bdw an Bord: Kein Visum - keine Forschungsreise

 Die Maria S. Merian. Foto: Thomas Willke
Die Maria S. Merian. Foto: Thomas Willke
Donnerstag 15.3.2012 Position 14°17,67?N 063°20,99?W, 12.00 Uhr Bordzeit = MEZ -5 Stunden Kurs: 288° Etmal: 228 Seemeilen (die in 24 Stunden zurückgelegte Strecke) Wetterbericht, 12.00 Uhr Luftdruck: 1016,8 hPa Wind: Ost 5 Beaufort Lufttemperatur: 25,9°C Wassertemperatur: 26,5°C Höhe der Dünung: 3 Meter Endlich auf See und nun auch unterwegs: Die ?Maria S. Merian? hat Barbados verlassen und fährt auf einem Kurs etwas nördlicher als West durch das karibische Meer in Richtung Straße von Yucatan (zwischen Mexiko und Kuba). Bis gestern war völlig unklar, ob die Merian ihr Forschungsprogramm wie geplant durchführen kann. Mexiko verlangt seit kurzem Arbeitsvisa für Forscher, die Arbeiten in mexikanischen Gewässern durchführen wollen ? auch wenn sie das Land nicht betreten. (Das klingt seltsam, wird aber von einigen Ländern so gehandhabt. Auch der Oman und Brasilien verlangen solche Visa.) Und dieses Verfahren zog sich in die Länge. Fahrtleiter Dierk Hebbeln schickte darum den Meeresvermesser Paul Wintersteller zur nächstgelegenen mexikanischen Botschaft nach Trinidad, um zu retten, was zu retten war. Hier ist seine Geschichte: Um vier morgens ging es hinaus zum Flughafen, wo Wintersteller erst einmal auf geballtes Misstrauen stieß, als sein Gepäck kontrolliert wurde. Was macht ein Mann mit 20 verschiedenen Pässen? Schwarzhandel? Menschenschmuggel? Mit seiner diplomatischen Art (darum hat ihn das Schiff ja als Sonderbeauftragten geschickt) konnte er die Situation klären. ?Das war ein kleines Problem verglichen mit der sonstigen Unsicherheit. Es war völlig unklar, ob es ausreicht, wenn ich alleine in Trinidad erscheine, oder ob jeder Mitarbeiter persönlich erscheinen muss. Das hätten wir zeitlich und finanziell nicht geschafft. Die Untersuchungen in mexikanischen Gewässern hätten ausfallen müssen?, meint Wintersteller. Das wollte auch der deutsche Botschaftsrat Ullrich Kinne in Trinidad verhindern. Er schickte dem Emissär der Merian einen Wagen mit Chauffeur in Livree. ?Ich nehme an, da ich kein Staatsgast war, montierte der Fahrer vor der Fahrt die deutsche Flagge ab, berichtet Wintersteller. Kinne empfing Wintersteller in der deutschen Botschaft und besprach mit ihm die Situation. Zusammen ging es dann zur mexikanischen Botschaft. Hier wurden sie mit offenen Armen empfangen. Counsellor José Rangel war es offensichtlich sehr wichtig, dass die deutsch-mexikanische Forschungskooperation weiterhin reibungslos funktioniert. Sein Problem: Er musste für jeden Visumsantrag in Mexiko-Stadt gegenchecken lassen, ob gegen einen der Antragsteller etwas vorlag. Dazu mussten alle Pässe, Anträge und die bereits an Bord abgenommenen Fingerabdrücke aller Antragsteller eingescannt und über eine interne Datenverbindung nach Mexiko geschickt werden. Aber bis 15.30 Uhr sollte es geschafft sein. Als Kinne und Wintersteller um 15.30 Uhr wieder zurückkamen, waren gerade vier Anträge in Mexiko gelandet und ein Visum bewilligt. Die Datenleitung, die durch das Meer nach Venezuela und von da weiter nach Mexiko führt, schien völlig überlastet. Rangel war das sehr unangenehm. Er wollte das Projekt nicht an einer Datenleitung scheitern lassen und versprach, notfalls mit seinen Mitarbeitern eine Nachtschicht einzulegen. Den Rückflug nach Barbados an diesem Abend konnte Wintersteller nun vergessen. Er musste den Flug verfallen lassen und rief den Agenten der Merian in Barbados an, um für morgen eine Rückkehr zu organisieren. Schiffsagenten erledigen für Schiffe solche Dinge in fremden Häfen. Sie sitzen vor Ort, kennen die Gepflogenheiten, Gesetze und Verfahren des Landes ? und wissen vor allem, mit wem man reden muss. Sie organisieren zum Beispiel auch den Transport der Container mit Forschungsmaterial, die die Merian mit jedem Teamwechsel aufnehmen und auch wieder zurückschicken muss. ?So ein Flug zwischen den karibischen Inseln ist gar nicht so einfach. Es gibt nicht viele Flüge, und diverse fallen aus ? so auch an dem Tag als ich von Barbados nach Trinidad geflogen bin?, berichtet Wintersteller. Er besorgte sich eine Zahnbürste und eine Unterkunft und wartete. Um 20.00 Uhr kam die erlösende Nachricht von Kinne: Alle Visa wurden erteilt. Er könne sie am nächsten Morgen abholen. Alles klar. Mittlerweile konnte der Agent einen Flug buchen, allerdings erst für 19:35, mit Carribean Airlines. Das wäre allerdings auch die letzte Möglichkeit gewesen, nach Barbados zu gelangen. Glücklicherweise hatte Frau Cox von der Deutschen Botschaft noch einen weiteren Flug mit LIAT um 14:30 aufgetan, der allerdings noch zwei Zwischenlandungen auf anderen karibischen Inseln beinhaltete. Was tun? Kurze Besprechung mit dem Fahrtleiter, und es wurde beschlossen, diesen Flug zu buchen. Er bot auch die Möglichkeit, Wintersteller noch vor Einbruch der Dunkelheit per Lotsenboot zur Merian zu bringen, die nun bereits außerhalb des Hafens auf Reede lag. Nach Sonnenuntergang nehmen Wind und Wellen zu. Selbst in der geschützten Bucht vor Bridgetown können dann Wellen von einem Meter Höhe auftreten. Vom Lotsenboot aufs große Schiff über eine Strickleiter zu klettern, ist bei Dunkelheit schwieriger und gefährlicher. Das kleine Schiff geht mit jeder Welle rauf und runter, das große nicht. Man läuft Gefahr, sich Füße oder Beine abzuklemmen, wenn der Schritt vom Lotsenboot zum Schiff nicht erfolgt, wenn beide Schiffe auf gleicher Höhe sind. Wintersteller bekam den frühen Flug. Mit einem kleinen Island-Hopper, der über Grenada und St. Vincent nach Barbados flog. So weit, so gut ? nur in Barbados durfte Wintersteller nicht einreisen, da er kein Rückflugticket hatte. Die Einreisebehörde verdächtigte ihn, illegal im Land bleiben zu wollen. Also musste wieder der Agent ran (ein guter Agent ist Gold wert, ist die Erfahrung aller Fahrtleiter von wissenschaftlichen Expeditionen), der die notwendigen Unterlagen besorgte. Um 18.00 Uhr war Paul Wintersteller wieder auf der Merian, die dann sofort Kurs auf die Straße von Yucatan nahm. Seitdem wird das Schiff von Tölpeln begleitet. Für die eleganten großen Vögel ist das aufgewühlte Wasser rund um die Merian anscheinend ein guter Jagdgrund. So ist die Merian endlich, wenn auch mit anderthalb Tagen Verspätung, auf dem Weg zum ersten Arbeitsgebiet vor der mexikanischen Yucatan-Halbinsel. Ohne den Einsatz der deutschen Botschaften in Mexiko und auf Trinidad wäre das nicht möglich gewesen. Deshalb sind alle Eingeschifften den Herren von Römer in Mexico-City und Kinne in Port of Spain zu größtem Dank verpflichtet. Thomas Willke, Korrespondent von bild der wissenschaft, von Bord der Maria S. Merian Yucatan voraus. Mit Kurs 288° fährt die Merian durch das karibische Meer in den Sonnenuntergang. (Foto: Thomas Willke) Botschaftsrat Ullrich Kinne war auch während des Mittagsessens im Einsatz, um Fragen mit den mexikanischen Kollegen zu klären. Counsellor Josè Rangel beseitigte die letzten Verwaltungshürden. (Foto: Paul Wintersteller) Mit dem letzten Abendlicht kommt der Abgesandte Paul Wintersteller an Bord der Merian zurück. (Foto: Nina Joseph) Das vollständige Logbuch finden Sie hier 15. März: "Startschwierigkeiten" 16. März: Kein Visum ? keine Forschungsreise 17. März: Ruhe vor dem Strum 18. März: Von Unterwasserrobotern und Korallen 19. März: Jagd nach Aerosolen 20. März: Achtung, Rutschgefahr! 21. März: Endlich im Arbeitsgebiet 22. März: Daten sammeln auf rauer See 23. bis 25. März: Reiche Ausbeute vor Yucatan 26. März: Vielfältige Unterwasserwelt vor Florida 27. März: Tückischer Sand 28. März: Den Meeresboden durchleuchten 28. März: Den Meeresboden durchleuchten 29. März: Oasen in der Wüste 30. März: Ein Freund für den ROV 31. März: Bahamas voraus 01. April: Im Golfstrom 02. April: Die erste Banane 03. April: Der Korallenfriedhof 04. April: Mount Gay 05. April: Zwei Berge und ein Blitz 06. April: Nordwärts 07. April: Abschied Mehr über die Forschungsexpedition der Maria S. Merian erfahren Sie unter www.marum.de.
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