Zweisamkeit macht immer gleicher

Ehepartner passen sich im Laufe der Zeit in erstaunlichem Maße aneinander an. Oft steht ihnen das buchstäblich ins Gesicht geschrieben.

Nachdem seine Frau Helen gestorben war, verbrachte der 100-jährige Joseph Auer einen Tag ohne sie – bevor ihn das gleiche Schicksal ereilte und er seiner geliebten Gattin ins Jenseits folgte. 28 Stunden lagen im Oktober 2014 zwischen dem Tod der 94-Jährigen und dem ihres Mannes. 73 Jahren waren die beiden verheiratet gewesen. Die Geschichte der zwei Herzen, die wie eines schlugen, ging um die Welt.

Wenn Menschen sich dazu entschließen, ihr Leben gemeinsam zu verbringen, startet eine Phase der Annäherung. Äußerlich wie innerlich, im Denken, Fühlen und Handeln, sogar in Bezug auf die Gesundheit färbt die Zweisamkeit ab. Wissenschaftler beobachten das Phänomen seit Jahren, und mit jeder neuen Erkenntnis gewinnt Friedrich Schillers Rat an Gewicht: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet."

Je länger zwei Menschen zusammen sind, desto ähnlicher werden sie einander – ein Prozess, der unweigerlich und meist unbewusst vonstattengeht, äußerlich aber durchaus sichtbar wird. Bei der Silberhochzeit ähneln sich viele Partner so sehr, dass sie selbst für Unbekannte augenscheinlich zusammengehören. Dieser erste aufsehenerregende Befund von Paarsymbiose gelang dem amerikanischen Psychologen Robert Zajonc von der Universität Michigan schon vor fast drei Jahrzehnten und sorgt noch immer für Gesprächsstoff: Wie kommt es, dass die gemeinsam verbrachten Jahre den Menschen buchstäblich ins Gesicht geschrieben stehen? Entwickelt sich die Ähnlichkeit erst im Laufe der Zeit – oder tun sich von vornherein oft gleich und gleich zusammen? Fest steht: Der Mensch liebt das, was er kennt, und hofft, es auch im anderen zu finden. Ein vertrautes Gesicht vermittelt den Eindruck von Sicherheit und Nähe. Kein Wunder, dass der Partner häufig dem Vater ähnelt (vor allem im zentralen Gesichtsbereich), während die Partnerin oft an seine Mutter erinnert (vor allem in der unteren Gesichtspartie), wie der ungarische Evolutionspsychologe Tamas Bereczkei von der Universität Pécs beim Vermessen von Schwiegereltern und Schwiegerkindern herausfand. Die Ähnlichkeit muss nicht offensichtlich sein: Selbst versteckte Merkmale wie vergleichbare Proportionen faszinieren.

Fettige Würstchen und Rotwein

Optische Gemeinsamkeiten kann es also durchaus schon zu Beginn einer Beziehung geben. Sie sind allerdings nicht so ausgeprägt, dass Außenstehende sie ohne Weiteres erkennen. Erst nach etlichen Jahren wird die Ähnlichkeit von Paaren offensichtlich.

Ist es der gemeinsame Lebens- und Ernährungsstil, der Mann und Frau zeichnet? Die geteilte Vorliebe für fettige Würstchen an der Pommesbude, das Gläschen Rotwein am Abend, die Zigarette danach? Dass Lust und Laster in einer Partnerschaft abfärben, haben in den letzten Jahren mehrere Studien gezeigt. 2011 ergab eine Umfrage des Heidelberger Soziologen Thomas Klein, dass Männer und Frauen dazu tendieren, an Gewicht zuzulegen, sobald sie vergeben sind. Die Geselligkeit beim Essen und die Gewissheit, niemanden mehr mit Traummaßen ködern zu müssen, sind laut Klein die Gründe dafür. Auffallend ähnlich ist auch der Body-Mass-Index, wie er herausfand. Das hänge in diesem Fall allerdings nicht mit Angleichung zusammen, sondern damit, dass sich Schlanke eher mit Schlanken und Füllige eher mit Fülligen zusammentun.

2012 stellten Soziologen der Universität Cincinnati fest, dass sich auch die Trinkgewohnheiten in einer Partnerschaft angleichen. Frauen lassen sich demnach von ihrem Partner vermehrt zu einem Gläschen Alkohol verführen, während Männer – dem guten Vorbild oder dem Druck ihrer Gattinnen folgend – weniger trinken, sobald sie liiert sind.

Einen weiteren positiven Effekt in Partnerschaften fanden kürzlich englische Forscher vom University College London, nachdem sie fünf Jahre lang Raucher befragt hatten, die von ihrem Laster loskommen wollten. Den Frauen gelang das in etwa der Hälfte der Fälle – wenn ihre Männer ebenfalls auf den Glimmstängel verzichteten. Rauchten die Männer weiter, sanken die Erfolgsaussichten der Frauen auf 8 Prozent. Waren die Männer Nichtraucher, schafften 17 Prozent der Frauen ihr Ziel. Bei den Männern, die mit dem Rauchen aufhören wollten, waren die Aussichten auf Erfolg und Misserfolg ähnlich gelagert.

Attraktiv ist, wer anders riecht

Die Ess-, Trink- und Rauchgewohnheiten von Paaren hinterlassen Spuren. Noch mehr als das Auge nimmt die Nase sie wahr. Wie eine Art „Stallgeruch" umgibt Ehepartner oft ein ähnlicher Dunst, der zum Beispiel durch gleiche Essgewohnheiten zustande kommt. Von der Zweisamkeit unverändert bleibt hingegen der Geruch des eigenen Immunsystems, der nichts mit ordinärem Schweiß oder der am Vortag gelöffelten Zwiebelsuppe zu tun hat. Vielmehr wird er von den Bakterien, Viren und Parasiten bestimmt, die zu bekämpfen das eigene Immunsystem imstande ist. Der Körper scheidet Eiweißbruchstücke von Krankheitserregern, die gekapert und den körpereigenen Killerzellen zum Fraß vorgeworfen werden, wahrscheinlich über Drüsen in den Achselhöhlen aus. Da jedes Immunsystem anders arbeitet, sind die Zusammensetzung und damit auch der Geruch der bakteriellen Beutestücke verschieden.

Anziehend wirkt der Immungeruch des anderen vor allem dann, wenn er sich vom eigenen unterscheidet, wie der Evolutionsbiologe Manfred Milinski vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön herausfand, als seine Mitarbeiter Probandinnen an getragenen Männer-T-Shirts schnüffeln ließen. Durch die Vorliebe fürs andersartige Immunsystem verhindert die Evolution, dass Familienmitglieder sich gegenseitig attraktiv finden und legt dem potenziellen Nachwuchs durch die Verbindung verschiedener Immunsysteme ein gutes Rüstzeug gegen Krankheiten in die Wiege.

Wer sich riechen kann, geht auf Tuchfühlung. Bei jedem Kuss werden nebst Zärtlichkeiten jede Menge Bakterien ausgetauscht: 80 Millionen sind es in nur 10 Sekunden, wie Molekularwissenschaftler der Universität Amsterdam 2014 nachgewiesen haben. Die Bakterien bleiben vor allem auf der Zungenoberfläche haften. Schon bei neun Küssen am Tag gleicht sich die Mundflora von Verliebten dauerhaft an – von den 700 bekannten Arten von Mundbakterien fanden die Forscher um Remco Kort mehr als die Hälfte bei beiden Partnern. Das kann unliebsame Nebenwirkungen haben: Die Übertragungsrate von Parodontitis-Bakterien, die den Zahnhalteapparat zerstören und das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall erhöhen, liegt bei Paaren mit über 36 Prozent besonders hoch.

Nicht nur beim Küssen, auch beim Sex drohen bakterielle Kollateralschäden. Vor allem in der Anfangszeit einer Partnerschaft kann es in der Blase der Frau zu Entzündungen kommen, wenn fremde Bakterien in ihre Harnröhre gelangen. Diese „ Honeymoon-Zystitis" (Flitterwochen-Blasenentzündung) verschwindet normalerweise, sobald sich der Körper an die Eindringlinge gewöhnt hat.

Wie die Liebe Leben rettet

Der Austausch von Körperflüssigkeiten wirkt auf den Organismus ähnlich wie eine Desensibilisierungsbehandlung bei Allergien: Durch die ständige Belastung mit kleinen Dosen eines fremden Stoffes entwickelt der Körper im Laufe der Zeit eine Toleranz. „ Das führt so weit, dass bei der Transplantation einer Niere oder eines Leberteils das Immunsystem des Empfängers weniger heftig reagiert, wenn das Organ vom Partner und nicht von einem Fremden stammt", erklärt der Transplantationsexperte Alfred Königsrainer vom Universitätsklinikum Tübingen. „Verantwortlich für die Desensibilisierung sind Eiweißstoffe in Speichel und Sperma."

Im Allgemeinen attestieren Ärzte einer Ehe eine positive Wirkung auf die Gesundheit. In den westlichen Industrienationen leben Ehemänner etwa acht Jahre länger als ihre unverheirateten Geschlechtsgenossen, bei Frauen beträgt der Unterschied etwa drei Jahre. Ein weiteres Plus: Ein aktives Liebesleben beugt Erkältungen vor, wie Wissenschaftler der Wilkens-Universität in Pennsylvania nachweisen konnten. Der Level der Immunglobuline (Antikörper), die vor Schnupfen und anderen Infektionen schützen, ist bei Menschen, die ein oder zwei Mal in der Woche Sex haben, deutlich erhöht.

Andererseits besteht in einer Beziehung die Gefahr, dass geteiltes Leid doppeltes Leid hervorruft. Zu diesem Schluss kam bereits 2005 eine Studie von der Universität Nottingham an 29 000 Menschen – 17 000 davon verheiratet. Hat ein Ehepartner ein Magengeschwür oder leidet an Asthma oder Depressionen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass auch der Ehepartner daran erkrankt, im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung um 70 Prozent. Bei Bluthochdruck, einem erhöhten Cholesterinspiegel und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verdoppelt sich das Risiko bei einer „ Vorbelastung" des Partners. Ausschlaggebend für dieses Phänomen sind Umweltfaktoren und die Lebensweise, aber auch ähnliche genetische Veranlagungen, gesellschaftliche Hintergründe und Charaktere, die Mann und Frau mit in die Ehe bringen und die ihr Risikoprofil nachhaltig prägen.

Zwar ergab eine Befragung von fast 1000 Studenten der Cornell-Universität in Ithaca, dass sich die meisten Menschen ein Gegenüber wünschen, das möglichst viele Wesenszüge, Werte und Einstellungen mit ihnen teilt. Doch die vermeintliche Seelenverwandtschaft, von der Frischverliebte gerne schwärmen, ist oft nichts anderes als Wunschdenken. Davon ist der Psychologe Paul Eastwick von der Universität Texas überzeugt. Sein Fazit: Man verliebt sich nicht, weil man sich ähnelt. Vielmehr achtet man, wenn man sich verliebt hat, besonders auf Ähnlichkeiten, und streicht sie heraus.

Die Stimme klingt immer ähnlicher

Erst mit der Zeit wächst ein Paar zusammen. Sie fängt an, vor dem Fernseher laut zu lachen, so wie er es immer tut. Er empfindet die Themen, die ihr wichtig sind, als zunehmend relevant. Und irgendwann stellt der eine sogar die Sätze des anderen fertig. Der Psychologe Cameron Anderson von der Universität von Kalifornien in Berkeley sieht in dieser „ emotionalen Konvergenz" einen Faktor, der eine Beziehung stärkt und langlebiger macht. Bei manchen Partnern sind Mimik, Gestik und Stimme irgendwann derart ähnlich, dass Anderson sogar von „ derselben emotionalen Person" spricht.

Wie ein Tagebuch der Emotionen prägen sich die Gefühle des Alltags in die Gesichter der Menschen ein. Das gemeinsame Lachen, Weinen, Bangen und Hoffen, aber auch die unbewusste Nachahmung von Gesichtsausdrücken und der Kopfhaltung des anderen zeichnen mit der Zeit ein ähnliches Muster aus Falten und Furchen.

Die Hirnforschung hat die Fähigkeit des Sich-Einfühlens, die sogenannte Empathie, in den Spiegelneuronen verortet. Diese sollen immer dann feuern, wenn ein Mensch die Emotionen und Handlungen anderer Menschen beobachtet. Besonders ausgeprägt ist die empathische Fähigkeit in der Partnerschaft bei Frauen. Davon sind Wissenschaftler der Universität von Kalifornien in Davis überzeugt, seit sie im Jahr 2013 Paare in einen Raum gesetzt und sie gebeten hatten, sich gegenseitig nach- zuahmen, ohne sich zu unterhalten oder zu berühren. Ergebnis: Vor allem die Frauen passten ihre Atmung und ihren Herzschlag dem Partner an. Saßen die Versuchspersonen nicht mit dem eigenen Partner zusammen, blieb die Synchronisierung aus.

Auch in Bezug auf Politik und Wahlverhalten passen sich Frauen im Laufe der Zeit häufiger an ihre Ehemänner an als umgekehrt. Bei einer Umfrage der Partnervermittlung Parship 2013 gaben sieben Prozent der Männer und neun Prozent der Frauen an, die eigene politische Einstellung wegen ihres Partners geändert zu haben (siehe Infokasten links: „Was der Partner wählt").

Und wie sieht es im Bett aus? „Wir haben beobachtet, dass sich vor allem bei jüngeren Paaren der Schlafrhythmus angleicht", sagt der Schlafforscher Jürgen Zulley von der Universität Regensburg. „ Dabei gibt derjenige den Takt an, der auch sonst in der Beziehung die Hosen anhat." Vor allem zu Beginn einer Beziehung schlafen Paare subjektiv besser, wenn sie zusammenschlafen. Davon könnte ein Schlechtschläfer profitieren. Es ist offenbar beruhigend, wenn man jemand Vertrauten bei sich weiß, erklärt Zulley. Doch mit der Zeit sinkt die Bereitschaft und Fähigkeit, nächtliche Störungen zu tolerieren, was nach etwa zehn Jahren oft zu getrennten Schlafzimmern führt.

Mit dem Alter kommt die Gewohnheit

So vielfältig und umfangreich die Annäherung in einer Partnerschaft auch sein mag, sie ist nicht selbstverständlich. Nicht selten geht Gewohnheit mit Interesselosigkeit einher, wie vor fünf Jahren eine Studie der Universität Basel zeigte. Demnach kennen Frischverliebte die Vorlieben und den Geschmack ihrer Partner besser als Langzeitpaare, die mehr als 40 Jahre gemeinsam verbracht haben. Eine mögliche Erklärung von Studienleiter Benjamin Scheibehenne: Junge Paare checken kontinuierlich und bewusst ab, ob sie zusammenpassen. Alte Paare hingegen haben oft ein festes Bild voneinander und übersehen dabei, dass sich Vorlieben mit der Zeit ändern können.

Um über ihren Geschmack nicht streiten zu müssen, verfolgen die Eheleute Nancy und Donald Featherstone aus Fitchburg in Massachusetts einen skurrilen Plan: Seit 35 Jahren zieht sich das Paar gleich an – mit Kleidungsstücken, die Nancy größtenteils selbst näht. Und wenn Donald und Nancy einmal getrennt sind, erkundigen sie sich per Telefon nach dem Outfit des anderen. Auch so kann Liebe aussehen. •

von Bettina Gartner

Kompakt

· Zwei Menschen, die zusammen leben, zeigen sowohl körperlich als auch im Verhalten immer mehr Ähnlichkeit.

· Selbst Mimik, Gestik und Stimme passen sich an.

· Die Partner tragen sogar oft dasselbe Risiko für bestimmte Krankheiten.

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Die deutsche Langzeitstudie „Pairfam" zu Beziehungs- und Familienthemen: www.pairfam.de

Wie der Partner wählt

Das Wahlgeheimnis gilt nicht nur beim Gang zur Urne. Auch in Partnerschaften ist die politische Gemengelage oft undurchschaubar. Eine Umfrage der Partnervermittlung Parship unter 700 Paaren ergab 2013, dass 19 Prozent der Menschen, die in einer Beziehung leben, die politische Einstellung ihres Partners nicht kennen und nicht wissen, welche Partei er wählt. Ein Viertel der deutschen Paare spricht nicht über Politik. Dieses Ergebnis deckt sich mit den Erkenntnissen des amerikanischen Politik-wissenschaftlers Alan S. Zuckerman, der bereits 2005 Daten der Langzeitstudie „Sozio-Oekonomisches Panel" analysiert hatte. Verändert hat sich den beiden Studien zufolge der unausgesprochene politische Konsens: Bei Zuckerman unterstützten noch 42 Prozent der Paare dieselbe Partei, laut Parship-Umfrage wählen derzeit 33 Prozent der Paare gleich.

Zu Beginn einer Beziehung ist die politische Wetterlage meist instabil, weil nur wenige junge Leute eine feste Position haben. Mit dem Alter und den gemeinsam verbrachten Jahren steigt der Konsens. Während bei den 18- bis 29-Jährigen laut Parship 20 Prozent dieselbe Partei wählen, sind es bei den 50- bis 65-Jährigen 39 Prozent. Zuckerman sah die politische Übereinstimmung nach 18 Jahren Beziehung deutlich steigen und nach 28 Jahren Ehe war sie auf dem Höhepunkt.

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