Big Five unter Beschuss

Seit Jahrzehnten sind Psychologen davon überzeugt, dass alle Menschen auf der ganzen Welt sich durch fünf Persönlichkeitsmerkmale charakterisieren lassen. Neue Studien stellen das in Zweifel.

Von Tokio bis Timbuktu, von Frankfurt bis zu den Fidschi-Inseln – überall auf der Welt bestimmen Psychologen die Persönlichkeit eines Menschen anhand von fünf Merkmalen. Diese sogenannten Big Five gelten als universell für Frau und Mann, für Jung und Alt, für Stadt- und Landbewohner. Demnach zeigt sich die Persönlichkeit darin, wie verträglich, gewissenhaft, extravertiert, emotional stabil und offen für Neues jemand ist. Erst 2005 hat eine große Studie in 50 Ländern auf allen Kontinenten mit rund 12 000 Befragten die kulturübergreifende Gültigkeit des Modells belegt.

Doch trifft es wirklich für alle Menschen auf der ganzen Welt zu? Nein, sind amerikanische Forscher inzwischen überzeugt. Als Gegenbeispiel nennen sie die Bewohner abgelegener Dörfer in Bolivien. Ihre Persönlichkeit muss anders charakterisiert werden, wie kürzlich das Forscherteam um den Anthropologen Michael Gurven von der University of California in Santa Barbara herausfand.

Die Forscher beobachten das Volk der Tsimane im Rahmen ihrer Studie Tsimane Health and Life Project seit 2001. Die traditionellen Jäger, Sammler und Ackerbauern leben abgeschottet von der modernen Zivilisation. Als Selbstversorger beschränkt sich der Kontakt zu Fremden auf ein Minimum. 60 Prozent der Tsimane sind Analphabeten und sprechen kein Spanisch. Die Forscher sahen bei dieser Volksgruppe die ideale Gelegenheit herauszufinden, wie aussagekräftig die Big Five für eine von modernen Einflüssen weitgehend unbeeinflusste Bevölkerung sind. Sie ließen den Big-Five-Fragebogen in die Sprache der Tsimane übersetzen und baten über 600 Erwachsene zwischen 20 und 88 Jahren aus 28 Dörfern, ihn zu beantworten. Zudem beschrieben rund 400 Bewohner die Persönlichkeit ihres Partners. Ende 2012 waren die Angaben ausgewertet.

Offenheit ist unwichtig

Sie offenbarten eine kleine Sensation: Bei den Tsimane spielen demnach nicht nur weniger Kategorien eine Rolle als bei uns, es sind zudem ganz andere als im Big-Five-Modell – nämlich Fleiß („ industriousness") und soziale Nützlichkeit („prosociality"). Menschen mit diesen Eigenschaften sind gründlich, ausdauernd, energisch und hilfsbereit – was wichtig ist in einer Gesellschaft, deren Überleben von der Mitarbeit jedes Einzelnen abhängt und von der gegenseitigen Unterstützung. Aspekte, die in industrialisierten Ländern wesentlich sind, wie die Offenheit für Neues, spielen bei den Tsimane dagegen keine Rolle. Fremdes empfinden sie eher als bedrohlich.

Damit hat Gurvens Team den Nachweis erbracht, dass die Wahrnehmung der Persönlichkeit in isoliert lebenden indigenen Kulturen von der in modernen Gesellschaften abweichen kann. Mehr noch: Die Big Five gelten demnach nicht universell. Die Gründe für die Unterschiede sieht der Forscher in der traditionellen Lebensweise. Der Alltag in einer „Subsistenzwirtschaft" – einer Gemeinschaft, die sich selbst versorgt – erfordere Fähigkeiten, die eine andere Persönlichkeitsstruktur prägen als in der westlichen Kultur. „Die Auswahl an Sozial- und Sexualpartnern ist hier ebenso beschränkt, wie es die Möglichkeiten für kulturelle Erfolge und Leistungen sind", gibt Gurven zu bedenken. Gilt das Konzept der Big Five also nur für Menschen mit einem westlichen Lebensstil? Und wurde bislang zu sehr durch die westliche Brille auf den Rest der Welt geschaut? Tatsächlich rüttelt nicht nur die Amazonas-Studie am Big-Five-Modell.

Gelebte ElTernliebe

Auch aus China kommen eindrucksvolle Erkenntnisse: Viele psychologische Begriffe haben in Asien eine andere Bedeutung als bei uns. „Elternliebe" etwa meint im Westen rein Emotionales, nämlich Liebe und Respekt für die eigenen Eltern. In Asien dagegen schließt der Begriff die aktive Fürsorge für die alten Eltern ganz selbstverständlich ein. Zudem gibt es dort Phänomene, für die die westliche Sozialpsychologie keine oder nur ungenaue Entsprechungen kennt. Das „Gesicht zu wahren" etwa ist viel wichtiger und facettenreicher als im Westen. Dagegen spielt das Big-Five-Merkmal Offenheit für Neues in China nur eine untergeordnete Rolle.

Fanny Cheung, Psychologieprofessorin an der University of Hong Kong, plädiert deshalb dafür, das Big-Five-Konzept weltweit auf den Prüfstand zu stellen. „Die Persönlichkeitsforschung wird dominiert durch die westliche Wissenschaft. Doch erst die Forschung in nichtwestlichen Ländern lässt erkennen, was universell ist." Dazu müsse man die Perspektive der Menschen berücksichtigen. Anstatt die Big Five ins Chinesische zu übertragen, erstellte Cheung ein speziell chinesisches Persönlichkeitsinventar. Die Begriffe dafür schöpfte sie aus Sprichwörtern, Medien, zeitgenössischen Erzählungen, Straßenumfragen und psychologischer Forschungsliteratur. Die Daten wurden in mehreren Regionen des Landes erhoben, um geografisch ein möglichst vollständiges Bild zu bekommen. Das Ergebnis heißt CPAI (Chinese Personality Assessment Inventory). Die aktuelle Version CPAI-2 gibt vier Persönlichkeitsmerkmale an: soziale Wirksamkeit („social potency"), Zuverlässigkeit (dependability"), Anpassungsfähigkeit („accomodation") und interpersonelle – also zwischenmenschliche – Verbundenheit („ interpersonal relatedness").

asiatische Amerikaner

Mehrere Studien in Asien haben die Bedeutung dieser Merkmale bestätigt – übrigens auch Befragungen asiatischer US-Amerikaner, die oft eine Nähe zu ihrer Herkunftskultur behalten. Das Merkmal der interpersonellen Verbundenheit ist bei chinesischen Amerikanern umso stärker ausgeprägt, je weniger sie sich bereits an die US-Kultur angepasst haben.

Ortswechsel: Südafrika. Hier setzten Forscher bei ihren Untersuchungen auf die Kombination universeller und kulturspezifischer Merkmale. Mit dem Ende des Apartheid-Regimes hatte sich Unbehagen mit den Konzepten der westlichen Psychologie breitgemacht. 1998 wurde ein Gesetz erlassen, wonach Persönlichkeitstests keine der vielen Bevölkerungsgruppen diskriminieren dürfen. In der Folge riefen Psychologen das SAPI-Projekt (South African Personality Inventory) ins Leben – eine Kooperation mehrerer südafrikanischer und europäischer Forschungszentren. Die Wissenschaftler führten Interviews mit mehr als 1200 Einheimischen, vor allem mit Schwarzen, aber auch mit Weißen und Indischstämmigen. Sie sollten die eigene Persönlichkeit sowie die nahestehender Menschen beschreiben. Die Interviews wurden in jeder der elf Landessprachen geführt. So kamen die Forscher zu über 50 000 Persönlichkeitsbeschreibungen. Diese fassten sie in mehreren Schritten zusammen, bis erst 37 und schließlich 9 Cluster übrig blieben.

Mitgefühl zählt

Das Ergebnis: Zu den Big Five, die auch in Südafrika relevant sind, kommen die vier landestypischen Merkmale Mitgefühl („ soft-heartedness"), Vertrauenswürdigkeit („integrity"), Harmoniebedürfnis („relationship harmony") und Hilfsbereitschaft („facilitating"). „Die Antworten zeigen, dass das Individuum stark als Teil der Gemeinschaft begriffen wird, also im Kontext seiner sozialen Beziehungen und Situationen", erklärt Fons van de Vijver von der niederländischen Universität Tilburg. Seine Abteilung für kulturvergleichende Psychologie ist maßgeblich an der Studie beteiligt. Die bisherigen Ergebnisse des Mammut-Projekts deuten darauf hin, dass man in Südafrika künftig wohl Big Nine erheben wird. „Es ist also nicht so, dass die Big Five falsch oder unangemessen wären, sie sind aber für Südafrika unvollständig – und zwar vor allem im Hinblick auf die sozialen Beziehungen der Menschen", erklärt van de Vijver.

Kritik an STudien

Wie aber kommt es, dass so viele frühere Studien die Gültigkeit der Big Five quer durch alle Kulturen nachgewiesen haben? Einen Grund dafür sehen manche Experten darin, dass für die Studien oft Studenten mit westlichem Hintergrund befragt wurden. Doch Fritz Ostendorf, Persönlichkeitspsychologe an der Universität Bielefeld, widerspricht: „Es stimmt, dass die meisten großen Studien in industriell entwickelten Kulturen mit sprachlich gebildeten Personen durchgeführt wurden. Aber es waren keinesfalls immer nur Studenten."

Ostendorf, der den Big-Five-Fragebogen ins Deutsche übertragen hat, fügt hinzu: „Die Ergebnisse hängen einerseits von der sprachlichen Kompetenz der Befragten ab und andererseits vom Umfang des untersuchten Vokabulars." Für aussagekräftige Antworten müssen die Probanden das persönlichkeitsbeschreibende Vokabular ihrer Sprache gut kennen. Ideal seien große heterogene Stichproben, die die gesamte inhaltliche Bedeutung einer Sprache erfassen.

Ostendorf meint: „Es spricht nichts dagegen, in jeder Kultur zusätzliche Merkmale zu berücksichtigen, die besonders häufig in der jeweiligen Sprache auftauchen. Die Big Five sind kein unumstößliches Gesetz, sondern das bisher weltweit am meisten akzeptierte Paradigma. Insofern sind sie der derzeit beste Kompromiss. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass sich in naher Zukunft ein anderes Modell durchsetzen wird."

Verzerrte Einstellungstests

Auch Fanny Cheung und ihre Kollegen wollen das etablierte Konzept nicht vom Sockel stoßen. Stattdessen fordern sie, dass die Forscher es sinnvoll mit den Persönlichkeitsvorstellungen anderer Kulturen kombinieren, um zu einem wirklich universellen Modell zu kommen.

Ob ein Psychologe zwei, vier, fünf oder neun Kategorien benutzt, um sein Gegenüber einzuordnen, mag dem Laien unwesentlich erscheinen. Tatsächlich spielen Persönlichkeitstests aber nicht nur in der klinischen Diagnostik eine Rolle, auch viele Einstellungstests in Unternehmen basieren auf dem Big-Five-Modell. Und da immer mehr Konzerne international tätig sind, rekrutieren sie ihr Personal auf allen Kontinenten, also auch in Gegenden, wo die Passgenauigkeit des Konzepts inzwischen angezweifelt wird. In kulturübergreifenden psychologischen Forschungsprojekten kann ein unvollständiges Persönlichkeitsmodell zudem zu Fehleinschätzungen führen. Offensichtlich muss im Zuge der Globalisierung auch die Wissenschaft von der Persönlichkeit globalisiert werden. ■

EVA TENZER, Wissenschaftsjournalistin in Oldenburg, gefällt es, dass in Südafrika der Persönlichkeitszug „Mitgefühl" so wichtig ist.

von Eva Tenzer

Gut zu wissen: Die Big Five der Persönlichkeit

Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, emotionale Stabilität und Offenheit für Neues – jede dieser Eigenschaften wird bei einem Persönlichkeitstest auf einer fünfstufigen Skala erfasst. Bei der emotionalen Stabilität bedeutet ein niedriger Wert, dass die Person ruhig, entspannt und sicher ist. Ein hoher Wert dagegen verrät Ängste, Nervosität und Unsicherheit. Diese individuellen Unterschiede spiegeln sich in Aktivierungsmustern des Gehirns wieder und werden durch das soziale Umfeld geprägt. Zum Teil wird die Persönlichkeit von Genen, zum Teil von Umweltfaktoren bestimmt.

Der Ursprung des Konzepts der Big Five liegt in den 1930er-Jahren, als amerikanische Psychologen aus rund 18 000 in Lexika aufgestöberten Adjektiven fünf übergeordnete herausfilterten. Benutzt wird das Modell in der klinischen Diagnostik, für Einstellungstests, bei der Karriereberatung und für die Partnervermittlung.

Big Four im Gorillagehege

Wer eine Gruppe Gorillas beobachtet, erkennt auch bei ihnen individuelle Eigenheiten – streitlustige und friedliche Exemplare, neugierige Draufgänger und stille Ängstliche. Tierverhaltensforscher bestimmen die Gorilla-Persönlichkeit anhand von vier Haupteigenschaften: emotionaler Stabilität, Verträglichkeit, Extraversion und Dominanz. Anders als beim Menschen spielen Gewissenhaftigkeit und Offenheit keine Rolle.

Die Extraversion scheint sogar die Lebenserwartung der Affen zu beeinflussen. Ein Forscherteam der University of Edinburgh und des Dian Fossey Gorilla Fund um Alexander Weiss und Tara Stoinski beobachtete 18 Jahre lang rund 300 Gorillas in Gefangenschaft und kam zu dem Schluss, dass gesellige, freundliche, spontane und damit extravertierte Gorillas länger leben. Extraversion vergrößert, ähnlich wie bei Menschen, die Chance auf soziale Bindungen – was zusätzliche Lebenszeit beschert. Wobei noch zu klären wäre, ob Gorillas in chinesischen Tierparks möglicherweise andere Persönlichkeitsmerkmale zeigen als in amerikanischen – und ob generell Tiere in freier Wildbahn andere Eigenschaften haben als Artgenossen in Käfigen.

Kompakt

· Indianer im Amazonasgebiet haben nur zwei Persönlichkeitsmerkmale – und nicht die klassischen fünf.

· Auch Menschen in China und Südafrika passen nicht in das „ westliche" Raster.

· Die Persönlichkeitskategorien spielen nicht nur in der Forschung, sondern auch bei Einstellungstests eine Rolle.

Mehr zum Thema

Lesen

Thomas Saum-Aldehoff Big Five Sich selbst und andere erkennen Patmos, Ostfildern 2012, € 19,90

Michael Gurven et al. How universal is the big five? Testing the five-factor model of personality variation among forager-farmers in the bolivian amazon Journal of Personality and Social Psychology 104(2), 2013, S. 354–370

Fanny M. Cheung et al. Toward a new approach to the study of personality in culture American Psychologist 66(7), 2011 S. 593–6 03

Internet

Kostenloser Big-Five-Test der Universität Münster: www.uni-muenster.de/PsyWeb

Kostenloser Test der Humboldt-Universität in Berlin. Die Ergebnisse werden auch für wissenschaftliche Zwecke genutzt: www2.hu-berlin.de/psychologie/psytests/ studies/studien.php?link=ffm

Das Tsimane Health and Life History Project an der University of New Mexico: www.unm.edu/~tsimane/tsimaneinfo.html

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