Das ist unser Urahn!

Künstlerische Darstellung von Saccorhytus. (Bild: Credit: S Conway Morris / Jian Han)

Ein riesiger Mund und ein sackartiger Körper - vor 540 Millionen Jahren wuselten seltsame Wesen durch die Sedimente der Ur-Meere, die möglicherweise zu bedeutenden Urahnen in der Evolutionsgeschichte avancierten: Es handelt sich um die frühesten bekannten Vertreter der sogenannten Neumünder, berichten Forscher. Aus diesem Entwicklungszweig gingen letztlich auch die Wirbeltiere bis hin zum Menschen hervor.

Der Baum des Lebens besteht aus Ästchen, die wiederum auf immer größere Zweige zurückgehen. Darin spiegelt sich wider, dass bestimmte Gruppen von Lebewesen aus gemeinsamen Vorfahren entstanden sind. Der Mensch gehört beispielsweise zur Gruppe der Säugetiere - mit Hund, Katze oder Maus sind wir evolutionär betrachtet relativ nahe verwandt. Unsere letzten gemeinsamen Vorfahren mit den Vögeln lebten hingegen deutlich früher in der Evolutionsgeschichte. Allerdings handelte es sich auch bereits bei ihnen um Wirbeltiere, deren gemeinsame Vorfahren wiederum einst aus Meerestieren entstanden sind. Kurzum: Wenn man den Baum des Lebens zurückverfolgt, stößt man an den Verzweigungen auf Lebensformen, die einen Ast hervorgebracht haben – Urahnen ganzer Tiergruppen. Die Forscher um Simon Conway Morris von der University of Cambridge haben nun offenbar ein solches Ur-Wesen identifiziert.

Mikrofossilien mit einschlägigen Merkmalen

Gefunden haben sie die Mikrofossilien in Sedimentgesteinen aus China. Durch mikroskopische und computertomografische Untersuchungen machten sie die bizarren Merkmale dieser bis zu rund einen Millimeter großen Wesen sichtbar. Sie besaßen demnach einen runden, sackartigen Körper mit einem großen Mund. Die Forscher gaben ihnen deshalb den Namen Saccorhytus. Sie fanden Hinweise darauf, dass die winzigen Tierchen Muskelgewebe besaßen, das ihnen rhythmische Bewegungen ermöglichte, mit denen sie sich durchs Wasser fortbewegten. Vermutlich lebten sie im Sediment und verleibten sich dort mit ihrem großen Mund Nahrungspartikel ein. Wie die Forscher berichten, verfügte Saccorhytus aber kurioserweise noch nicht über einen Anus – vermutlich schieden sie ihre Stoffwechselendprodukte wieder über dass Maul aus.

Den Wissenschaftlern zufolge geht aus den Merkmalen dieser Wesen hervor: Es war die die bisher primitivste bekannte Form von Neumündern (Deuterostomia). Es handelt sich dabei um den übergeordneten Stamm der sogenannten Bilateria (Zweiseitentiere), zu denen die Stachelhäuter und die Chordatiere gehören, denen letztlich auch die Wirbeltiere zuzuordnen sind. Den Forschern zufolge könnte es gut möglich sein, dass die Evolutionsgeschichte der Neumünder auf Saccorhytus fußt. Mit anderen Worten: Letztlich gehen auch wir Menschen auf diese Art von Wesen zurück, die vor etwa 540 Millionen Jahren zu Beginn des Erdzeitalters Kambrium gelebt haben.

Vorstufen von Kiemen?

Große Ähnlichkeit scheinen wir mit ihnen zwar nicht mehr zu haben - doch es gibt durchaus bemerkenswerte Gemeinsamkeiten. Neben dem klar zu erkennenden Mund ist es der symmetrische Körperbau: Wie bei uns, war auch bei Saccorhytus bereits die eine Seite ein Spiegelbild der anderen. Die Forscher identifizierten außerdem acht kleinere Öffnungen am Körper der Tierchen, über die sie vermutlich Wasser abgaben, das sie beim Fressen aufgenommen haben. Ihnen zufolge könnten sie Vorläufer der Entwicklung von Kiemen gewesen sein, die bei der Evolutionsgeschichte der Wirbeltiere große Bedeutung erlangen sollten.

"Wir glauben, dass diese frühe Form der Deuterostomia den primitiven Anfang der Entwicklung zu einem breiten Spektrum von Arten repräsentiert", resümiert Conway Morris. Sein Kollege Degan Shu von der Northwest University in Kirkland ergänzt: "Saccorhytus ermöglicht uns nun Einblicke in die sehr frühen Stufen einer Evolutionsgeschichte, die erst zu den Fischen und schließlich am Ende auch zu uns geführt hat."

Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Rubriken

 


Harte Nuss
Rätsel: Berühmte Entdecker gesucht

 

Der Buchtipp

Eine kurzweilige Führung durch den Bienenstock mit einer erhellenden Dosis Wissenschaft – das bietet das Buch "Die Honigfabrik" von Jürgen Tautz.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe