Blicken wir auf erloschene Sterne?

Einige Sterne gibt es gar nicht mehr. (Foto: den-belitsky/iStock)

Im Haus nebenan wird es dunkel – soeben hat der Nachbar das Licht ausgeschaltet. Ähnliches gilt auch im Universum – allerdings mit Zeitverzögerung, denn das Licht unserer Lichtjahre entfernten Nachbarsterne braucht lange, um uns zu erreichen. Bedeutet das, dass manche Sterne, die wir von der Erde aus sehen, in Wirklichkeit schon gar nicht mehr existieren? Das hat uns Ferdinand B. gefragt – vielen Dank dafür.

Die Antwort weiß Wolfgang Hillebrandt vom Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching: "Von einigen wissen wir sogar definitiv, dass sie bereits explodiert sind", sagt der Wissenschaftler. "Besonders massereiche Sterne haben nur eine Lebensspanne von 30 bis 40 Millionen Jahren. Sind sie also von der Erde weiter entfernt als 40 Millionen Lichtjahre, ist das, was wir sehen, folglich nur das Abbild eines Himmelskörpers, den es gar nicht mehr gibt", erklärt der Astrophysiker.

Man kann diesen Effekt der zeitlichen Verzögerung mit der Nachrichtenübermittlung durch die Post vergleichen: Nach zwei Tagen Beförderungsdauer könnte der Verfasser eines Briefes theoretisch bereits verstorben sein, obwohl er in der Nachricht, wenn sie der Empfänger liest, noch quicklebendig wirkt. Wird ein Brief dagegen nach 200 Jahren aufgefunden, weiß man definitiv, dass der Schreiber nicht mehr existieren kann.

Schneckenpost trotz Lichtgeschwindigkeit

"Egal ob mit bloßen Augen, einem Fernrohr oder gar einem Weltraumteleskop – was der Mensch bei der Betrachtung der Sterne sieht, ist immer nur ein Abbild der Vergangenheit", sagt Hillebrandt. Die Nachricht vom Tod eines Sterns erreicht uns folglich ebenfalls entsprechend verzögert. Der frühe Astronom Johannes Kepler hat im Jahr 1604 ein solches Ereignis beobachtet. Er berichtete über einen hellen Stern, der ein Jahr nach seinem Aufleuchten verblasste. Was er gesehen hatte, war eine sogenannte Supernova – ein massereicher Stern war explodiert. 1941 entdeckten Astronomen dann schließlich auch die Überreste dieser sogenannten Keplerschen Supernova. Die Wolke aus Trümmern ist Schätzungen zufolge 10.000 bis 23.000 Lichtjahre von der Erde entfernt. Das bedeutet: Als Kepler das Licht der Explosion sah, war der Stern eigentlich bereits vor Jahrtausenden zerborsten.

"Es gibt an unserem Sternenhimmel einige Kandidaten, von denen man weiß, dass sie quasi im Sterben liegen", sagt Hillebrandt. Ein prominentes Beispiel dafür sei Beteigeuze. Dieser besonders helle Stern ist von der Erde etwa 600 Lichtjahre entfernt. Er bildet die Schulter des bekannten Sternbildes Orion, das einen Mann mit Gürtel und Schwert am Nachthimmel bildet. "Beteigeuze hat bereits das Stadium eines sogenannten Roten Überriesen erreicht", erklärt Hillebrandt. Das ist ein aufgeblähter Stern, der am Ende seiner Entwicklung angelangt ist und bald explodieren wird. Dieses "bald" ist allerdings im astronomischen Maßstab gemeint: Manche Wissenschaftler rechnen mit einer Supernova innerhalb der nächsten tausend Jahre, andere frühestens in den kommenden hunderttausend Jahren. Aber wann auch immer es passiert: Wenn wir sehen, dass Orion die Schulter explodiert, hat er sie eigentlich schon lange verloren.

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