Mehr Hochwasserschutz nötig

Hochwasser in Deutschland (Foto: ollo/ iStock)

Die aktuelle Hochwasserlage zeigt es deutlich: Immer häufiger sorgen Regenfälle, Schneeschmelze und andere Wetterereignisse dafür, dass unsere Flüsse über die Ufer treten. Was und wieviel verschiedene Länder und Regionen tun müssen, um ihre Bevölkerung vor der zunehmenden Hochwassergefahr zu schützen, haben nun Forscher erstmals im Detail ermittelt. Demnach muss selbst in Deutschland und anderen Ländern mit relativ gutem Hochwasserschutz noch kräftig nachgerüstet werden.

Die Bedrohung wächst: Durch den Klimawandel und die von ihm geförderten Wetterextreme kommt es immer häufiger zu Hochwasser und Überschwemmungen. Erst 2017 versanken große Teile Asiens durch extreme Monsunregenfälle in den Fluten, hunderte Menschen starben. Die enormen Regenfälle beim Tropensturm Harvey setzten Houston und umliegende Gebiete in Texas unter Wasser. Und aktuell sorgten Tauwetter und anhaltende Regenfälle für Überschwemmungen in Süddeutschland und hohe Pegel vor allem am Rhein. "Weltweit betrachtet hat sich das Hochwasserrisiko und die Anfälligkeit gegenüber dieser Gefahr erhöht", erklären Sven Willner vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK). "Schon heute gehören Überschwemmungen entlang von Flüssen zu den häufigsten und verheerendsten Naturkatastrophen." In vielen Ländern und Regionen wurde der Hochwasserschutz deshalb bereits verstärkt.

Wie verändert sich das Hochwasserrisiko?

Doch ob dies ausreicht und wer in welchem Maße nachbessern muss, um künftige Überschwemmungen zu verhindern, war bisher nur in Teilen bekannt. Willner und seine Kollegen haben nun erstmals bis auf die Ebene einzelner Städte und Regionen hinein ermittelt, wo wieviel getan werden muss, um den Hochwasserschutz zumindest auf dem heutigen Niveau zu halten. Dafür kombinierten sie Daten zum Hochwasserschutz mit zehn hydrologischen und fünf klimatischen Modellen und simulierten, wie sich die maximalen Pegel der Flüsse zwischen 1971 und 2044 entwickelt haben beziehungsweise noch entwickeln werden. Weil das Klimasystem träge reagiert, wird die Entwicklung bis in die 2040er Jahre hinein größtenteils von den Emissionen geprägt, die die Menschheit bereits freigesetzt hat. "Das ermöglicht es uns, die Veränderungen des Überschwemmungsrisikos in den nächsten 25 Jahren unabhängig von möglichen Klimaschutztrends zu berechnen", erklären die Forscher.

Das Ergebnis: "Wir waren überrascht, dass selbst in Industrieländern mit guter Infrastruktur noch große Anpassungen nötig sind", berichtet Koautor Anders Levermann vom PIK. Den Prognosen nach wird sich das Hochwasserrisiko vor allem in Nordamerika, dem Norden Europas und dem Nordosten Asiens in den nächsten Jahrzehnten stark erhöhen. Ohne zusätzliche Schutzmaßnahmen wie verstärkte und erhöhte Deiche, strengere Bauvorschriften und ein verbessertes Flussmanagement könnten in diesen Regionen künftig zehn Prozent mehr Menschen von Überschwemmungen betroffen sein, wie die Forscher ermittelten. In Nordamerika wären es statt heute 100.000 dann bereits eine Million. In Deutschland könnte die Zahl der potenziell Betroffenen um das Siebenfache steigen - von 100.000 auf 700.000, so die Prognose.

Auch Deutschland muss aufstocken

Das bedeutet: In diesen Regionen muss der Hochwasserschutz weiter verbessert werden – selbst wenn er bereits heute relativ gut ist. "Unser Maßstab dabei ist, dass Menschen das Schutzniveau, das sie heute haben, auch in Zukunft behalten wollen", erklärt Levermann. "Sie wollen nicht, dass die Lage schlimmer wird." Um dies zu gewährleisten, muss rechtzeitig aufgerüstet werden: Maßnahmen, die heute gegen alle 20 Jahre auftretende Pegelstände schützen, müssen beispielsweise so angepasst werden, dass sie auch "Jahrhunderthochwassern" standhalten – denn diese werden dank des Klimawandels bald deutlich häufiger auftreten.

Konkret ermittelten die Forscher, dass Norddeutschland seinen Hochwasserschutz um eine bis drei Stufen erhöhen muss, in Frankreich müssen die Gebiete entlang der Rhone, Loire und Seine um mindestens eine Stufe aufstocken. In den USA werden 42 der 50 Bundesstaaten vermehrte Überschwemmungen erleben, wenn sie nicht ebenfalls zwischen einer und drei Stufen aufrüsten, so die Prognose. In Asien trifft es die Regionen besonders, die schon heute unter ständigen Hochwassern leiden: In Pakistan, Indien und Teilen Chinas werden gut 80 Millionen Menschen zusätzlich von Überschwemmungen betroffen sein, wie die Wissenschaftler ermittelten. Will man dies verhindern, muss der dort oft nur sehr rudimentäre Hochwasserschutz erheblich verbessert werden.

"Diese Ergebnisse sollten eine Warnung für Politiker und Entscheider sein", sagt Levermann. "Wenn sie dieses Problem ignorieren, wird es traurigerweise zur Katastrophe kommen." Nur rechtzeitige Anpassungsmaßnahmen können verhindern, dass schon bald Millionen Menschen weltweit zusätzlich ihr Leben, ihre Heimat und ihr Hab und Gut durch Flusshochwasser verlieren werden. Und noch etwas betonen die Wissenschaftler: Ohne Klimaschutz könnte die Lage in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts noch dramatischer werden. "Wenn wir den anthropogenen Klimawandel nicht auf unter zwei Grad Celsius begrenzen, wird das Risiko für Flusshochwasser in vielen Regionen auf ein Niveau steigen, an dass wir uns nicht mehr anpassen können", warnt Willner. "Wenn wir nichts tun, wird es gefährlich."

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