Eine Niere und ein Immunsystem, bitte!

Durch eine spezielle Stammzelltherapie ist es US-Forschern gelungen, die Immunreaktion bei Patienten nach einer Nierentransplantation zu unterdrücken. Bei dem Verfahren wird gleichsam zusätzlich zu dem Organ auch das Immunsystem des Spenders auf den Empfänger übertragen: Er erhält aufbereitete Knochenmarksstammzellen des Spenders, die dann in seinem Körper passende Immunzellen bilden. Normalerweise müssen Patienten starke Medikamente einnehmen, die eine Abstoßung des fremden Organs verhindern, indem sie das eigene Immunsystem unterdrücken. Einige Teilnehmer der neuen Studie konnten dagegen nach der Therapie darauf verzichten, berichten die Wissenschaftler.
Die Aufgabe des Immunsystems ist es, alles Fremde im Körper zu erkennen und zu beseitigen. Doch was uns so erfolgreich vor Infektionen bewahrt, wird bei der Transplantationsmedizin zum Problem: Das Immunsystem akzeptiert ein Organ eines anderen Menschen in der Regel nicht und bekämpft es. Diese Reaktion ist dabei umso stärker, je unterschiedlicher das Erbgut von Spender und Empfänger ist. Um ein Organversagen zu vermeiden, müssen Patienten nach einer Transplantation deshalb ihr Leben lang sogenannte Immunsuppressiva einnehmen, die Abstoßungsreaktionen unterdrücken. Konkret sind das etwa 15 bis 25 Tabletten pro Tag, die teils schwere Nebenwirkungen wie Bluthochdruck, Diabetes und ein erhöhtes Infektionsrisiko mit sich bringen. Das neue Verfahren könnte nun helfen, dieses Problem zu vermeiden oder zumindest einzudämmen.

Bei Nierentransplantationen ist nicht zwingend das Organ eines Verstorbenen nötig ? häufig willigt der Spender auch gezielt ein, eine Niere abzugeben, denn eines der doppelt vorhandenen Organe reicht zum Leben aus. Für das neue Verfahren erlaubten die Spender nun zusätzlich, sich Knochenmarksstammzellen entnehmen zu lassen. Aus ihnen entwickeln sich die Immunzellen des Körpers, sie sind also die Grundlage des menschlichen Immunsystems. Knochenmarksstammzellen kommen allerdings nicht nur im Knochenmark selbst vor, sondern auch im Blut, aus dem sie sich mit speziellen Verfahren herausfiltern und aufbereiten lassen. Den Forschern zufolge kann es bei der Übertagung von Knochenmarksstammzellen allerdings zu dem Problem kommen, dass sich aus ihnen spezielle Immunzellen bilden, die dann wiederum die Körperzellen des Empfängers angreifen. Mit neuartigen Methoden sei es ihnen aber gelungen, gezielt spezielle Knochenmarksstammzellen aus dem Spenderblut zu gewinnen, die weniger zu diesem Effekt neigen.

Neue Niere plus passendes Immunsystem

Die acht Empfänger in der Studie mussten sich vor der Transplantation einer Chemotherapie und Bestrahlungen unterziehen, um die Bildung eigener Immunzellen zu unterdrücken und somit Platz für die des Spenders zu schaffen. Die aufbereiteten Knochenmarksstammzellen wurden ihnen dann kurz nach der Nierentransplantation übertragen, so dass sie sich im Körper etablieren und dann Immunzellen bilden konnten, die zu dem neuen Organ passen. Offenbar war diese Rechnung tatsächlich aufgegangen, berichten die Forscher: Nach etwa einem Jahr konnten fünf der acht Patienten die Immunsuppressiva absetzten, ohne dass Abstoßungsreaktionen eintraten oder die Nierenfunktion beeinträchtigt wurde. Ob es auch langfristig nicht mehr zu Immunreaktionen kommt, muss sich nun zeigen. Bisher lebt aber beispielsweise Lindsay Porter aus Chicago bereits seit etwa zwei Jahre nach der Nierentransplantation beschwerdefrei und kann auf Medikamente verzichten. Sie sagt: ?Ich fühle mich gesund und muss mich selbst manchmal daran erinnern, dass ich eine Nierentransplantation hatte.?

Schon bald könnte dieser Traum für viele Transplantationspatienten in Erfüllung gehen, sagen die Forscher. Momentan laufen weitere klinische Studien zu der Therapieform und auch für Patienten, die bereits eine Transplantation hinter sich haben, gibt es offenbar Hoffnung: Die Forscher testen ebenfalls, ob das Verfahren auch im Nachhinein Erfolg zeigt, wenn der Organspender einer späteren Stammzellentnahme zustimmt.
Joseph Leventhal (University of Louisville) et al.: Science Translational Medicine, DOI: 10.1126/scitranslmed.3003509


© wissenschaft.de ? Martin Vieweg


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