Klimawandel: Neue Prognosen für die Meeresspiegel

Die Meeresspiegel steigen - und dies lokal sogar höher als bisher angenommen (Grafik: DNY59/iStock)
Meeresspiegelanstieg bei zwei und fünf Grad Erwärmung. Links: MIttelwert, Rechts: Obere Extremwerte (Grafik: Jevrejeva et al./ PNAS

Passend zum Weltklimagipfel in Marrakesch haben Klimaforscher neue Prognosen für den Meeresspiegel-Anstieg veröffentlicht. Demnach könnte der Meeresspiegel bereits bei einem Temperaturanstieg von zwei Grad bis 2050 im Mittel um 20 Zentimeter ansteigen. Drei Viertel der Küsten jedoch würden einen deutlich stärkeren Anstieg erleben. Darunter wären die US-Ostküste, Norwegen und viele küstennahe Megacities und Ballungsräume in Südostasien.

Seit gestern verhandeln in Marrakesch die Delegierten der 22. Weltklimakonferenz über die technischen Details und die Finanzierung des Klima-Abkommens von Paris. Rückenwind und Ermutigung bekommen sie dabei von der überraschend schnellen Ratifizierung dieses Abkommens: Bereits am 4. November 2016, nicht einmal ein Jahr nach Beschluss, ist das Abkommen offiziell in Kraft getreten. Möglich war dies, weil bis dahin mehr als die nötigen 55 Staaten mit zusammen 55 Prozent der Treibhausgas-Emissionen den Vertrag unterzeichnet und ratifiziert hatten. In dem Abkommen hatten sich die Staaten geeinigt, die globale Erwärmung möglichst auf unter zwei Grad gegenüber den vorindustriellen Werten zu begrenzen.  Der Grund dafür: "Zwei Grad der Erwärmung gilt als Schwelle, ab der die Klimafolgen inakzeptabel stark werden", erklären Svetlana Jevrejeva vom National Oceanography Centre in Liverpool und ihre Kollegen. Angesichts der Tatsache, dass die globale Erwärmung schon jetzt ein Grad erreicht hat, ist fraglich, ob ein Überschreiten dieser Schwelle noch verhindert werden kann. Bisher würden die beim UN-Klimasekretariat eingereichten nationalen Klimaschutzpläne nur ausreichen, um die Erwärmung auf drei Grad zu begrenzen.

Lokal schwere Folgen schon bei zwei Grad

Im Kontext dieser Situation haben nun Jevrejeva und ihre Kollegen neue Prognosen zur Entwicklung der Meeresspiegel veröffentlicht. Ihre Berechnungen zeigen nicht nur, wie sich der globale Pegel der Ozeane verändern könnte, sondern auch, wie sich die lokalen Meeresspiegel für die 136 größten Küstenstädte der Erde entwickeln werden. Denn durch Meeresströmungen, Schwerkrafteffekte von Eiskappen und Gletschern und weitere komplexe Wechselwirkungen kann der lokale Pegel stark von den globalen Durchschnitten abweichen. Die Wahrscheinlichkeits-Analysen der Forscher umfassen die Ergebnisse von 33 Modellen und 5000 Simulationsdurchgängen. Die Ergebnisse zeigen, wie hoch der Meeresspiegel global und in den verschiedenen Regionen steigen würde, wenn bis Mitte des Jahrhunderts zwei Grad Erwärmung und bis 2083 vier Grad Erwärmung erreicht würden – eine Entwicklung, die dem business-as-usual-Szenario des IPCC entspricht.

Das Ergebnis: Wenn die globale Erwärmung bis 2050 zwei Grad erreicht, dann könnten die Meeresspiegel bis Mitte des Jahrhunderts im globalen Mittel um 20 Zentimeter ansteigen. Das entspricht in etwa der oberen Spanne der vom IPCC im letzten Weltklimabericht prognostizierten Entwicklung. Allerdings: "Mehr als 90 Prozent der Küstenregionen werden einen deutlich stärkeren Anstieg erleben", berichten die Forscher. So könnten die Pegel entlang der US-Ostküste und in Norwegen um bis zu 40 Zentimeter ansteigen. Für die deutsche Nordseeküste prognostizieren sie rund 25 Zentimeter bis 2050. Deutlich stärker treffen könnte es dagegen die dicht besiedelten Ballungsräume Süd- und Südostasiens, denn dort senkt sich der Untergrund wegen exzessiver Entnahme von Grundwasser ab und verstärkt damit den Effekt der steigenden Pegel, wie die Forscher erklären. "Bis 2025 wird Jakarta dadurch um 1,80 Meter absinken, Manila um 40 Zentimeter, Bangkok um 19 und New Orleans um 20 Zentimeter", berichten Jevrejeva und ihre Kollegen. Teile dieser Metropolen könnten dadurch bis Mitte des Jahrhunderts unter Wasser liegen.

Örtlich sogar zwei Meter bis 2100

Noch gravierender aber wären die Folgen des Klimawandels gegen Ende des Jahrhunderts, sollten die Temperaturen bis dahin weitgehend ungebremst um rund fünf Grad steigen. Denn dann könnten die meisten Küstenstädte trotz eines globalen Meeresspiegel-Anstiegs von "nur" 90 Zentimetern weitaus höhere Pegel erleben, wie die Simulationen ergaben. Örtlich würde demnach der Meeresspiegel sogar um bis zu zwei Meter ansteigen: "Die Megacities Süd- und Südostasiens könnten im Extremfall eine obere Spanne von knapp zwei Metern erreichen, ebenso einige große Städte entlang der US-Ostküste", so die Wissenschaftler. Auch die ohnehin nur knapp über dem Meeresspiegel liegende Inseln des Pazifiks und Indischen Ozeans müssen sich den Prognosen nach auf solche Szenarien vorbereiten. "Ein solcher Anstieg um zwei Meter wird zu einer Vertreibung der urbanen Bevölkerungen führen – rund 2,5 Millionen aus tiefliegenden Gebieten Miamis, 2,1 Millionen Menschen aus Guangzhou, 1,8 Millionen aus Mumbai und mehr als eine Million aus Osaka, Tokio, New Orleans, New York und Ho-Chi-Minh-Stadt", prognostizieren Jevrejeva und ihre Kollegen.

"Diese Studie zeigt vor allem eines: Wenn die Klimaschutzziele nicht umgesetzt werden und daraus resultierend RCP8.5 eintritt, dann sind die von den Autoren projizierten Meeresspiegel- und Temperaturänderungen mit der entsprechenden Wahrscheinlichkeit zu erwarten", kommentiert Angelika Humbert vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven die Prognosen ihrer Kollegen. Noch aber ließe sich eine solche Entwicklung verhindern - wenn die Menschheit es schafft, aus der bisherigen Emissions- und Temperaturentwicklung auszubrechen. Eine zwei Grad Erwärmung lässt zwar wohl nicht mehr abwenden, wohl aber ein darüber hinaus gehender Klimawandel.  Das Klima-Abkommen von Paris und der Weltklimagipfel in Marrakesch könnten dazu beitragen, dies zu erreichen.

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