Nichts Süßes für Fleischfresser

 Seelöwen schlingen ihre Beute am Stück hinunter. Entsprechend haben sich ihr Geschmackssinn für süß und umami zurückgebildet. Foto: Richard G. Fisher
Seelöwen schlingen ihre Beute am Stück hinunter. Entsprechend haben sich ihr Geschmackssinn für süß und umami zurückgebildet. Foto: Richard G. Fisher
Hauskatzen zeigen keinerlei Interesse an Schokolade oder Keksen. Kein Wunder ? sie können die Süße überhaupt nicht schmecken. Und das ist laut einem amerikanisch-schweizerischen Forscherteam unter Fleischfressern keine Seltenheit.
Die Gruppe um Peihua Jiang vom Monell Chemical Senses Center in Philadelphia hatte das Fressverhalten und die Geschmacksrezeptoren von zwölf verschiedenen Säugetieren verglichen. Ziel der Untersuchung war zum einen, herauszufinden, ob der Verlust eines Teils des Geschmackssinns nur bei Katzen auftritt oder ob es sich dabei um eine typische Eigenart von Fleischfressern handelt. Zum anderen wollten die Forscher prüfen, ob auch andere Geschmacksrezeptoren, beispielsweise für umami oder bitter, davon betroffen sein können.

Die Ergebnisse zeigten: Sieben der zwölf untersuchten Arten hatten tatsächlich veränderte und damit defekte Gene für die Rezeptoren für süßen Geschmack: Seelöwe, Seebär und Seehund, Zwergotter ( Aonyx cinerea), Tüpfelhyäne ( Crocuta crocuta), Fossa ( Cryptoprocta ferox) ? ein auf Madagaskar beheimateter Räuber ? und die in Südostasien beheimatete Schleichkatze Linsang ( Prionodon linsang). Bei allen sieben Arten handelt es sich um reine Fleischfresser.

Bei Erdwölfen ( Proteles cristata), Rotwölfen ( Canis rufus), Kanadischen Ottern, Brillenbären ( Tremarctos ornatus) und Waschbären (Procyon lotor) sind die Rezeptoren dagegen intakt. Während die Wölfe ebenfalls reine Karnivoren sind, nehmen Waschbären und Brillenbären auch pflanzliche Nahrung zu sich. Entsprechend interessieren sie sich auch für zuckerhaltiges Futter, wie die Forscher beobachtet haben.

Flexible Evolution

Bislang waren Wissenschaftler davon ausgegangen, dass nahezu alle Tiere die Geschmacksrichtungen süß, sauer, salzig, bitter, umami und möglicherweise noch fetthaltig wahrnehmen können. ?Dass die Evolution offenbar dafür gesorgt hat, dass in so vielen Arten der Sinn für Süßes verloren geht, war sehr überraschend?, sagt Gary Beauchamp, einer der betreuenden Wissenschaftler. Auffallend sei, dass sich bei jeder Art das Gen für den Rezeptor anders verändert hat. Das deute auf eine jeweils unabhängige Entwicklung hin, schreiben er und sein Team. Der treibende Faktor dahinter sei vermutlich die Art der Nahrung und auch die Ernährungsweise.

Denn es scheint auch einen Zusammenhang zwischen den Rezeptoren und dem Fressverhalten zu geben, zeigten weitere Tests. So schlingen beispielsweise Seelöwen und Große Tümmler ihre Beute am Stück hinunter. Der Geschmack der Nahrung dürfte also kaum eine Rolle spielen. Tatsächlich schmecken beide Tiere kein umami, und Delfine können nicht einmal bitter wahrnehmen.

Andere Nahrung, andere Sinne

?Jede Spezies lebt in einer anderen sensorischen Welt, an die sie ihre Sinne anpasst. Unsere Ergebnisse beweisen aufs Neue, dass die Nahrung von Tieren ? und das ist beim Menschen nicht anders ? zu großen Teilen auch die Entwicklung der Geschmacksrezeptoren beeinflusst?, folgert Beauchamp.

Geschmacksrezeptoren gibt es nicht nur auf der Zunge, sondern auch in anderen Organen wie dem Darm, der Bauchspeicheldrüse oder der Lunge. Die große Frage sei nun, ob sich die Defekte in den entsprechenden Genen auch auf deren Funktion auswirken. Falls ja, wäre es wichtig, herauszufinden, wie und wodurch sie ersetzt worden sind, sagt Peihua Jiang. Auf lange Sicht könnte der Zusammenhang zwischen Geschmacksrezeptoren, Nahrung und Stoffwechsel Rückschlüsse auf die Evolution der Ernährung und dahinterstehende Mechanismen erlauben. Dafür seien vor allem detaillierte Verhaltensstudien nötig, so der Wissenschaftler.
Peihua Jiang (Monell Chemical Senses Center, Philadelphia) et al.: PNAS, doi: 10.1073/pnas.1118360109

© wissenschaft.de ? Marion Martin


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