Eine Extradosis Testosteron

Forscher sind den Wirkmechanismen des männlichen Geschlechtshormons durch eine Studie an Männern eines Naturvolkes im Urwald Boliviens auf die Spur gekommen. Das Besondere: Die Männer der Tsimane besitzen natürlicherweise ein Drittel weniger Testosteron als Männer aus Industrieländern. Den Wissenschaftlern um Ben Trumble von der University of Washington zufolge schützt der niedrige Testosteronspiegel die Männer vor Infektionskrankheiten. Wenn die Wirkung des Hormons allerdings gefragt ist, schießen auch bei ihnen die Werte nach oben.
Die Tsimane führen ein hartes Leben: Das indigene Volk ernährt sich von der Jagd und rodet von Hand kleine Stücke des Urwaldes, um Ackerbau zu betreiben. Man könnte meinen, die Männer der Tsimane müssten einen besonders hohen Testosteronspiegel besitzen, um diesem robusten Lebensstil zu trotzen ? doch das Gegenteil ist der Fall: Tests der Forscher zeigten, dass sie um ein Drittel weniger Testosteron im Blut haben als der durchschnittliche Mann in den USA, wo das Leben weit weniger körperliche Anstrengungen erfordert und auch weniger gefährlich ist.

Niedrige Testosteronwerte gegen Infektionen

Den Wissenschaftlern zufolge ist diese Besonderheit vermutlich eine Anpassung an das hohe Infektionsrisiko durch Parasiten und andere Krankheitserreger im Urwald. Diese Erklärung fügt sich in frühere Studienergebnisse, die nahelegten, dass hohe Testosteronwerte das Immunsystem schwächen. Die positiven Wirkungen des Hormons, wie die Förderung des Muskelwachstums oder der Leistungsbereitschaft, haben also offenbar ihren Preis, der im Urwald zu hoch sein könnte. Die Männer der westlichen Welt müssen sich dagegen weniger Infektionsquellen stellen und können sich deshalb einen höheren Testosteronspiegel leisten, vermuten die Forscher.

Doch wenn es drauf ankommt, ?riskieren? auch die Tsimane-Männer eine Extradosis Testosteron, entdeckten die Forscher. Sie organisierten dazu ein Fußballturnier, an dem acht Tsimane-Teams teilnahmen, und untersuchten die Hormonwerte der Spieler im Rahmen des Wettkampfes. Ergebnis: Die Tsimane-Männer zeigten einen im Schnitt 30-prozentigen Anstieg des Testosteronspiegels unmittelbar nach einem Fußballspiel. Eine Stunde nach dem Spiel waren die Testosteronwerte immer noch um 15 Prozent höher als unter normalen Bedingungen. Bei Befragungen berichteten die Männer mit dem höchsten Anstieg der Hormonwerte auch von der intensivsten selbstempfundenen Leistungskraft. Ähnliche Ergebnisse sind bereits von Männern aus Industrieländern im Rahmen von Wettkämpfen bekannt.

Das Ergebnis zeigt den Forschern zufolge, dass ein Anstieg der Testosteronwerte in Konkurrenzsituationen ein wesentlicher Aspekt der männlichen Biologie ist. Die Wirkung des Hormons ist bei diesen Herausforderungen offenbar ein Wettbewerbsvorteil, der die steigenden Krankheitsrisiken mehr als aufwiegt, resümiert Co -Autor Michael Gurven von der University of California in Santa Barbara.
Ben Trumble (University of Washington) et al.: Proc. R. Soc. B,
doi:10.1098/rspb.2012.0455


© wissenschaft.de ? Martin Vieweg


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