Die Pille für den Mann

Keiner spricht mehr darüber: Rollentausch bei der hormonellen Empfängnisverhütung.

Es gibt zwar Verhütungsmittel für den Mann. Die erfüllen aber nicht hundertprozentig die Erwartungen der Beteiligten: Das Kondom empfinden viele als störend oder als zu wenig verlässlich, und die Vasektomie – das Durchtrennen der Samenleiter – ist nicht immer erfolgreich umkehrbar. Anwender und Ärzte fordern in gleicher Weise, dass ein Verhütungsmittel keine erheblichen Nebenwirkungen hat, seine Wirkung schnell entfaltet und unkompliziert in der Handhabung ist.

Dass die Männer gewillt sind, bei der Verhütung Verantwortung zu übernehmen, ist entgegen allen Vorurteilen belegt. In einer Studie aus dem Jahr 2004 erklärten sich fast 70 Prozent der befragten deutschen Männer bereit, eine Pille für den Mann auszuprobieren – wenn es sie denn gäbe.

Selbst in Argentinien, wo sich noch „echte Kerle" der Macho-Kultur verpflichtet fühlen, halten sich die ablehnenden und die aufgeschlossenen Männer die Waage. Sogar in Lateinamerika ist die Gesellschaft empfängnisbereit für eine Pille für den Mann. Doch warum liefert die Industrie nicht?

Mediziner und Pharmakologen zerbrechen sich seit Jahrzehnten den Kopf, was man in eine Tablette packen könnte, um die Fruchtbarkeit des Mannes – vorübergehend und ohne Verlust der Libido – auszusetzen. Als aussichtsreicher Kandidat galt lange eine Kombination aus den Hormonen Testosteron und Gestagen. Das Gestagen wirkt im Zwischenhirn und in der Hirnanhangdrüse, die beide die Spermienbildung regulieren. Dadurch wird allerdings auch die Produktion des in den Hoden produzierten Hormons Testosteron gehemmt, weshalb es mit verabreicht werden muss, um den Hormonhaushalt des Mannes nicht ins Wanken zu bringen.

2004 schien der Durchbruch dieser Methode in Reichweite zu sein: „Das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft ist vergleichbar mit dem der Pille für die Frau", sagte Hermann Behre, inzwischen Direktor am Zentrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie im Universitätsklinikum Halle, in bild der wissenschaft („Nachgefragt", Ausgabe 1/2004). Damals hatten australische Forscher bei 55 Testpaaren die Männer mit einer Kombination aus Gestagen und Testosteron versorgt. Die Ergebnisse konnten sich sehen lassen: Das Präparat wirkte, solange es sollte, und rief kaum Nebenwirkungen hervor.

Um das Resultat zu überprüfen, wiederholte die Weltgesundheitsorganisation WHO die Untersuchung. 2009 statteten Ärzte auf der ganzen Welt 400 Paare mit einem ähnlichen Präparat aus. Zunächst lief die Studie wie erhofft, Schwangerschaften blieben aus. Nach zwei Jahren jedoch meldeten Probanden Nebenwirkungen.

Vor allem ältere Männer, die in der vorherigen Studie nicht berücksichtigt worden waren, beklagten starke Schwankungen ihrer Libido und litten teilweise sogar unter Depressionen. Als einige Testpersonen schließlich in Kliniken eingeliefert werden mussten, wurde die Studie 2011 abgebrochen.

Michael Zitzmann, Facharzt für Andrologie und Sexualmedizin am Universitätsklinikum Münster, hat an der WHO-Studie mitgearbeitet und teilnehmende Paare in Münster betreut. Jetzt bleibt ihm und seinem Team noch die Auswertung zahlreicher Blutproben, die zwischen 2009 und 2011 weltweit gesammelt wurden.

„Vielleicht können wir einen Zusammenhang zwischen Blutwerten und Nebenwirkungen beobachten", sagt Michael Zitzmann. „Aber auf jeden Fall ist eine Testosteron-Gestagen-Pille innerhalb der nächsten fünf Jahren nicht in Aussicht."

Felix Austen

Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!