Rache ist bitter

Der Volksmund sagt: Rache ist süß. Doch jüngste Studien zeigen, dass oft das Gegenteil der Fall ist.

Eine Welt im Rausch der Rache? Schlagzeilen nach einer zweiminütigen Google-Suche: Mutter schlug aus Rache für ihren Sohn zu. Taliban drohen mit Rache für Amokläufer von Kandahar. Aus Rache: Autofahrer fährt Motorräder an roter Ampel um. Todesschüsse in Wedding: Droht dem Killer jetzt Blutrache? Bayern-Stürmer Arjen Robben will Rache an Real Madrid. Mörderische Rache für Trennung. Hugh Grant fürchtet Rache der Medien. Rache an Bin Laden: Er ist tot! Und „Bild" enthüllt „die fiesesten Rache-Akte Ex-Verliebter".

Rache ist allgegenwärtig, einerseits. Sie steckt beispielsweise hinter einem von fünf Mordfällen in entwickelten Ländern. Andererseits werden gerade die alltäglichen kleinen Racheakte – im Büro oder im Straßenverkehr – „häufig tabuisiert", wie der Psychologe Mario Gollwitzer von der Universität Marburg festgestellt hat.

Rache ist süß, sinniert dennoch der Volksmund. Vordergründig scheint das zu stimmen, wie die Aktivität des Gehirns im Moment der Vergeltung bei einem Laborexperiment bestätigt: Der Hirnscanner enthüllt starke neuronale Erregung in jenen Hirnarealen, die auch bei Drogengenuss ein bombiges Gefühl verschaffen – genau wie bei delikatem Essen oder heißem Sex. Doch jüngste Studien haben auch die Kehrseite des Phänomens ans Licht gebracht: Mittel- bis langfristig schmeckt Rache vielfach bitter. Es sei denn, ihr eigentliches Ziel wird erreicht: „Das Racheopfer soll einsehen, dass es etwas falsch gemacht hat", sagt Mario Gollwitzer, „und diese Botschaft soll den Rächenden auch erreichen."

Rachewünsche entstehen, wenn jemand das tiefe emotionale Bedürfnis missachtet, „einen respektvoll zu behandeln", wie es der Psychologe ausdrückt. Wenn man den Eindruck hat, dass andere einen ausnutzen oder die Ehre beschmutzen. Wenn die Kollegen oder Chefs die Arbeit nicht würdigen oder gar als ihre eigene Leistung verkaufen. Oder wenn der Partner das Vertrauen missbraucht und mit einem oder einer anderen ins Bett geht. Dann rattert das innere Alarmsystem, und es wächst die emotionale Grundlage für Rachegelüste: Empörung, Ärger, Enttäuschung, Wut, (moralischer) Ekel.

Längst hat die Psychologie den Gedanken verworfen, die Rache könnte allein dazu dienen, derlei miese Stimmung in gute Laune zu verwandeln – trotzdem hält sich diese Erklärung beharrlich. „ Dabei rächen sich laut Studien manche selbst dann, wenn ausgeschlossen ist, dass sie dadurch in positive Stimmung geraten" , betont Gollwitzer.

Dass die psychologische Forschung nach jahrzehntelangem Stillstand endlich mehr über das Phänomen herausgefunden hat, verdankt sie trickreichen Experimenten. Trickreich deshalb, weil es ausgesprochen heikel ist, Probanden so auf die Palme zu bringen, dass sie sich in der Versuchssituation wirklich rächen wollen.

Einfach unfair!

Gollwitzers Team hat beispielsweise folgenden Versuch gestartet: Die Probanden sollten gemeinsam mit je einem unbekannten Partner eine Aufgabe am Computer lösen. Dieser Partner, der in einem anderen Raum saß, gehörte in Wahrheit zum Forscherteam. Für jeden Erfolg erhielten echte wie vermeintliche Teilnehmer des Versuchs Geld-Gutscheine, die sie am Ende mit ihrem Partner teilen sollten. Die echten Probanden verhielten sich dabei mehrheitlich fair. Die Partner hingegen kassierten fast alles für sich ein.

Als die Probanden von diesem Unrecht erfuhren, durften sie ihren vermeintlichen Partnern ordentlich Kohle abziehen. Fast zwei Drittel der Probanden nutzten die Chance zur Rache. Danach sollten sie den Partnern ihren Racheakt per Mail begründen. Dabei verwiesen die Probanden fast immer auf das verletzte Fairness-Gebot. Im Gegenzug erhielten sie Botschaften der fingierten Partner. Einige gestanden ihre Schuld, andere blieben uneinsichtig oder empörten sich gar über die Rache. Am Ende ermittelten die Forscher, wie zufrieden die Rache die echten Probanden gemacht hatte. Ergebnis: Ein gutes Gefühl erzeugte die Vergeltung nur, wenn die Opfer ihre Reue äußerten und vorgaben, die Rachehandlung zu verstehen. Diese Rächenden fühlten sich besser als jene Teilnehmer, die auf Rache verzichtet hatten. Erfolgreiche Rache bedeutet also mehr, als es einem anderen heimzuzahlen. „Es geht um die Botschaft – und nur, wenn man weiß, dass sie angekommen ist und Gerechtigkeit hergestellt ist, schmeckt Rache süß", sagt Gollwitzer und unterstreicht: „Das kommt im Alltag allerdings selten vor."

Kein gutes Gefühl

Eine neue Feldstudie in Nordamerika bestätigt die Laborfunde der Marburger. Die Wissenschaftler befragten im Mai 2011 US-Amerikaner zu ihren Gefühlen nach der Rache an Osama Bin Laden. Ergebnis: Die Menschen waren umso erleichterter und mit Genugtuung erfüllt, je mehr sie glaubten, dass mit dem Vergeltungsakt ein Signal an die muslimischen Terroristen gesendet worden war. Nach dem Motto: „Schaut her, so was könnt ihr mit uns nicht machen! Das habt ihr jetzt begriffen!" Wer aber den Eindruck hatte, die Botschaft habe ihr Ziel verfehlt, hielt den Racheakt zwar für gerechtfertigt, hatte aber kein gutes Gefühl dabei.

Hinzu kommt: Viele Menschen überschätzen den emotionalen Nutzen von Rachehandlungen. Der 2011 verstorbene Psychologe Kevin Carlsmith und seine Kollegen hatten Probanden ein Spiel spielen lassen, bei dem nur durch Kooperation Geld zu gewinnen war. Einige Teilnehmer missbrauchten das Vertrauen ihrer Mitspieler, indem sie lieber in die eigene Tasche wirtschafteten. Von den Gefoppten bekamen manche Gelegenheit zur Rache, andere nicht.

Obwohl die rachsüchtigen Gesellen zuvor versichert hatten, sie würden sich nach der Vergeltung besser fühlen, stellten die Wissenschaftler schon zehn Minuten später das Gegenteil fest. Der Grund: Die Rache verlängerte genau jene unschönen Gefühle, die die Vergeltungsgelüste ausgelöst hatten. Die Rächer fühlten sich mies und grübelten weiter über die Angelegenheit. Ihre seelischen Wunden blieben offen. Womöglich widersprach die Rache ihrem Selbstbild als „guter Mensch", spekulieren die Wissenschaftler.

Rache hilft beim Überleben

Der Psychologe Michael McCullough von der University of Miami vermutet allen Nachteilen zum Trotz, dass Rache im Sinne der Darwin'schen Evolutionstheorie einen Überlebensvorteil bringt. Ein Racheakt dient demnach vor allem dazu, weitere Angriffe zu verhindern, was langfristig zu einer kooperativeren und produktiveren Gesellschaft führen soll. Rache hätte also einen kulturellen Nutzen, ungeachtet der oft hohen individuellen Kosten.

Gegen diese Theorie sprechen allerdings die vielfach ritualisierten Formen von Blutrache – etwa im nördlichen Albanien. Nach festgelegten Regeln reagieren dort Familien mit Morden, wenn sie Handlungen anderer Familien als kränkend, respektlos und entehrend empfinden. „Es ist klar, dass so etwas nicht zu einer Befriedung der verfeindeten Parteien beiträgt", sagt Gollwitzer, dessen Team das Phänomen untersucht hat. Zwar sprechen sich viele Beteiligte gegen die gewaltsame Rache aus, weil sie erkennen, dass sie Leid für alle bringt. Trotzdem sind sie gefangen in ihren traditionellen sozialen Normen und lehnen neue Gesetze oder das Eingreifen der Polizei ab.

Der Marburger ist froh, „dass unser Regelwerk der Rache sich von diesen Gewohnheiten deutlich unterscheidet". Doch auch bei uns sind viele geplagt von alltäglichen Rachegelüsten. Der Rat der Psychologen Jens Hellmann von der Universität Münster und Deborah Thoben von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg lautet: „Wenn man sich geschädigt fühlt, sollte man die durch die Kränkung ausgelösten Emotionen zunächst zulassen." Entweder gegenüber dem Menschen, der die negativen Emotionen ausgelöst hat – oder gegenüber einem Freund, der einem klar machen kann, dass man womöglich überreagiert hat und die Rache letztlich nichts bringt.

Sich sinnvoll zu wehren, sehen die Psychologen als weiteres Mittel, um der Gewalt zu entkommen. Man sollte dem anderen die Meinung sagen und notfalls damit drohen, eine übergeordnete Instanz einzuschalten. Ob ein Racheakt aber wirklich sinnvoll ist, „muss in jedem Fall genau abgewogen werden". ■

Auch bdw-Autor KLAUS WILHELM kennt sie nur zu gut, die Rachegelüste. Und rät anderen – natürlich – stets zu Besonnenheit.

von Klaus Wilhelm

Ein Auto in Zellophan

Herr Riesen, warum haben Sie ein Buch mit Rachegeschichten veröffentlicht?

Das Genre hat mich interessiert. Die meisten Bücher bieten nur Anleitungen, wie man Rache übt, aber ich wollte Geschichten erzählen. Nach der Recherche habe ich dann solche herausgesucht, die lustig sind und über zerkratzte Autos hinausgehen.

Wie wurde das Buch aufgenommen?

Das beste Feedback kam von einem Leser, der schrieb: „Das Buch hat mir Magengeschwüre erspart." Beim Lesen kann man sich den Feind im Geiste vorstellen und die Rache genießen, ohne selbst zur Tat schreiten zu müssen.

Würden Sie sich selbst als rachsüchtig beschreiben?

Eigentlich nicht – aber manchmal eben doch: Als ich einmal bei strömendem Regen Rad fuhr, wichen alle Autofahrer der riesigen Pfütze neben mir aus, nur einer fuhr mitten hindurch und ich wurde pitschnass. Als der dann später im Stau stand, habe ich ihn eingeholt, die Beifahrertür geöffnet und ihm die Meinung gesagt. Wie er die Tür wieder zubekam, war dann sein Problem.

An welchen Personen wird besonders gerne Rache geübt?

Am aktuellen oder ehemaligen Beziehungspartner und am Arbeitgeber.

Erzählen Sie uns Ihre liebste Rachegeschichte?

Eine Frau fühlte sich von ihrem Freund vernachlässigt, der sich lieber um sein Auto kümmerte. Da packte sie das Gefährt nach der samstäglichen Wäsche kurzerhand komplett in Zellophan-Folie ein, damit es auch wirklich frisch bliebe. Die Botschaft kam an.

Kompakt

· Rache bringt Überlebensvorteile, weil sie dem Angreifer Schranken setzt.

· Das gilt aber nur, wenn der Rächende nicht gewalttätig wird.

· Gute Gefühle löst Rache bloß aus, wenn der andere den Fehler bereut, der zu dem Racheakt geführt hat.

Mehr zum Thema

LESEN

Mario Gollwitzer What gives victims satisfaction when they seek revenge? In: European Journal of Social Psychology, 2011, Vol. 41, 364–374

Kevin M. Carlsmith The paradoxical consequences of revenge In: Journal of Personality and Social Psychology, 2008, Vol. 95, 1316– 1324

John Punisher (alias Christian Riesen) Das Schwarzbuch der Rache Meetpoint Medien 2012, € 26,90

INTERNET

Seite von Mario Gollwitzer an der Universität Marburg: www.uni-marburg.de/fb04/ag-meth/team/gollwitzer

Das „Evolution and Human Behavior Laboratory" an der University of Miami: www.psy.miami.edu/ehblab/index.html

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