die Anzeichen des Anthropozäns sind allgegenwärtig. Deutlich zeigen das Diagramme zur Weltbevölkerung, zum atmosphärischen Gehalt an Treibhausgasen, zum globalen Wasserverbrauch und zur Abholzung tropischer Regenwälder. Jahrtausendelang änderte sich hier wenig, doch seit etwa 1950 steigen die Kurven deutlich. Wissenschaftler sprechen von der „Großen Beschleunigung" und meinen damit die Explosion menschlicher Aktivitäten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das gilt für alle Bereiche des Lebens – zum Beispiel für die Verbreitung des Telefons, den internationalen Tourismus, den Verbrauch von Dünger und das globale Bruttosozialprodukt.

Wie sehr der Mensch Einfluss nimmt, zeigt der Blick von oben auf die Erde. Der Ökologe Erle Ellis von der US-amerikanischen Universität Maryland, der menschlich geprägte Landschaften erforscht, prägte den Begriff „Anthrom". Im Gegensatz zum Biom, das ein Gebiet mit einem gemeinsamen Ökosystem bezeichnet – etwa einen Wald oder eine Wüste –, bezieht das Anthrom den Menschen und seinen Einfluss auf das Ökosystem mit ein.

Zunächst hatte Ellis die Ökologie der Landwirtschaft in China untersucht: „Dabei wurde mir klar, dass die menschlichen Ökosysteme dort wirklich umgestaltet waren. Sie unterschieden sich völlig von den Ökosystemen, auf die der Mensch keinen Einfluss hat." So ist das durch Reisanbau geprägte Jangtse-Delta über die Jahrtausende der Landwirtschaft völlig verändert worden: Der Nährstoffkreislauf ist von Menschen gemacht, die Ökosysteme sind von gezähmten Tieren bevölkert. „Ich wollte herausfinden, in welchem Ausmaß so etwas weltweit geschieht, also inwieweit Menschen die Ökologie verändert haben."

Anhand von Satellitenbildern ermittelte Ellis, wie viel „echte Wildnis" es überhaupt noch gibt. Er fand heraus, dass nur noch 23 Prozent der eisfreien Erdoberfläche weitgehend unberührt von Menschen sind. Es handelt sich vor allem um die unfruchtbaren Regionen der Welt, also die Kältesteppen oder Kahlregionen im Norden Russlands oder Kanadas und die Wüstenregionen Afrikas. Dagegen finden knapp 90 Prozent der sogenannten Nettoprimärproduktion – der Produktion von Biomasse durch die Photosynthese der Pflanzen – in Anthromen statt, also in von Menschen geprägten Ökosystemen. Für Ellis ist klar: „Wir haben alle Regionen entweder bereits umgestaltet oder sind gerade dabei."

Dass die Menschheit die Erdoberfläche nicht nur nutzt, sondern sie auch umgestaltet, schrieb bereits 2005 der Geologe Bruce Wilkinson von der Universität Michigan im Fachmagazin Geology. Die Menschen lagern bei Bauarbeiten immer mehr Gestein und Sediment um und tragen so zur Erosion bei. Wir Menschen bewegen zehnmal so viel Gestein und Sediment über den Planeten wie alle anderen natürlichen Prozesse zusammen. Wilkinson schätzt, dass wir die Natur schon vor über 1000 Jahren überholt haben.

Auch unsere kreuchenden und fleuchenden Planetenmitbewohner bekommen unseren Einfluss zu spüren – oft zu ihrem Nachteil. Forscher um Rodolfo Dirzo von der kalifornischen Stanford-Universität haben vor Kurzem dazu einen Übersichtsartikel im Fachmagazin Science veröffentlicht. Darin sprechen sie sogar von einer „Defaunation" im Anthropozän, also von einem Kahlschlag in der Tierwelt – analog zur „Deforestation" , dem Abholzen der Wälder. Die Zahlen sind ernüchternd: Seit dem Jahr 1500 sind mindestens 322 Landwirbeltierarten ausgestorben. Rund ein Drittel der Wirbeltierarten auf der Erde gilt als gefährdet.

Selbst die Populationsgröße von Arten, die nicht vom Aussterben bedroht sind, ist in den letzten vier Jahrzehnten durchschnittlich um 28 Prozent geschrumpft. Die Autoren schätzen, dass wir von den fünf bis neun Millionen Tierarten auf der Erde jährlich bis zu 58 000 Spezies verlieren.

Was wird aus den Elefanten?

Keine Frage: Der Mensch zieht durch seine Ausbreitung und den Ressourcenverbrauch den Tieren ihr Habitat unter den Füßen weg. Und das gilt nicht nur für Schlüsselarten wie Elefanten, von deren Existenz ganze Ökosysteme abhängen: 40 Prozent aller wirbellosen Spezies, die die Internationale Naturschutzorganisation IUCN katalogisiert hat, sind vom Aussterben bedroht.

Noch handelt es sich nicht um ein Massenaussterben. Davon ist laut Definition erst die Rede, wenn mehr als 50 Prozent der Flora und Fauna über einen geologisch kurzen Zeitraum verschwinden. Das gab es bisher fünfmal in der Erdgeschichte – zuletzt vor 65 Millionen Jahren, als die Dinosaurier ausstarben. Trotzdem ist derzeit die Aussterberate etwa 1000 Mal so hoch wie die natürlich bedingte. Auch deshalb sprechen Dirzo und seine Kollegen von einem sechsten Massenaussterben, das zurzeit stattfindet. Und sie sind überzeugt, dass sich der Trend durch den Klimawandel noch beschleunigen wird. Sie nehmen beispielsweise an, dass bis 2100 etwa 20 Prozent der Landvögel in der westlichen Hemisphäre aufgrund der Klimaerwärmung verschwinden werden.

Doch wann ist der Mensch zu einer Naturkraft geworden? Anders gesagt: Wann genau hat das Anthropozän begonnen? „Das können nur die Sedimente verraten", sagt Philip Gibbard, Geologe an der Universität Cambridge. „Es geht hier nicht um die globale Ausbreitung von McDonald's Restaurants, sondern um tiefgreifende, dauerhafte Veränderungen." Ein weiteres Kriterium: Um als geologische Epoche anerkannt zu werden, muss das „Signal" des Anthropozäns überall gleichzeitig auf der Erde nachweisbar sein.

Deshalb eignet sich beispielsweise die Entwicklung der Landwirtschaft nicht. Erle Ellis erklärt: „Der direkte menschliche Einfluss auf die Natur durch Siedlungen, Landwirtschaft und die Jagd erfolgt nicht überall gleichmäßig. Wir wissen, dass der Effekt riesig ist, aber er wirkt sich zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten unterschiedlich aus."

Ein globales und gleichmäßiges Signal hingegen liefern die Isotopenverhältnisse gewisser chemischer Elemente wie Kohlenstoff. Isotope sind Vertreter ein und desselben Elements, die sich lediglich durch die Zahl der Neutronen – elektrisch neutraler Elementarteilchen – in ihrem Kern unterscheiden. „Wenn wir fossile Brennstoffe verbrauchen, ändert sich das Mengenverhältnis zwischen den Isotopen", erklärt Jonathan Dean vom NERC Isotope Geosciences Laboratory im britischen Keyworth. „ Lebewesen nehmen hauptsächlich Kohlenstoff-12 (12C) auf. Wenn sie zu Fossilien werden, findet man entsprechend mehr 12C und nur sehr wenig 13C und 14C. Wenn wir die fossilen Brennstoffe verbrauchen, gibt es also mehr 12C in der Atmosphäre, als es der Fall wäre, wenn sie sich weiterhin in der Erde befänden."

Startschuss schon vor 8000 Jahren?

Auf solche Daten stützt sich der Paläoklimatologe William Ruddiman, emeritierter Professor der Universität Virginia, in seiner „Hypothese vom frühen Anthropozän". Seiner Überzeugung nach hat das Anthropozän schon vor 8000 Jahren begonnen. Ruddiman interpretiert Schwankungen in den Kohlendioxid- und Methan-Leveln über die letzten paar Tausend Jahre als vom Menschen verursacht. Ihm zufolge gehen die Veränderungen im Kohlenstoff-Isotopen-Verhältnis von Kohlendioxid auf die Abholzung der Wälder zurück und die Veränderungen im Isotopenverhältnis von Methan auf den Reisanbau in Asien, der sich damals entwickelt hat.

Doch dieser Ansatz findet keine Mehrheit unter den Forschern. Dean wendet ein: „Es gibt auch natürliche Ursachen, durch die diese Schwankungen zustande gekommen sein könnten. So wird Kohlendioxid bei der Erwärmung der Meere freigesetzt. Dazu kommt, dass die Größenordnung dieser Schwankungen in den letzten paar Tausend Jahren viel kleiner war als im letzten Jahrhundert. Erst seit 50 Jahren gibt es einen klaren Trend."

Dieser Trend hat durch die industrielle Revolution um 1850 begonnen, weshalb Paul Crutzen diesen Zeitpunkt als Beginn des Anthropozäns vorschlug: Die Konzentration der beiden Treibhausgase Kohlendioxid und Methan fingen an, exponentiell anzusteigen.

Ein Signal der ganz anderen Art würde sich ebenfalls eignen: Am Anfang der Großen Beschleunigung hat die Menschheit der Erde eine strahlende Hinterlassenschaft verpasst. „ Plutoniumablagerungen sind größtenteils dem Menschen zuzuschreiben", sagt Dean. „Bei den Atomwaffentests in den 1950er-Jahren wurde viel Plutonium in der Atmosphäre freigesetzt, bis die Tests 1963 im Moskauer Atomteststoppabkommen verboten wurden. Überall auf der Erde setzte sich Plutonium zur etwa gleichen Zeit nieder."

Das strahlende Element hat eine Halbwertszeit von mehreren Millionen Jahren, wird also noch lange nachweisbar sein. Da die Atomwaffentests zeitlich mit der Großen Beschleunigung zusammenfallen, schlägt ein Teil der Wissenschaftler den Zeitpunkt ihres Beginns als „Startmarke" für das Anthropozän vor.

Bald gibt es 10 Milliarden Menschen

Es gibt jedoch auch Forscher, die das Anthropozän als geologische Epoche völlig ablehnen. Zu ihnen gehört der Geologe Phil Gibbard, der Mitglied der Anthropozän-Arbeitsgruppe ist: „ Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu anthropozentrisch werden" , meint er. „Die Erde hat in ihrer Geschichte schon viele Katastrophen erlebt – und sich jedes Mal davon erholt. Darüber hinaus wissen wir ja immer erst im Nachhinein, wie die Geschichte weitergeht. Das Anthropozän durchleben wir gerade erst. Wir wissen nicht, wie es sich entwickeln wird." Statt als geologische Epoche würde Gibbard „Anthropozän" lieber als Schlagwort für menschliche Störungen von natürlichen Systemen aller Art verwenden.

Aber welche Rolle spielt es, ob das Anthropozän offiziell anerkannt wird oder nicht? Ellis sieht das so: „Am Anfang habe ich gedacht, das Anthropozän nicht formal anzuerkennen wäre, als würde man sagen: Menschen haben die Welt nicht verändert. Inzwischen denke ich, dass die Anerkennung durch Geologen weder die öffentliche noch die wissenschaftliche Meinung ändern würde. Ob es nun ein geologischer Begriff wird oder nicht: Wir verändern die Welt."

Der Initiator der Diskussion, Paul Crutzen, meint: Wenn keine Katastrophe die Menschheit kollektiv dahinrafft, werden wir noch viele Tausend Jahre lang Einfluss auf die Erde ausüben. Dazu kommt, dass die Weltbevölkerung exponentiell wächst. Sie wird wahrscheinlich noch in diesem Jahrhundert die 10-Milliarden-Grenze übersteigen. Es liegt an uns, wie wir mit unserer Erde umgehen. Ob das Anthropozän nun vor 8000, 200 oder 50 Jahren begann – klar ist: Wir leben im Zeitalter des Menschen. •

Text von Franziska Konitzer, Fotos von Axel Griesch

Im Zeichen des Menschen

Mit dem Beginn der industriellen Revolution steigen CO2-Konzentration und Weltbevölkerungszahl deutlich, was geologisch weltweit nachweisbar ist. Jan Zalasiewicz wertet sie deshalb als Indizien, dass das Anthropozän begonnen hat.

Ohne Titel

Franziska Konitzer fragte sich beim Schreiben dieses Beitrags, was die Geologen der Zukunft wohl von unseren Fossilien halten werden. AXEL GRIESCH hat fünf Tage lang in der Sonderausstellung „ Willkommen im Anthropozän" im Deutschen Museum, München, fotografiert.

Mehr zum Thema

AUSSTELLUNG

Bis 31. Januar 2016 zeigt das Deutsche Museum in München die Sonderausstellung „Willkommen im Anthropozän. Unsere Verantwortung für die Zukunft der Erde", in der sich alles um das Zeitalter des Menschen dreht. Mit sechs Themeninseln zu Urbanität, Mobilität, Mensch- Maschine, Natur, Ernährung und Evolution führt die Ausstellung dem Menschen seinen Einfluss auf die Erde vor Augen. Mehr Infos: www.deutsches-museum.de/ausstellungen/ sonderausstellungen/2014/anthropozaen/

LESEN

Nina Möllers, Christian Schwägerl, Helmuth Trischler (Hrsg.) Willkommen im Anthropozän Unsere Verantwortung für die Zukunft der Erde Katalog, Deutsches Museum 2015, € 16,–

Anthropozän – 30 Meilensteine auf dem Weg in ein neues Erdzeitalter Eine Comic-Anthologie Deutsches Museum 2015, € 14,95

Christian Schwägerl Menschenzeit Zerstören oder gestalten? Wie wir heute die Welt von morgen erschaffen Goldmann, München 2012, € 9,99

Jan Zalasiewicz Die Erde nach uns Der Mensch als Fossil der fernen Zukunft Spektrum Akademischer Verlag 2009, € 29,99

INTERNET

Informationen der Anthropozän-Arbeitsgruppe (auf Englisch): quaternary.stratigraphy.org/ workinggroups/anthropocene/

Kompakt

· Dauerhafte Veränderungen des Ökosystems und der Geologie lassen Forscher vom „Zeitalter des Menschen" sprechen.

· Ein großer Einschnitt war die industrielle Revolution.

· Ein Marker menschlicher Aktivität sind auch die Atomwaffentests, da sich das abgelagerte Plutonium weltweit gleichzeitig nachweisen lässt.

Gut zu wissen: Das Holozän – die Eiszeit-Pause

Eigentlich ist unser jüngster Abschnitt der Erdgeschichte, die Epoche des Holozäns, nur die bisher letzte von etwa 50 zwischeneiszeitlichen Phasen der seit über 2,5 Millionen Jahren andauernden Eiszeit. Doch das 11 700 Jahre junge Holozän ist für uns Menschen etwas Besonderes, weil es einen großen Teil der Erdoberfläche, wie wir sie kennen, gestaltet hat: die Flussbetten und Überschwemmungsebenen, die Deltas, das oberflächliche Gestein und den Erdboden. Der Begriff „Holozän" stammt aus dem Griechischen und bedeutet „das völlig Neue". Erst 2008 ist er von der Internationalen Kommission für Stratigrafie definiert worden. Ein Eisbohrkern aus Grönland zeigte in rund 1492 Meter Tiefe anhand seiner chemischen Zusammensetzung die beginnende Erwärmung der Erde, die das Ende der letzten Kaltphase markiert. Für den Menschen herrschen im Holozän ausgezeichnete Bedingungen: Es ist von der Umwelt her eine der stabilsten Phasen der letzten 100 000 Jahre. Mit dem Konzept des Anthropozäns steht nun die Frage im Raum, ob der Mensch dieses Gleichgewicht so sehr gestört hat, dass das Holozän schon wieder vorbei ist, kaum, dass es richtig angefangen hat.

Jan Zalasiewicz

war als Student von der fernen Erdgeschichte fasziniert: Zalasiewicz (*1954) promovierte an der Universität Cambridge über das Ordovizium, eine Periode, die fast eine halbe Milliarde Jahre zurückliegt. Nach seiner Anstellung beim British Geological Survey ist er inzwischen seit 20 Jahren Dozent für Paläobiologie an der Universität Leicester. Seit 2009 leitet Zalasiewicz die Arbeitsgruppe für das Anthropozän der Internationalen Kommission für Stratigrafie. Diese Gruppe prüft, ob das Anthropozän als neues geologisches Erdzeitalter anerkannt werden soll.

Wir müssen jetzt reagieren!

Wann sind Sie zum ersten Mal auf das Anthropozän aufmerksam geworden, Herr Dr. Zalasiewicz?

So wie viele andere habe auch ich 2002 den Artikel von Paul Crutzen über das Anthropozän im Fachmagazin Nature gelesen und die Einführung dieser neuen Erdepoche für eine sehr interessante Idee gehalten. Zur gleichen Zeit habe ich mich mit der Frage beschäftigt, welche Spuren in ferner Zukunft von unserer menschlichen Zivilisation zeugen werden.

Gibt es feste Kriterien, die das Anthropozän erfüllen muss, um als Epoche der Erdgeschichte anerkannt zu werden?

Nein, es gibt keine quantitativen Kriterien für die Unterteilung in die einzelnen Abschnitte der Erdgeschichte. Das Mesozoikum beispielsweise ist eine Ära, die von zwei Massensterben begrenzt wird. Am Ende des Mesozoikums vor 65 Millionen Jahren starben die Dinosaurier aus, und das Leben auf der Erde änderte sich funda- mental. Wir verwenden diese Art von Vorher-Nachher-Vergleichen, um Erdzeitabschnitte zu unterscheiden. Obwohl wir beim Anthropozän erst den Anfang einer Entwicklung erleben, die wahrscheinlich noch Tausende von Jahren weitergehen wird, versuchen wir, einen passenden Vergleich zu finden.

Worin besteht Ihre Arbeit konkret?

Wir haben kein Budget, um extra Forschung zu betreiben. Wir werten also Studien aus – zum Beispiel Daten, die den Zusammenhang zwischen Landnutzung und Erosion untersuchen. Auch die Aussterberaten von Pflanzen und Tieren sind aussagekräftig. Wir können mit ihnen den Einfluss des Menschen abschätzen.

Gibt es Bereiche, in denen sich keine Belege für die Existenz des Anthropozäns finden lassen?

Derzeit könnte man sagen: das Klima. Letztlich leben wir immer noch in einem normalen zwischeneiszeitlichen Klima. Es verändert sich, aber die Schwankungen liegen völlig im Bereich des Normalen. Derzeit erhöht sich der Meeresspiegel um rund drei Millimeter pro Jahr, das ist kaum messbar.

Das Holozän hat erst vor 12 000 Jahren begonnen. Normalerweise dauern erdgeschichtliche Epochen einige Hunderttausend Jahre. Ist es nicht zu früh, eine neue Erdepoche einzuläuten?

Letztlich geht es nicht um die Dauer, sondern darum, welches Ausmaß ein Ereignis hat und welche Spuren es in den Sedimentschichten hinterlässt. Das Anthropozän unterscheidet sich ganz klar von der Anfangszeit des Holozäns, weil es Anzeichen von menschlicher Aktivität darin gibt. Grob gesagt war das Holozän zunächst sehr stabil. Dann auf einmal gibt es eine Art Klippe aufgrund der wachsenden Bevölkerung und durch den Anstieg des CO2-Pegels. Plötzlich kommt es zu dieser starken geologischen Veränderung, die ungefähr zur Zeit der industriellen Revolution anfängt und sich ab Mitte des 20. Jahrhunderts beschleunigt.

Wie wird der Übergang zwischen Holozän und Anthropozän festgelegt, sollte es zur Anerkennung kommen?

Da gibt es zwei Methoden. Man kann einen sogenannten Golden Spike benutzen. Er markiert den Anfang eines Zeitabschnitts innerhalb einer Gesteinsschicht und setzt eine Marke, nach der man sich weltweit richten kann. Er ist so etwas wie eine Plakette, die an einer Fundstelle an der entsprechenden Gesteinsschicht angebracht wird. Für die letzte halbe Milliarde Jahre werden meist solche Golden Spikes benutzt, weil es in diesem Zeitraum Fossilien gibt, die extrem gute Zeitmarken sind. Für ältere Zeitabschnitte verwenden wir eher sogenannte GSSA (Global Standard Stratigraphic Age) – chronologische Referenzpunkte. Ein solcher Referenzpunkt legt beispielsweise fest, dass das Proterozoikum vor genau 2,5 Milliarden Jahren begann. Beim Anthropozän könnte man also sagen: Entweder beginnt es ab einer bestimmten Erdschicht, oder man legt einen Zeitpunkt fest – etwa 1850 als Anfang der industriellen Revolution.

Wie kam es zur Gründung Ihrer Arbeitsgruppe?

Der Begriff „Anthropozän" wird häufig so benutzt, als ob er bereits offiziell anerkannt sei. Das ist er aber nicht. Die Frage ist also: Was machen wir damit? Einige Geologen haben 2008 in einem Artikel gefordert, dass wir uns mit der Idee näher beschäftigen sollten. Daraufhin haben wir die Arbeitsgruppe gebildet.

Wer genau sitzt in der Arbeitsgruppe? Und: Sind auch Kritiker darunter, die vom Anthropozän nichts halten?

Wir sind rund 30 Wissenschaftler, größtenteils Geologen, aber auch Ökologen, Archäologen und Klimaforscher. Und es gibt natürlich Kritiker darin, schließlich sind wir keine Lobbygruppe.

Wann wird die Entscheidung der Arbeitsgruppe fallen?

Wir planen, zum nächsten Internationalen Geologischen Kongress 2016 zumindest eine vorläufige Empfehlung auszusprechen. Wir sollten Belege für die Existenz dieses erdgeschichtlichen Zeitabschnitts liefern und dann beschreiben, wie unsere Empfehlung in die Praxis umgesetzt werden könnte. Also: Wann fängt das Anthropozän an, wie erkennt man es, wie kann man es weltweit nachweisen, welche Kriterien sind zu beachten?

Und wie geht es weiter?

Als Arbeitsgruppe sind wir auf der untersten Stufe der „ Nahrungskette". Über uns kommt die Subkommission für das Quartär – die Periode, zu der das Holozän gehört und zu der auch das Anthropozän gehören würde. Diese Subkommission kann unsere Empfehlung ablehnen, oder sie leitet sie an die Internationale Kommission für Stratigrafie, die ICS, weiter. In diesem Fall stimmt die ICS darüber ab, und dann muss die Internationale Union für Geowissenschaften das Ganze noch ratifizieren.

Warum ist es überhaupt wichtig, jetzt eine Entscheidung zu treffen? Geologisch gesehen könnte man doch noch gut mehrere Hundert oder Tausend Jahre warten.

Das könnten wir, aber der Begriff wird jetzt benutzt und deshalb müssen wir auch jetzt reagieren. Es ist ja nicht so, dass wir das Anthropozän vorgeschlagen hätten. Es ist sozusagen der Büchse der Pandora entwichen – und nun ist es da und wirft Fragen auf. Wir versuchen, es zu definieren, damit jeder, der diesen Begriff benutzt, weiß, wovon er redet.

Die Diskussion um das Anthropozän wird von einem großen öffentlichen Interesse begleitet. Finden Sie das gut oder schlecht?

Ein bisschen von beidem. Man fühlt sich schon wie in einem gläsernen Käfig. Aber die Diskussion ist insofern gut, als unsere Arbeit dadurch relevant für die breite Öffentlichkeit wird. Zudem gibt es einen Austausch mit anderen Disziplinen: Wir diskutieren mit Historikern, Philosophen und Künstlern, sodass es zu einem regen Austausch zwischen Natur- und Geisteswissenschaften kommt. Oft wirkt Interdisziplinarität etwas erzwungen, in diesem Fall ist sie völlig authentisch.

Bei allem, was man über das Anthropozän hört, hat man das Gefühl, der Einfluss des Menschen sei nur negativ. Ist es überhaupt möglich, die Diskussion neutral zu führen?

Uns ist sogar schon vorgeworfen worden, dass wir zu leidenschaftslos mit der Angelegenheit umgehen. Ich denke, wir sollten versuchen, die Daten so unvoreingenommen wie möglich zu prüfen. Natürlich kennen wir die potenziellen Probleme der Zukunft, beispielsweise zerstörte biologische Systeme oder geflutete Landschaften. Wir sind uns aber auch der Gefahr bewusst, dass wir fremdes Terrain betreten, wenn wir konkrete politische Lösungsstrategien anbieten, beispielsweise beim Geo-Engineering. Es ist ein Balanceakt. •

Das Gespräch führte Franziska Konitzer

Die Narben des Anthropozäns

Der Mensch hat sich fast überall auf der Erde ausgebreitet und hinterlässt dort dauerhaft seine Spuren. In einigen Gegenden sind seine Eingriffe gravierend. So wurde bei der Zündung der ersten Wasserstoffbombe eine ganze Pazifikinsel zerstört – und der Plastikmüll im Meer und auf dem Land verrottet äußerst langsam. Die schlechteste Ökobilanz haben besonders dicht besiedelte Gebiete, vor allem Städte.

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