Warum Menschen Computer erfunden haben ? und Schimpansen nicht

 Kinder werden anhand einer Spielbox auf ihre Fähigkeit zur Problemlösung durch soziales Lernen getestet. Foto: Gillian Ruth Brown
Kinder werden anhand einer Spielbox auf ihre Fähigkeit zur Problemlösung durch soziales Lernen getestet. Foto: Gillian Ruth Brown
Weshalb wird die menschliche Kultur immer komplexer, während sich die Struktur von Primatengesellschaften über Jahrtausende nicht verändert? Eine mögliche Antwort darauf haben schottische Forscher jetzt bei einem Vergleich von Kleinkindern und Schimpansen gefunden: Vor dieselbe Aufgabe gestellt, zeigten sich die Kinder wesentlich kommunikativer und lernbereiter als die Primaten. Die Fähigkeit, von den Erkenntnissen eines anderen zu profitieren, half ihnen, die Aufgabe besser zu bewältigen - möglicherweise die Grundlage für den Fortschritt unserer Kultur.
Wie viele Menschen, die einen PC bei der Arbeit benutzen, wären wohl in der Lage, die mathematischen Grundlagen der verwendeten Software zu entwickeln? Vermutlich nicht allzu viele. Bezeichnend für die menschliche Gesellschaft ist: Jede Generation profitiert vom Fortschritt vorhergehender Generationen. Dadurch hat die menschliche Kultur eine Komplexität erreicht, die den Horizont des Einzelnen überschreitet.

Eine solche ?kumulative Kultur? ist auf der Erde einzigartig. Zwar sind auch einige Säugetiere, Vögel und sogar Fische in der Lage, Wissen und Fähigkeiten von anderen durch Nachahmen zu erwerben. Nicht selten entstehen daraus regelrechte Traditionen. Aber nie wird eine Fertigkeit im Tierreich von Generation zu Generation so stetig weiterentwickelt wie bei den Menschen. An Theorien zur Erklärung dieses Phänomens besteht kein Mangel. Sie reichen von der tierischen Unfähigkeit zu sprechen über das Ausnutzen der Leistungen anderer bis zu der Annahme, Tiere gäben sich eben mit dem Nächstbesten zufrieden. Die Studie eines Forscherteams um Lewis Dean von der Universität im schottischen St. Andrews hat nun erstmals konkret gezeigt, wie sich soziales Lernen bei Menschen und Tieren unterscheidet.

Dazu stellten die Anthropologen aus Großbritannien sowohl Kleinkinder im Alter von drei bis vier Jahren als auch eine Gruppe von Schimpansen und eine Gruppe Kapuzineraffen vor die Aufgabe, Belohnungen aus einer ?Rätselbox? zu ergattern. Die Box war so konzipiert, dass immer zwei Individuen gleichzeitig daran arbeiten konnten. Ziel des Spiels war es, in drei aufeinander aufbauenden Schwierigkeitsstufen Türen zu öffnen, hinter denen sich die Belohnungen befanden. Um an die erste Belohnung heranzukommen, musste die Tür nur verschoben werden. Bei der zweiten Tür musste gleichzeitig ein Knopf gedrückt werden, und die dritte ließ sich nur durch Benutzung einer Drehscheibe öffnen. Die Belohnungen ? Obst für die Affen, Sticker für die Kinder ? wurden mit steigendem Schwierigkeitsgrad immer reizvoller.

Das Ergebnis der Tests: Von den Schimpansen schaffte es nur einer von 33, die dritte Tür zu öffnen, und von den Kapuzineraffen erreichte kein einziger die dritte Schwierigkeitsstufe. Bei den Kindern dagegen eroberte knapp die Hälfte der insgesamt 35 Teilnehmer die dritte Belohnung. Der Erfolg der Kinder war ? nach Interpretation der Forscher ? eng gekoppelt an deren soziales Verhalten: Kommunikation und Kooperation spielten eine wichtige Rolle beim spielerischen Fortschritt. Insgesamt ahmten die Kinder das Verhalten der anderen Gruppenmitglieder deutlich öfter und besser nach als die Affen. Und: Je mehr Hilfe ein Kind in Anspruch genommen hatte, desto mehr Erfolg hatte es im Spiel. Auch wurde während der knapp dreistündigen Testphase 215 Mal beobachtet, dass ein Kind einem anderen seine Belohnung schenkte, während die Affen nichts freiwillig hergaben. Die jungen Menschen zeigten sich also wesentlich altruistischer, mitteilsamer und lernbereiter als ihre Verwandten.

Die Studie belegt nach Ansicht der Forscher welche enorme Bedeutung die Sprache und die Bereitschaft des Menschen, seine Erkenntnisse mit anderen zu teilen, für den Erfolg einer Gruppe hat. Die Forscher ziehen den Schluss, dass soziales Lernen für die Fähigkeit zur kumulativen Kultur verantwortlich ist. Robert Kurzban, Psychologe an der Universität von Pennsylvania in Philadelphia und Clark Barrett, Anthropologe an der Universität von Kalifornien in Los Angeles geben jedoch in einem Kommentar zu bedenken: Psychologische Unterschiede zwischen Arten in der Gegenwart sagen wenig aus über die Evolution dieser Arten in der Vergangenheit. Menschen und Affen seien zu unterschiedlich, als dass nicht auch andere Fähigkeiten des Menschen für die Weitergabe von Kultur wichtig sein könnten.

Lewis Dean (University of St. Andrews) et al.: Science, doi: 10.1126/science.1213969

© wissenschaft.de ? Maria Bongartz


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