Rosettas stilles Rendezvous

Das bislang beste Bild eines Kometenkerns: 67P/Churyumov-Gerasimenko, aufgenommen am 3. August 2014 mit der OSIRIS-Kamera der Raumsonde Rosetta aus 285 Kilometer Entfernung. Die Auflösung beträgt 5,3 Meter pro Bildpunkt. (Credit: ESA/Rosetta/MPS, OSIRIS Team/MPS/UPD/LAM/IAA/SSO/INTA/UPM/DASP/IDA)
Aufnahme des Kometen vom 3. August. (Credit: ESA/Rosetta/MPS for OSIRIS Team MPS/UPD/LAM/IAA/SSO/INTA/UPM/DASP/IDA)

Als Erzählung würde die Story niemand glauben: Man schnippt in Berlin ein Brotkrümel in die Luft und ein Jahrzehnt später trifft es eine Erbse auf dem Mount Everest - und das nicht zufällig, sondern wie geplant. Die Navigationsleistung der Weltraumexperten von der Europäischen Raumfahrt-Agentur ESA übertrifft diesen schrägen Vergleich aber bei weitem. Nach dem Start der Raumsonde Rosetta am 2. März 2004 hat sie heute ihr Ziel erreicht: den Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko. Das Rendezvous-Manöver gelang perfekt. Jetzt beginnt das kosmische Disney-Land, so Alvaro Giménez, der ESA-Direktor für Science and Robotic Exploration. Oder wie es der ESA-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain formulierte: "Weihnachten ist nun jeden Tag."

Die letzten zwei Wochen waren äußerst aufregend für die Crew am ESOC in Darmstadt (ESA's Space Operations Centre), von wo aus Rosetta gesteuert wird. Nachdem lange von 67P/Churyumov-Gerasimenko nicht mehr als ein Pünktchen am Himmel gesehen wurde, liefen letzten Monat allmählich Details in die Computer. Temperaturmessungen glückten, die Aktivität des knapp fünf Kilometer großen Kometenkerns konnte fotografiert werden - und inzwischen gibt es Bilder von der Oberfläche des Nukleus, die an Schärfe alles bislang Dagewesene übertreffen. Doch das ist erst der Anfang.

67P/Churyumov-Gerasimenko befindet sich gegenwärtig 405 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, zwischen den Umlaufbahnen von Jupiter und Mars, und rast mit 55.000 Kilometer pro Stunde ins innere Sonnensystem. Dabei wird er immer aktiver und erreicht im Dezember nächstes Jahr den sonnennächsten Punkt seiner 6,5-jährigen Umlaufbahn.

Nach zehn Jahren, fünf Monaten und vier Tagen Reisezeit - fünfmal um die Sonne und insgesamt 6,4 Milliarden Kilometer - hat Rosetta heute endlich sein Ziel erreicht. Das Rendezvous lief im Stillen ab. Bei der ESOC in Darmstadt zeugte lediglich eine rote Zeitanzeige davon, die endlich auf 0 sprang. Die Kontroll-Crew wusste erst 20 Minuten später, dass das Manöver geglückt war, denn so lange brauchten die Funksignale von der Raumsonde zur Empfangsantenne in Australien (und dann noch einmal um die halbe Erde).

Erkunden, nähern, landen

Nun wird die Sonde zwei Monate lang den erst 1969 entdeckten Kometen auf "pyramidalen" Bahnen erkunden. Zunächst aus einer Distanz von etwa 100 Kilometern, dann aus 50 und 30 Kilometer Entfernung. Dabei wird seine Form, Oberflächenbeschaffenheit und Schwerkraft genau vermessen, bis am 11. November der Höhepunkt der Mission stattfindet: Die Landung von Rosettas Robotersonde Philae auf dem Kometenkern selbst. Das wird etwa mit Schrittgeschwindigkeit geschehen - ein schwieriges Unterfangen, weil der Lander nicht stark zurückprallen und ins All entweichen darf.

Wichtig ist in den nächsten Wochen, gute Landeplätze zu finden. Daher wird Rosetta den Kometenkern jetzt sehr genau inspizieren. "Wir fühlen durch die Ablenkung der Sonde bereits die Schwerkraft des Kometen und werden so bald die Kometenmasse auf zehn Prozent genau wissen", sagte Frank Budnik, zuständig für ESA Rosetta Flight Dynamics, auf der heutigen Pressekonferenz in Darmstadt. "Rosetta wird dann auf zehn Kilometer an den Kometen herangehen und einen kreisförmigen Orbit einnehmen, um Landplätze genauer zu charakterisieren."

Ein relativ warmer Doppelkörper

Die erste große Überraschung war, dass 67P/Churyumov-Gerasimenko ein Doppelkörper ist. Vielleicht das Produkt einer langsamen Kollision in grauer Vorzeit, vielleicht das Relikt eines heftigen Einschlags. Die Oberfläche des Kometen ist zerklüftet. Teils gibt es über 100 Meter hohe Klippen, teils ebene Flächen, ferner Einschlags- oder Ausgasungs-Strukturen. Der Kern rotiert einmal alle zwölf Stunden.

Außerdem hat VIRTIS (Visible and Infrared Thermal Imaging Spectrometer), eines der insgesamt 21 wissenschaftlichen Instrumente an Bord von Rosetta, bereits erste Temperaturmessungen des Kometen gemacht. Durchschnittlich herrschen minus 70 Grad Celsius. Die Forscher schließen daraus, dass die Oberfläche des Kometenkerns überwiegend dunkel und staubig ist und nicht aus reinem Eis besteht. Das ist aber auch vorhanden, denn Rosetta beobachtet, wie Wassereis verdampft.

Die nächsten Wochen und Monate werden für Kometenforscher unglaublich spannend - ein Forschungsparadies ohne gleichen. Nie zuvor wurde ein Komet aus einer solchen Nähe observiert, und alle bisherigen Kometen-Missionen waren flüchtige Vorbeiflüge. 67P/Churyumov-Gerasimenko dagegen wird die Basis jeder künftigen Kometen-Wissenschaft sein. Bleibt zu hoffen, dass Sonde und Lander gut und lange funktionieren. Viel Glück, Rosetta!

 

Rüdiger Vaas ist Astrophysik-Redakteur bei bild der wissenschaft. Sein neuestes Buch heißt "Vom Gottesteilchen zur Weltformel" und hat nichts mit Kometen zu tun.

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