"Wenn man gut erzählt, hören Leute hin"

Um neue Themen für seinen Blog zu finden, ist Freistetter viel unterwegs, besucht Labore und Wissenschaftler, um hautnah dabei zu sein. (Foto: Dietmar Gust)
Um neue Themen für seinen Blog zu finden, ist Freistetter viel unterwegs, besucht Labore und Wissenschaftler, um hautnah dabei zu sein. (Foto: Dietmar Gust)

Er hat einen Doktortitel in Astronomie doch seinen Lebensunterhalt verdient er mit einem Blog: Florian Freistetter erklärt auf "Astrodicticum Simplex" Fragen aus allen Bereichen der Naturwissenschaft. Nebenbei hält er Vorträge, schreibt Bücher und ist natürlich immer auf der Suche nach neuen Themen. Er denkt Wissenschaft in Geschichten - und ist damit außerordentlich erfolgreich. Im Interview spricht er über ein Wissenschaftsleben außerhalb des deutschen Hochschulsystems.

wissenschaft.de: Herr Freistetter, warum sind Sie nicht Hochschullehrer geworden?

Florian Freistetter: Nun, so einfach wird man das nicht. Nach dem Doktorat muss man sich über befristete Verträge durchschlagen. Dann ist man Mitte 40 und darf sich mit vielen anderen auf eine der wenigen Dauerstellen bewerben. Den Weg dorthin habe ich begonnen, dann aber die Lust verloren. Jedes Jahr ein neuer Job an einem neuen Ort, keine vernünftige Zukunftsplanung. Es hätte für mich weitergehen können, aber diese nicht üppig bezahlte Selbstaufopferung der Wissenschaftler erschien mir immer weniger attraktiv. Ich liebe die Wissenschaft, will aber auch ein Privatleben haben.

Beides zusammen ist nicht möglich?

In dieser prekären Situation sicherlich nicht. Mit einer 80-Stunden-Woche ist man noch am unteren Limit - und beurteilt wird man an der Zahl der Publikationen. Wer also durcharbeitet und auf Privates oder auf Wissensvermittlung verzichtet, hat in dem System die besseren Karten. Ich mache lieber mein eigenes Ding.

Ist unser Wissenschaftssystem denn effizient?

Die befristeten Stellen sind durchaus sinnvoll - wir jungen Wissenschaftler müssen ständig Neues lernen wie Handwerker, die auf der Walz sind. Nur ist das Ganze ausgeartet. Wer zum Beispiel einen Zwei-Jahres-Vertrag an einem neuen Institut erhält, braucht ein halbes Jahr, um sich einzuarbeiten. Dann beginnt die vernünftige wissenschaftliche Arbeit für ein Dreivierteljahr - anschließend muss man schon wieder Anträge für Drittmittel schreiben, um später nicht arbeitslos zu werden. Das geht zu Lasten der Forschung.

Was sollte verbessert werden?

Es müsste mehr auf fünf Jahre befristete Stellen geben. Dadurch könnten junge Wissenschaftler besser arbeiten. Und es sollten wie in den USA sogenannte Tenure-Track-Stellen geschaffen werden: Nach einiger Zeit erfolgt eine Bewertung nach klaren Kriterien, und man hat die Chance auf eine Dauerstelle. Die Strukturen für die Zeit zwischen Promotion und Professur fehlen in Deutschland schlicht.

In Deutschland sind rund 800 .000 Wissenschaftler in Lohn und Brot. Wie viele bloggen?

Keine Ahnung, aber es werden zu wenige sein.

Wird in anderen Ländern mehr gebloggt?

Die Bereitschaft, sich an die Öffentlichkeit zu wenden, ist woanders größer als bei uns. Ich habe einmal in Deutschland mit einem Professor für wissenschaftliche Öffentlichkeitsarbeit gesprochen - der wusste nicht einmal, was ein Podcast ist. Da fehlen noch viele Grundlagen. In den USA sind Online-Medien als Informationsquellen mehr akzeptiert als hier.

Woran liegt das?

Ich weiß es nicht. Vielleicht gibt es hierzulande eine stärkere Beharrungskultur. Blogger gelten oft als Leute, die einfach das schreiben, was ihnen gerade einfällt. Als wäre ein Blog ein Medium für trivialen Unsinn. Dabei hängt der Mehrwert nicht vom Medium ab, sondern vom Inhalt.

Wie unterscheidet sich Bloggen vom journalistischen Arbeiten?

Mein Blog zeigt meine persönliche Sicht auf die Dinge. Ich schreibe also durchaus subjektiv.

Ist es so, dass sich mehr Menschen für Astronomie interessieren als früher?

Es ist leichter geworden, sich zu informieren - daher gibt es heute mehr Menschen, die sich mit dem All und der Raumfahrt auseinandersetzen. Aber echtes Interesse an der astronomischen Wissenschaft ist gering. Generell ist Wissenschaft in Deutschland ein Nischenthema in den Medien. Schauen Sie sich die Fernsehsendung "Galileo" an: Dort versteht man unter "Wissenschaft" die Präsentation des größten Hotdogs der Welt ...

... weil sich die Menschen eben nicht für Wissenschaft interessieren?

Weil die Themen nicht vermittelt werden. Meine Erfahrung ist, dass Leute hinschauen und hinhören, wenn man gut und unterhaltend erzählt. Da kann ein Thema auf den ersten Blick noch so trocken anmuten.

Das Gespräch führte Jan Rübel.

Florian Freistetter

wurde 1977 in Krems an der Donau (Österreich) geboren. Er hat Astronomie an der Universität Wien studiert und dort auch promoviert. An der Universität Jena war er als Dozent tätig, seit 2011 lebt er als freier Wissenschaftsautor. Neben seinem Blog "Astrodicticum Simplex" schreibt er den Blog "So ein Schmarrn" bei der österreichischen Tageszeitung "Der Standard" und hat inzwischen sieben Bücher veröffentlicht.

(Foto: Dietmar Gust)

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