Arktische Möwen vom Quecksilber vergiftet?

Eine junge Effenbeinmöwe (Pagophila eburnea) (US Fish and Wildlife Service)

Vom Menschen freigesetztes Quecksilber kann über die Atmosphäre weit verteilt werden – und gelangt selbst in entlegene Gebiete der Arktis. Wie sehr dieses giftige Schwermetall inzwischen dort präsent ist und wie stark es sich in den Tieren der Arktis anreichert, belegt nun eine Studie kanadischer Forscher. Sie haben festgestellt, dass der Quecksilbergehalt in den Federn von Elfenbeinmöwen der kanadischen Arktis seit 1877 um das 45-Fache angestiegen ist. Das könnte erklären, warum die Population dieser Vögel in den letzten Jahrzehnten drastisch geschrumpft ist.

Das für Menschen und Tiere giftige Quecksilber wird vor allem bei der Verbrennung von Kohle, aber auch bei der Brandrodung, der Zementproduktion und bei der Goldgewinnung freigesetzt. Das bei Raumtemperatur gasförmige Schwermetall steigt bis in die obere Atmosphäre auf. Dort wird das Quecksilber in Methylquecksilber umgewandelt, eine biologisch aktive Form, die absinkt und sich in der Nahrungskette anreichern kann. Dass die Quecksilberbelastung der Umwelt durch unsere Emissionen steigt, haben in letzter Zeit bereits einige Studien belegt. So stellten Forscher steigende Quecksilberwerte bei Thunfischen und Haien fest, im Wasser der Ozeane hat sich die Konzentration an Quecksilber über die letzten 150 Jahre zudem verdreifacht. Auch aus der Arktis mehren sich Hinweise auf eine Anreicherung des giftigen Schwermetalls in der Nahrungskette.

Drastischer Rückgang der Elfenbeinmöwen

Ausgehend von diesen Daten haben Alexander Bond von der University of Saskatchewan und seine Kollegen untersucht, ob es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen der Quecksilberbelastung der Arktis und dem drastischen Rückgang der bedrohten Elfenbeinmöwen (Pagophila eburnea) gibt. In Kanada ist ihre Population seit 1980 um 80 bis 85 Prozent geschrumpft – heute sind nur noch 400 bis 500 Brutpaare übrig. Bisher ist nicht klar, worauf dieser Rückgang zurückzuführen ist. Schon länger ist jedoch bekannt, dass die Eier der Elfenbeinmöwen die höchsten Quecksilberwerte aller arktischen Vogelarten aufweisen. "Wenn die Möwen schon immer so hohen Werten ausgesetzt waren, dann ist es unwahrscheinlich, dass das Schwermetall an ihrem Rückgang schuld ist", so die Forscher. "Sollte die Belastung aber angestiegen sein, dann könnte dies auf einen Zusammenhang hindeuten."

Um diese Frage zu klären, analysierten Bond und seine Kollegen 80 Federn von Elfenbeinmöwen, die in nordamerikanischen Museen und Sammlungen aufbewahrt werden. Diese stammen aus einem Zeitraum von 1877 bis 2007 – und geben so einen Einblick darin wie sich die Quecksilberbelastung der Vögel in diesem Zeitraum verändert hat. Denn ähnlich wie menschliche Haare konservieren auch Federn bestimmte Giftstoffe über lange Zeit. Zusätzlich führten die Forscher Isotopenanalysen durch, um Rückschlüsse auf die Ernährung der Vögel zu gewinnen.

45-facher Anstieg in 130 Jahren

Und tatsächlich: In den 130 Jahren haben sich die Quecksilbergehalte in den Federn der Möwen um das 45-Fache erhöht. Sie stiegen von 00,9 auf 4,11 Mikrogramm an, wie Bond und seine Kollegen berichten. Gleichzeitig ergaben die Isotopenanalysen keinerlei Hinweise auf eine Nahrungsumstellung der Vögel, die diesen Anstieg erklären könnte. Sie ernähren sich heute wie früher vorwiegend von Fisch und dem Aas von Meeressäugern. Für die Forscher liegt damit der Schluss nahe, dass die steigende Quecksilber-Belastung der Elfenbeinmöwen zumindest Mitursache ihres Niedergangs sein könnte. "Zusammen mit den Funden hoher Quecksilberwerte in den Eiern der Möwen deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass der Populationsrückgang durch einen quecksilberbedingt sinkenden Fortpflanzungserfolg verursacht worden sein könnte", so Bond und seine Kollegen.

Nicht nur für die Elfenbeinmöwen, auch für andere Tiere der Arktis sind dies keine guten Nachrichten. Denn Prognosen gehen davon aus, dass die Quecksilberbelastung der Arktis in Zukunft weiter steigen wird. "Das weckt Besorgnis auch für andere bedrohte Tierarten der hohen Arktis", konstatieren die Forscher. Sie sind zwar von den Quellen der meisten Umweltschadstoffe weit entfernt, doch über die Atmosphäre gelangen die vom Menschen freigesetzten Gifte zunehmend auch zu ihnen.

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