Bildstrecke Der Glockendoktor

09.01.2017

Der Glockendoktor

Nach einem gewaltigen "Wums" blieb die St. Petersglocke im Kölner Dom still. Was war passiert? Ein Ingenieursteam begab sich auf Spurensuche, erstellte einen musikalischen Fingerabdruck und konnte die Glocke reparieren. bild der wissenschaft-Fotograf Ralf Baumgarten hat die Glockendoktoren auf einen Kontrolltermin im Kölner Dom begleitet.

Am 5. Januar 2011 gab es einen gewaltigen Krach im Südturm des Kölner Doms. Dann verstummte der "Dicke Pitter", die größte Kirchenglocke der Welt. Er hatte seinen 850 Kilogramm schweren und drei Meter langen Klöppel verloren. Glücklicherweise fingen die Stahlstreben im Turm den Klöppel auf – niemand wurde verletzt. Doch warum fiel der Metallstab nach fast 90 Jahren Läuten herab? Die Ingenieure vom Europäischen Kompetenzzentrum für Glocken (ECC-ProBell) an der Hochschule Kempten ermittelten - und prüfen nun alle fünf Jahre die St. Petersglocke, wie sie offiziell heißt. bild der wissenschaft-Autor Nikolaus Fecht hat im Januar über die Arbeit der Glockenspezialisten berichtet. Der Fotograf Ralf Baumgarten war bei einem Kontrolltermin dabei und hat die Glockendoktoren bei der Arbeit abgelichtet.

Musikalischer Fingerabdruck

Um Glocke und Klöppel zu untersuchen, nehmen der Geschäftsführer von ECC-ProBell Michael Plitzner und sein Team zunächst einen musikalischen Fingerabdruck der Glocke auf. Dafür befestigen sie einen kleinen Sensor auf deren Oberfläche, genau dort, wo der Klöppel auf den Glockenkelch schlägt. Der Sensor erfasst die Stärke der Vibrationen und verrät, wie stark sich die Glocke dabei verformt. Ein weiterer Sensor am Klöppel registriert zudem Kraft und Beschleunigung beim Aufschlag. Ein dritter Sensor misst den Aufschlagswinkel des Klöppels. Denn davon hängt ab, wie viel Energie die Glocke aufnimmt. Für jede Glocke gibt es einen optimalen Aufschlagswinkel. Ist er zu klein, schlägt der Klöppel nicht an. Ist er zu groß, klingt die Glocke zu laut und wird stark belastet.

Suche nach der Ursache des Klöppelfalls

Zusammen ergeben die Sensordaten einen musikalischen Fingerabdruck, den die Glockendoktoren im Labor auswerten können. Anhand von Klang- und Schwingungsverhalten können sie beispielsweise für das bloße Auge unsichtbare Risse feststellen. "Mit zunehmender Tiefe und Breite der Risse driften die verschiedenen Teiltöne der Glocke immer mehr auseinander", erklärt Michael Plitzner. Dadurch spaltet sich die Tonfrequenz. Beim Dicken Pitter lieferte die Laboranalyse eine typische Ursache für den Klöppelsturz – Glocke und Klöppel waren nicht perfekt aufeinander abgestimmt. Der 850 Kilogramm schwere Klöppel war außerdem viel zu schwer und zu schnell, sodass die Schlagintensität auf die Glocke sehr hoch war.

Heilung für den Dicken Pitter

Damit der Dicke Pitter noch möglichst lange hält und sich keine Risse bilden, empfahlen die Glockendoktoren den Kölnern einen neuen Klöppel. Dieser optimal geformte und mit 640 Kilogramm deutlich leichtere Klöppel hängt nun exakt mittig, sodass er beide Seiten der Glocke gleichmäßig berührt. Und die Kontrollmessung im Jahr 2016 zeigt: Die Arbeit hat sich gelohnt, die Glocke wird nun weniger belastet.

 

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© wissenschaft.de - Xenia El Mourabit
09.01.2017

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