Zwei Räder sind genug

Sie sind jung und gut ausgebildet. Sie leben und arbeiten in der Großstadt. Sie fahren Bus, Bahn oder Fahrrad. Ein eigenes Auto haben sie nicht. Björn Peterhoff ist einer von ihnen.

Zum Interview in einem Café kommt Björn Peterhoff mit dem Fahrrad. Sportlich sieht er aus, wie er noch im Fahren vom Sattel springt und das Rad direkt gegenüber vom Café abschließt. Er trägt Kapuzenpulli, Dreitagebart und ein zurückhaltendes Grinsen. Ein Auto besitzt Björn Peterhoff nicht. Damit verkörpert der 28-Jährige einen Trend, der sich in den letzten Jahren in Statistiken mehr und mehr andeutet: Junge Menschen verzichten vor allem in der Stadt immer häufiger auf ein eigenes Auto und nutzen stattdessen einen bunten Mix aus anderen Verkehrsmitteln, je nachdem, was gerade am praktischsten ist.

Björn Peterhoff lebt in Stuttgart. Gut 600 000 Einwohner machen die baden-württembergische Landeshauptstadt zur sechstgrößten Stadt Deutschlands. Mit Höhenunterschieden von 350 Metern innerhalb des Stadtgebiets ist sie nicht gerade fahrradfreundlich. Große Arbeitgeber wie Daimler und Porsche sowie deren Zulieferfirmen ziehen autoaffine Menschen an – und auch Peterhoff arbeitet drei Tage pro Woche beim Automobilzulieferer Mahle. Er hat einen Führerschein, nutzt für Dienstreisen manchmal Firmenfahrzeuge und hat trotzdem nie ernsthaft über einen eigenen Wagen nachgedacht. „Dabei habe ich mich eigentlich nicht bewusst gegen ein Auto entschieden. Ich habe mich nur nie dafür entschieden. Hier in der Stadt brauche ich es nicht."

Die Zeit unterwegs gut genutzt

Seine täglichen Wege sind kurz. Zur Arbeit sind es vier Kilometer, die er meistens mit dem Fahrrad fährt. Nur wenn das Wetter zu schlecht ist, entscheidet er sich für die U-Bahn. Schneller als mit dem Fahrrad ist er damit nicht, weil er auf der Strecke einmal umsteigen muss. Auch mit dem Auto bräuchte er lange, denn die Straßen sind morgens immer voll.

An den Tagen, an denen Björn Peterhoff nicht bei Mahle arbeitet, sitzt er für die Grünen im Gemeinderat, ins Rathaus braucht er nicht länger als 20 Minuten. „Wenn ich mit der Bahn fahre, nutze ich die Zeit und lese auf dem Smartphone die Apps von Zeitungen oder der Tagesschau", sagt er. Beim Fahrradfahren zählt für ihn auch der Fitness-Aspekt. „Wenn ich morgens bei der Arbeit ankomme", sagt Peterhoff, „gehe ich duschen und fühle mich wach und frisch." Auf anderen Strecken zieht er es vor, zu Fuß zu gehen. „Wenn ich zum Beispiel Freunde besuche und die Bahnverbindung nicht so gut ist, gehe ich zwischendurch zehn Minuten zu Fuß und spare mir einmal Umsteigen."

Auch zum Einkaufen nutzt Björn Peterhoff normalerweise das Fahrrad oder die Bahn. Wenn es mal ein größerer Einkauf sein soll – Getränkekisten für eine Geburtstagsfeier zum Beispiel – leiht er sich ein Auto von Freunden oder über Carsharing. Dabei hat er bisher immer solche Angebote genutzt, bei denen man das Auto im Vorfeld reservieren und auch zum Ausgangsort wieder zurückbringen muss. „Die Anlässe, bei denen ich ein Auto brauche, kann ich vorher planen. Deshalb ist das überhaupt kein Problem", sagt Peterhoff.

Das Auto als Stressfaktor

Das war vor seiner Zeit in Stuttgart anders. Peterhoff ist in einem 10 000-Einwohner-Ort zwischen Böblingen und Tübingen aufgewachsen, am Rand des Stuttgarter Verkehrsnetzes. „Da waren die Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln schlecht, und ich habe mir häufig das Auto meiner Eltern geliehen." Einige seiner Bekannten hatten schon zu Schulzeiten ein Auto. „Teilweise war das einfach nötig, um von A nach B zu kommen. Und dann hatte es auch einen gewissen Coolness-Faktor."

Von manchen Freunden weiß Peterhoff, dass sie das Auto verkauft haben, als sie nach dem Schulabschluss in eine größere Stadt gezogen sind – es war zu teuer und nicht notwendig. Peterhoff ist sogar überzeugt, dass er sich mit dem Auto Stress erspart. „In meinem Arbeitsumfeld bekomme ich immer wieder Diskussionen mit", sagt er. „Hier ist was kaputt, da muss was repariert werden, die Reifen, die Versicherung … über so was muss ich mir keine Gedanken machen."

Und was macht Björn Peterhoff, wenn er mal weiter weg reisen will? Während eines Fernstudiums musste er vor einiger Zeit noch regelmäßig nach Berlin. „Das wusste ich allerdings immer schon lange im Voraus. Ich konnte frühzeitig planen und günstige Bahntickets kaufen." Einige seiner Kommilitonen nahmen dagegen das Flugzeug, zum Beispiel von München nach Berlin. „Dafür ist mir persönlich der Umweltaspekt zu wichtig. So viel CO2 für so eine kurze Strecke muss nicht sein", meint Peterhoff. „Außerdem finde ich Bahnfahren um einiges entspannter. Die Zeit im Zug nutze ich zum Arbeiten oder auch mal, um einen Film anzuschauen."

Für eine längere Reise im letzten Sommer stieg er dann aber doch ins Flugzeug. „Ich war in Kasachstan und Russland. Wäre ich da nicht geflogen, hätte ich nochmal zwei Wochen extra für die Fahrt einplanen müssen", sagt Peterhoff und lacht. Er hat aber auch schon Urlaub mit der Bahn gemacht, per Interrail zum Beispiel, und auch eine längere Tour mit einem geliehenen Auto. „ Ich bin einfach gerne unterwegs, ganz egal womit."

Björn Peterhoff kommt also gut ohne eigenen Wagen aus. Kann er sich das auch vorstellen, wenn er mal Familie und Kinder hat? „ Soweit denke ich noch nicht. Aber ich glaube schon, dass es dann schwieriger wird." Für möglich hält er es immerhin – wenn man beim Wohnort darauf achtet, dass zum Beispiel ein Kindergarten in der Nähe ist. Doch vielleicht wird dann auch die Bequemlichkeit siegen. „Ich glaube, die Hürde ist relativ groß, sich zum ersten Mal ein eigenes Auto zu kaufen. Aber wenn man erst einmal eines hat, kann ich mir vorstellen, dass man sich schnell daran gewöhnt und es nicht mehr hergeben möchte." •

von Henrike Wiemker

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