"Die Deutschen wären bereit für eine CO2-Emissionssteuer"

CO<sub>2</sub>-Emmissionen sollten unwirtschaftlich werden, findet Eicke Weber. (Foto: Ulrich Willmünder/ Thinkstock)
CO2-Emmissionen sollten unwirtschaftlich werden, findet Eicke Weber. (Foto: Ulrich Willmünder/ Thinkstock)

Über 100 Umweltpreisträger haben Mitte März am jährlichen Umweltkonvent in Freiburg teilgenommen. Sie appellieren an die Regierenden mit einer CO2-Emissionssteuer fossile Brennstoffe zu verteuern und mehr gegen den Klimawandel unternehmen. wissenschaft.de sprach darüber mit Eicke R. Weber, Leiter des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme.

wissenschaft.de: Herr Professor Weber, die Teilnehmer haben soeben eine Erklärung verabschiedet, der zufolge sie die Regierenden in der Welt dazu auffordern, eine CO2-Emissionssteuer zu erheben. Was bringt das?

Eicke Weber: Bisher haben die COP-Klimakonferenzen sich darauf konzentriert, verbindliche Emissionsreduktionsziele für jedes Land der Welt zu vereinbaren. Das hat bisher keine durchschlagenden Ergebnisse gebracht, weil eine solche Vereinbarung in vielen Ländern nur sehr schwer durchsetzbar ist. Auf der anderen Seite besteht aber Einigkeit darin, dass es dringend notwendig ist, die Emission klimaschädlicher Gase drastisch und schnellstmöglich zu verringern. Daher fordern die hier in Freiburg versammelten mehr als 100 Umweltpreisträger aus aller Welt, durch eine Abgabe CO2-Emissionen auf Dauer zu verteuern. Eine derartige Abgabe oder Emissionssteuer könnte bei den heutigen niedrigen Energiepreisen praktisch unmerklich eingeführt werden, um aber durch eine vorher vereinbarte jährliche Steigerung auf ein höheres und dann wirklich wesentliches Niveau zu kommen.

Wir haben doch bereits einen Emissionshandel, der nicht funktioniert. Was lässt Sie und die Preisträger jetzt hoffen, dass eine solche Steuer die Probleme löst und die Nutzung fossiler Energien verteuert?

Ein gut funktionierender Emissionshandel mit einer gewissen Knappheit an Emissionszertifikaten könnte eine ähnliche Wirkung haben. Aber ohne Mindestpreise für Zertifikate hat sich dieser Mechanismus als unwirksam erwiesen. Deshalb würde uns eine derartige Emissionssteuer weiterbringen.

Nehmen Sie die deutsche Bundesregierung. Glauben Sie, dass die bereit sein wird, eine solche Steuer einzuführen? Die Regierenden fürchten heutzutage Steuern doch so, wie der Teufel das Weihwasser…

Die deutsche Bevölkerung wäre sicherlich für eine derart niedrige, aber langsam steigende Belastung bereit, weil sie die CO2-Emissionen als schädlich anerkannt hat. Daher ist es jetzt unsere Aufgabe, diese Bereitschaft der Bevölkerung auch in politisches Handeln umzusetzen.

Ist denn Atomenergie eine Lösung? In vielen Ländern werden derzeit Atomkraftwerke neu gebaut, um die CO2-Last zu verringern. Selbst Japan will seine abgeschalteten Atomkraftwerke wieder ans Netz bringen, weil Japan seit Fukushima seine Klimaziele nicht mehr einhalten kann. Im Vergleich zu 1990 sind die Emmissionen sogar gestiegen…

Atomenergie stellt Strom mit sehr geringen CO2-Emissionen her. Das ist zunächst einmal richtig. Aber Atomkraft ist keine nachhaltige Lösung des CO2-Problems, weil es bislang keine Lösung der Endlagerung des radioaktiven Mülls gibt und auf der anderen Seite die katastrophalen Gefahren dieser Technologie eines Reaktorunfalls drohen, wie wir in Tschernobyl oder Fukushima gesehen haben. Von den Gefahren, die bereits beim Uranabbau entstehen, ganz zu schweigen. Leider muss ich voraussagen, dass der nächste große Kernschmelzunfall sehr wahrscheinlich kommen wird, wenn wir nicht schleunigst aus dieser Technologie aussteigen. Ich bin sicher: Bei einem weiteren schweren Kernunfall ohne Erdbeben und ohne Tsunami wird die Akzeptanz dieser Technik weltweit verschwinden.

Wie bringen wir die Länder, die heute Atomkraft nutzen, dazu, die wahren Kosten der Atomkraft zu betrachten?

Sie müssen nur nach Japan schauen. Die Kosten des Atomunfalls in Fukushima belaufen sich heute bereits auf 300 Milliarden Dollar. Solche Kosten sollten realistisch in jedes AKW eingepreist werden. Dazu kommt, dass die Stromkosten eines nach heutigen Sicherheitsmaßstäben neu gebauten Kernkraftwerks bereits heute bei elf Cent pro Kilowattstunde liegen. Das zeigen die Pläne zum Bau der Meiler am britischen Standort Hinkley Point. Zum Vergleich: Solarstrom kostet selbst in England heute nur noch zehn Cent pro Kilowattstunde und in sonnenreichen Ländern sogar nur die Hälfte. Daher ist der Bau von neuen Kernkraftwerken bereits heute einfach unwirtschaftlich geworden. Auf der anderen Seite könnte man für die circa fünf bis sechs Milliarden Dollar, die ein neues Kernkraftwerk mit etwa einem Gigawatt Leistung kostet, eine Fabrik mit einer Produktionskapazität von circa neun Gigawatt PV-Modulen errichten. Damit könnte man dann Jahr für Jahr Solarmodule mit einer Leistung von neun Gigawatt produzieren. Dies muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen!

Der Aufruf der Umweltpreisträger richtet sich explizit auch an die Teilnehmer der Klimakonferenz COP 21 Ende des Jahres in Paris. Sehen Sie es denn als chancenreich an, dass dort ein tragfähiges Klimaabkommen verabschiedet wird?

Ich befürchte, dass es sehr schwierig sein wird, globale CO2-Emissionsverminderungsziele verbindlich festzuschreiben. Es wäre bereits viel gewonnen, wenn es eine tragfähige Einigung auf die Finanzierung eines des Green Climate Fonds gäbe, für den wir ab 2020 jährlich mindestens 100 Milliarden brauchen. Ein Teil dieser Mittel sollte dazu verwendet werden, weltweit den Aufbau von Wind- und Solaranlagen zu finanzieren. Eine derartige Finanzierung wird erneuerbare Energien weiter verbilligen und durch den Verkauf dieser Anlagen zu einem Lawineneffekt beitragen. Wenn es aber keine globale Vereinbarung zur CO2-Emissionsverminderung geben wird, sollte die von den Umweltpreisträgern geforderte Emissionsbesteuerung sicherstellen, dass in den nächsten 20 bis 30 Jahren CO2-Emissionen einfach unwirtschaftlich werden.

Als Leiter des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesystem in Freiburg sind sie ein Spezialist für die Entwicklung erneuerbarer Energien. Sind die Erneuerbaren denn bereits in der Lage, den weltweiten Energiebedarf zu decken?

Diese Frage möchte ich eindeutig mit "Ja" beantworten. Die uns heute zur Verfügung stehenden Technologien, die zum Teil auch in unserem Institut mitentwickelt worden sind, würden es erlauben, bis 2030 das globale Energiesystem weitgehend auf erneuerbare Energien umzustellen. Dazu sind zunächst große Investitionen erforderlich, die aber binnen weniger Jahre amortisiert würden. Dabei ist zu erwarten, dass durch weitere Forschung und Technologieentwicklung die Kosten der erneuerbaren Energien aber auch die der Speicherung und Übertragung von Energie weiter drastisch sinken werden. Bei den heute bereits erreichten Preisen z.B. für Photovoltaik und Windenergie wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, um damit zu starten.

Warum geschieht das nicht bereits in großem Stil?

Der Green Climate Fund wäre eine ideale Lösung, diesen Prozess auf globaler Basis zügig in Gang zu setzen. Dabei sollte sicher zuerst an die 1,2 Milliarden Menschen gedacht werden, die heute noch ohne Zugang zu Strom leben müssen. Angesichts der zunehmenden Erkenntnise über die Gefahren der globalen Klimaveränderung - wir sehen es gerade wieder an dem Tropensturm Bavi, der während wir dieses Interview führen mit Windgeschwindigkeiten von 300 Kilometern pro Stunde auf die Philippinen zurast - wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, diesen Prozess auf globaler Ebene anzustoßen.

Alle Welt schaut auf uns Deutsche, um zu sehen, ob uns die Energiewende gelingt oder nicht. Wenn es gelingt, die Energiewende umzusetzen, ohne unsere Volkswirtschaft zu belasten, werden wir viele Nachahmer finden. Wenn nicht, dann wird das Modell doch als gescheitert gelten. Welche Chancen geben Sie uns, die Energiewende tatsächlich erfolgreich zu Ende zu bringen?

Diese Frage verkennt, dass wir mit der Energiewende gar nicht alleine auf der Welt sind. Ein gutes Beispiel ist der Staat Kalifornien, der mit der halben Wirtschaftskraft der Bundesrepublik und mit halb so viel Stromverbrauch auf dem Weg der Energiewende deutlich weiter ist als die Bundesrepublik. So gibt es dort keine Kohlekraftwerke mehr und nur noch ein Kernkraftwerk; und die erneuerbaren Energien werden zügig ausgebaut. Wenn wir in Deutschland bei der Energiewende jetzt nachlassen, werden andere Länder die Früchte unseres nicht unerheblichen Engagements als Technologieentwickler ernten können und viele Arbeitsplätze schaffen.

Das Interview führte Horst Hamm.

 

Prof. Dr. Eicke R. Weber

ist Leiter des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg und Kuratoriumsvorsitzender der Europäischen Umweltstiftung.

Der Freiburger Umweltkonvent

Die Europäische Umweltstiftung wurde im Jahr 2011 gegründet und hat es sich zum Ziel gesetzt, neue Impulse für die Umwelt- und Klimapolitik zu geben. Bereits zum vierten Mal hat sie am vergangenen Wochenende den Internationalen Kovent der Umweltpreisträger in Freiburg veranstaltet. Dort sollen führende Akteure der weltweiten Umweltbewegung die Gelegenheit haben, sich zu vernetzen und Erfahrungen auszutauschen.

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