Zerstückelte Welt

Die globale Karte der straßenfreien Gebiete (Grafik: Science/P. Ibisch)

Straßen machen die entlegensten Winkel der Erde für uns Menschen schnell und komfortabel erreichbar. Die Natur zahlt dafür allerdings einen hohen Preis: Eine erste globale Karte der straßenfreien Räume zeigt, dass es nur noch wenige größere Gebiete gibt, die nicht durch Straßen geteilt werden. Insgesamt teilen Straßen die Erdoberfläche in mehr als 600.000 Fragmente, wie die Forscher berichten. Die meisten davon sind weniger als einen Quadratkilometer groß. Für die Ökologie der betroffenen Gebiete hat das häufig fatale Folgen.

Für die Pflanzen- und Tierwelt, aber auch die Stoffkreisläufe der Erde, sind funktionsfähige Ökosysteme essenziell. Doch häufig werden Lebensräume und Naturregionen durch Straßen geteilt und damit voneinander isoliert. So unterbrechen Straßen zum Beispiel den Genfluss in Tierpopulationen, sie erleichtern die Ausbreitung von Schädlingen und Krankheiten und erhöhen die Bodenerosion. Lärm, Abgase und andere Einflüsse des Verkehrs ziehen zudem die Natur in der unmittelbaren Umgebung der Straße deutlich in Mitleidenschaft. Gleichzeitig führt der Straßenbau dazu, dass auch zuvor unberührte Gegenden nun besser erreichbar werden. Die Erschließung neuer Gebiete setzt oft eine Kettenreaktion in Gang, in deren Folge es zum Neubau von weiteren Straßen kommt. Opfer dieser Entwicklung ist die Artenvielfalt vieler betroffener Gebiete, aber auch die Funktionsfähigkeit vieler Ökosysteme. "Prognosen sagen ein Wachstum der globalen Straßenlänge um mehr als 60 Prozent voraus", erklären Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) und seine Kollegen. Um zu verstehen, welche Folgen dies hätte, und um die künftige Entwicklung besser steuern zu können, sei es daher mehr Wissen über die Zerstückelung der Landschaft dringend nötig.

600.000 Fragmente

Die bisher umfassendste Bestandsaufnahme menschlichen Straßenbaus haben nun Ibisch und seine Kollegen fertiggestellt. Auf Basis der Plattform OpenStreetMap und der Datenbank gROADS erfassten sie dafür zunächst die Verteilung von Straßen auf allen Landflächen der Erde -  insgesamt umfassten ihre Daten über 36 Millionen Kilometer Straße. Aus diesem ermittelten sie, welche Flächen jeweils straßenfrei geblieben sind. Abgezogen von diesen Flächen wurde jeweils ein einen Kilometer breiter Puffer beiderseits der Straßen, um die starken Störeffekte der Straße zu berücksichtigen. Auf Basis von ökologischen Studien entwickelten die Forscher dann einen Bewertungsindex für die straßenfreien Areale. Dieser setzt sich aus Größe, Grad der Vernetzung und Index für die Funktion des Ökosystems zusammen.

Das Ergebnis klingt zunächst positiv: "Rund 80 Prozent der Erdoberfläche ist noch immer straßenfrei", berichten Ibisch und seine Kollegen. Der Haken daran: "Diese Fläche ist in mehr als 600.000 Fragmente zerstückelt." Die meisten dieser von Straßen eingerahmten Parzellen sind zudem ziemlich klein: "80 Prozent dieser Flächen sind weniger als fünf Quadratkilometer groß, mehr als die Hälfte umfasst sogar weniger als einen Quadratkilometer", berichten die Forscher. Die Folge: Aufgrund dieser Zerstückelung hat ein Drittel der straßenfreien Areale nur noch eine geringe biologische Vielfalt und übt nur noch wenige ökologische Funktionen aus, wie der Bewertungsindex ergab. Nur in sieben Prozent der irdischen Landfläche finden sich noch ausgedehnte, unzerteilte Gebiete, die größer sind als 100 Quadratkilometer. Die größten solcher Gebiete liegen in der Tundra und den borealen Wäldern Nordamerikas und Eurasiens sowie in einigen tropischen Gebieten Afrikas, Südamerikas und Südostasiens.

Obwohl gerade die noch verbliebenen großen, straßenfreien Naturgebiete für die Artenvielfalt besonders wichtig sind, stehen die meisten von ihnen nicht unter Schutz. Ihnen könnte daher eine Fragmentierung drohen, warnen die Forscher. Selbst das UN-Übereinkommen über die biologische Vielfalt vernachlässige den Erhalt der straßenfreien Areale und deren Bedeutung für die biologische Vielfalt. "Da sich die Straßen rasch weiter ausdehnen, ist es dringend notwendig, eine globale Strategie für die wirksame Erhaltung, Restaurierung und Überwachung von straßenfreien Räumen und der in ihnen enthaltenen Ökosysteme zu schaffen und umzusetzen", sagt Ibisch. "Wir fordern die Regierungen dringend auf, die verbleibenden großen und ökologisch wertvollen, straßenfreien Räume zu priorisieren und hier den Bau von Straßen zu vermeiden." Wie nötig ein schnelles Handeln wäre, zeigt die Erfahrung der Wissenschaftler bei ihrer Studie: "Unsere Ergebnisse zum Umfang der straßenfreien Gebiete sind leider inzwischen positiver als die tatsächliche Situation. Wir wissen, dass viele dieser Gebiete bereits kleiner geworden sind", erklärt Ibischs Kollegin Monika Hoffmann.

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