Von Quelle zu Quelle

Wie überlebten unsere Vorfahren ihre langen Wanderungen trotz langer Trockenzeiten? (Grafik: University of Bournemouth)

Schon seit längerem rätseln Anthropologen, wie es die ersten Vormenschen schafften, aus Ostafrika auszuwandern. Denn vor ein bis zwei Millionen Jahren waren weite Landstriche dieser Region extrem trocken und wasserarm. Jetzt könnten Forscher dieses Rätsel gelöst haben: Ein Netz von Grundwasser-gespeisten Quellen könnte unseren Vorfahren auf ihrer Wanderung als Rastplätze und Überlebenshilfe gedient haben.

Ostafrika und vor allem das Gebiet um den Ostafrikanischen Grabenbruch gilt als die Wiege der Menschheit. Hier entwickelten sich Vor- und Frühmenschen wie der Australopithecus oder der Homo erectus - und von hier aus begannen die ersten unserer Vorfahren, auf andere Kontinente auszuwandern. Nach gängiger Theorie kam es zu den frühesten dieser Migrationen vor zwei bis 1,8 Millionen Jahren. Funde unter anderem von Fossilien des Homo erectus in Asien stützen diese Annahme. Bisher rätselhaft war es jedoch, wie diese Frühmenschen dies ausgerechnet in einer eher ungünstigen Klimaperiode schafften. Denn zu dieser Zeit war das Klima in Ostafrika stark vom Monsun geprägt, der in wiederkehrenden Zyklen Jahrtausende andauernde Trockenzeiten verursachte. "Im Ostafrikanischen Grabenbruch, wo die frühesten Hominiden auftreten, ist Trinkwasser in Form von dauerhaft erhalten bleibenden Oberflächengewässern bis heute rar", erklären Mark Cuthbert von der Cardiff University und seine Kollegen. "Die meisten Seen sind salzig oder alkalisch und viele trockneten während der Dürrezeiten aus." Woher die frühen Menschen auf ihren Wanderungen genügend Wasser bekamen, blieb daher bisher ungeklärt.

Quellen als Rastplätze

Jetzt könnten Cuthbert und seine Kollegen dieses Rätsel gelöst haben. Für ihre Studie hatten sie untersucht, ob vom Grundwasser gespeiste Quellen unseren Vorfahren möglicherweise als Wasserlieferanten gedient haben könnten. Dafür analysierten sie die Verteilung und Ergiebigkeit von Süßwasserquellen im heutigen Ostafrika und rekonstruierten daraus mit Hilfe von geologischen und klimatologischen Modellen die frühere Wasserverfügbarkeit. "Heute gibt es in dieser Region mehr als 450 Quellen – und das ist wahrscheinlich noch weit unterschätzt", berichten die Forscher. Ihren Ergebnissen nach hätte rund ein Drittel dieser Quellen selbst dann noch Wasser geliefert, wenn das Klima extrem trocken wurde. "Viele dieser Quellen blieben aktiv, weil die tiefen Grundwasserspeicher wie ein Puffer gegen Klimawechsel wirkten", erklärt Cuthbert. Die Modelle ergaben, dass Quellen, die mehr als 1000 Kubikmeter Wasser pro Jahr lieferten, auch in trockensten Zeiten erhalten blieben.

Aber reichte dies aus, um unsere Vorfahren auf ihren Wanderungen zu versorgen? Um das herauszufinden, führten die Forscher modellgestützte Simulationen durch. In diesen ließen sie virtuelle Menschen durch die damalige Landschaft ziehen, dabei gingen sie davon aus, dass unsere Ahnen bis zu 180 Kilometer in drei Tagen zurücklegen konnten. "Durch unsere Kartierungen sehen wir die Routen, auf denen sich unsere Vorfahren durch die Landschaft bewegt haben könnten – von einer Quelle zur nächsten", sagt Koautor Matthew Bennett von der Bournemouth University. "Die Quellen dienten ihnen als Raststätten auf ihrem Weg, an denen sie ihre lebenswichtigen Wasservorräte auffüllen konnten." Nach Ansicht der Forscher könnten diese vom Grundwasser gespeisten Wasserquellen die Frage beantworten, wie unsere Vorfahren trotz trockenem Klima lange Wanderungen überlebten und Ostafrika verlassen konnten. "Denn die Geologie, und nicht nur das Klima, kontrollieren die Verfügbarkeit von Wasser", betont Cuthbert.

Quellen könnten in unserer Vorgeschichte eine wesentliche Rolle gespielt haben (Vidoe: University of Bournemouth)

Treffpunkt der Populationen

Und noch etwas könnte das urzeitliche Netz der Süßwasserquellen erklären: Wie und wo sich verschiedene Vor- und Frühmenschengruppen trafen und vermischten. "An einigen Orten konnten die Menschen wahrscheinlich nicht sofort weiterziehen", sagt Koautorin Gail Ashley von der Rutgers University. "Sie blieben daher längere Zeit an einer Quelle, bis das Klima wieder feuchter wurde. Denn dann sprudelten wieder mehr Quellen und sie konnten weiterwandern." Nach Ansicht der Forscher ist es durchaus wahrscheinlich, dass an diesen Orten mehrere Gruppen von Frühmenschen aufeinandertrafen und längere Zeit gemeinsam auf besserer Bedingungen warteten. Indirekt beeinflusste das Netz der Quellen damit auch die genetische Zusammensetzung der frühen Populationen – und letztlich vielleicht sogar den Verlauf der menschlichen Evolution.

Eine Frage allerdings bleibt weiterhin offen: "Wir wissen, dass die Menschen damals den Ostafrikanischen Graben hinaufzogen und wir haben jetzt gezeigt, wie dies möglich war", so Ashley. "Aber wir wissen noch immer nicht, warum sie dies taten – bisher kenne wir keinen logischen Grund dafür."

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