Brexit 1.0 begann vor 450.000 Jahren

Der erste Akt: Gewaltige Wasserfälle stürzten eine Kalksteinbarriere hinab - udn erodierten sie (Grafik: Imperial College London/Chase Stone)
Der zweite Akt: Sturzfluten zerstören die letzte Landbrücke und graben einen tiefen Kanal (Grafik: Imperial College London/ Sanjeev Gupta and Jenny Collier)

Großbritannien nimmt wegen seiner Insellage eine Sonderstellung in Europa ein. Doch wie genau das Land zur Insel wurde, war bisher nur in Teilen geklärt. Jetzt zeigt sich: Die Trennung verlief weitaus dramatischer als bisher angenommen. Denn gleich zwei dramatische geologische Ereignisse zerstörten die letzten Landbrücke zwischen Dover und Calais. Erst erodierten gigantische Schmelzwasserfälle diese Kalksteinbarriere. Dann brach der Damm und eine Sturzflut grub tiefe Kanäle in den Untergrund. Damit war auch die letzte Landbrücke zum Festland durchtrennt.

Dass die Britischen Inseln einst Teil des europäischen Festlands waren, ist schon länger bekannt. Noch vor gut 450.000 Jahren lag dort, wo heute der Kanal Frankreich und England trennt, eine weite, gefrorene Tundrenfläche. Weil damals Gletscher einen großen Teil Nordeuropas bedeckten, lag der Meeresspiegel deutlich tiefer als heute und dieses Gebiet war dadurch Landfläche. Zusätzlich verband ein dicker Kalksteinrücken die Gegend von Dover mit dem heutigen Calais. "Durch diese strukturelle Landbrücke blieb Großbritannien selbst in Zeiten hoher Meeresspiegel mit Europa verbunden", erklären Sanjeev Gupta vom Imperial College London und seine Kollegen. "Der Durchbruch dieser Barriere war daher eine notwendige Bedingung, um die Britischen Inseln zu erschaffen." Bekannt war zudem, dass es zu dieser Zeit östlich dieser Barriere einen großen Schmelzwassersee gab, der weite Teile der heutigen südlichen Nordsee ausfüllte. Der Kalksteinriegel bildete einen Damm gegen das in diesem See angesammelte Schmelzwasser. Wie diese Barriere jedoch zerstört wurde, war bisher strittig. Einige Geologen vermuteten, dass ein Dammbruch und eine darauffolgende katastrophale Sturzflut die Landbrücke zerstörte. Die Mehrheit jedoch ging von einer eher allmählichen Erosion der Kalksteinbarriere aus – auch, weil bisher geologische Detaildaten zum Untergrund im Kanal fehlten. Einigkeit herrschte nur darüber, dass nach der letzten Eiszeit der steigende Meeresspiegel die letzten Reste der Landbrücke überspülten und die Britischen Inseln endgültig vom Festland trennten.

Verdächtige Gruben im Ärmelkanal

Wie die geologische Abtrennung Großbritanniens tatsächlich vonstattenging, haben nun Gupta und seine Kollegen mit Hilfe neuer Daten aufgeklärt. Zehn Jahre lang, von 2002 bis 2012 führten sie dazu mehrfach Messfahrten kreuz und quer durch den Ärmelkanal zwischen Calais und Dover durch – keine leichte Aufgabe in einem der meistbefahrenen Schifffahrtswege der Welt. Mit Hilfe seismischer Messungen und speziellem Sonar kartierten die Forscher dabei die geologische Struktur und Topografie des Meeresgrunds in diesem versunkenen Grenzgebiet zwischen England und Frankreich.

Die Auswertungen der topografischen Daten ergaben gleich mehrere Auffälligkeiten. Zum einen entdeckten die Forscher eine ganze Reihe großer, sedimentgefüllter Gruben im Meeresgrund, die sich fast in einer geraden Linie von Küste zu Küste ziehen. Diese Gruben sind teilweise mehrere Kilometer groß und bis zu 100 Meter tief in den darunterliegenden Fels eingegraben, wie Gupta und seine Kollegen berichten. Schon im Vorfeld des Kanaltunnel-Baus in den 1960er Jahren hatten Geologen einige dieser Gruben entdeckt. Weil sie strukturell zu instabil waren, musste die ursprünglich geplante Tunnelroute sogar eigens wegen dieser Fosse Dangeard getauften Vertiefungen verlegt werden. Wodurch diese Gruben entstanden sein könnte, blieb damals jedoch ungeklärt. Die neuen Daten legen nun nahe, dass es sich um sogenannte Fallkolke handelt – durch die erodierende Kraft von herabstürzendem Wasser ausgehöhlte Becken, wie sie typischerweise am Fuß von Wasserfälle entstehen.

Gupta und seine Kollegen schließen daraus, dass Wasser aus dem Schmelzwassersee an mehreren Stellen über die Kalksteinbarriere strömte und dort in Wasserfällen bis zu 100 Meter in die Tiefe stürzte. "Warum der See damals überlief, wissen wir bisher nicht", erklärt Koautorin Jenny Collier vom Imperial College London. "Vielleicht brach ein Teil des Eispanzers ab, stürzte in den See und erzeugte eine Flutwelle, die sich ihren Weg über die Barriere bahnte." Weil damals gleich mehrere Fallkolken entstanden, muss es mehrere Wasserfälle entlang der Kalksteinbarriere gegeben haben – und sie bestanden lange genug, um sich tief in das Untergrundgestein einzugraben.

Der endgültige Bruch

Doch die Wasserfälle waren erst der erste Akt in der dramatischen Abtrennung Großbritanniens von Europa. Wie die Bathymetrie-Daten aus dem Ärmelkanal ergaben, formte sich später ein tief eingekerbtes Flusssystem westlich der einstigen Kalksteinbarriere zwischen Dover und Calais. Der rund 80 Kilometer lange und bis zu zehn Kilometer breite Lobourg Channel ist bis zu 25 Meter tief in den Felsuntergrund eingekerbt, wie die Forscher berichten. Das urzeitliche Flussbett beginnt in zwei Felsformationen, die wie Amphitheater terrassenartig zu den eingegrabenen Kanälen hin abfallen. "Diese Formation ist in relativ beständige Sandsteinformationen erodiert", berichten Gupta und seine Kollegen. "Das Ausmaß des Lobourg Channels und die charakteristischen Landschaftsformen sprechen dafür, dass Episoden heftiger Sturzfluten nötig waren, um dieses Flusssystem zu graben." Die Wissenschaftler vermuten, dass diese Megafluten ausgelöst wurden, als der Kalksteinriegel zwischen Dover und Calais endgültig durchbrochen wurde. Möglicherweise schwächte die rückschreitende Erosion durch die Wasserfälle im Laufe der Zeit die Barriere, so dass sie irgendwann nachgab. "Das verursachte einen Kollaps der Kalksteinbarriere und löste die Megaflut aus, für die wir in unseren Daten klare Indizien gefunden haben", sagt Collier. 

Letztlich könnte demnach erst diese Verkettung geologischer Umstände dazu geführt haben, dass die Landbrücke zwischen Großbritannien und dem Festland zerstört wurde. Als dann die Eiszeit endete und die Meeresspiegel stiegen, wurde das nunmehr flache Land überspült und Großbritannien wurde endgültig zur Insel. "Der Bruch dieser Landbrücke zwischen Dover und Calais war unzweifelhaft eines der wichtigsten Ereignisse in der britischen Geschichte – und eines, das die Identität unseres Landes bis heute prägt", sagt Gupta. "Ohne diesen dramatischen Durchbruch wäre Großbritannien noch immer Teil Europas. Dies ist der Brexit 1.0 – der Brexit, für den damals niemand abgestimmt hat." Wann genau diese geologischen Ereignisse und in welchem Abstand stattfanden, ist bisher noch nicht eindeutig geklärt. Um das herauszufinden, wollen die Wissenschaftler als nächstes Bohrproben aus den urzeitlichen Fallkolken entnehmen und anhand der Sedimentschichten genauer bestimmen, wann die Vertiefungen entstanden.

Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Rubriken

 


Harte Nuss
Rätsel: Berühmte Entdecker gesucht

 

Der Buchtipp

Der italienische Ökologe und Insektenforscher Gianumberto Accinelli erklärt Dominoeffekte in der Natur kindgerecht und mit einer Prise Humor. Sein Sachbuch ist Wissensbuch des Jahres 2017 in der Kategorie Perspektive.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe