Evolution der Wale: Ur-Sieb-Gebiss entdeckt

Blick auf das markante Gebiss von Coronodon havensteini. (Foto: Geisler et al.)

Sie stellen sogar die Dinosaurier "dicke" in den Schatten: Die Bartenwale sind die Rekordgiganten des Tierreichs. Gespeist wird dieser Gigantismus durch eine raffinierte Ernährungsweise: Statt Zähnen besitzen sie Barten im Maul, mit denen sie Krebschen aus dem Wasser sieben. Wie sich dieses System entwickelt hat, belegt nun der Fund eines 30 Millionen Jahre alten Vertreters aus dem Stammbaum der Bartenwale. Offenbar entwickelte sich das Filterkonzept schon vor der Entwicklung der Barten: Zunächst erfüllten noch "Sieb-Zähne" deren Funktion.

Was die Ausbeute betrifft, ist es wohl das effizienteste System, das die Evolution jemals hervorgebracht hat: Die Barten können so viel Nahrung liefern, dass sie den ultimativen Rekordgiganten der Tierwelt speisen: den bis zu 200 Tonnen schweren und über 30 Meter langen Blauwal. Das Erfolgskonzept: Die insgesamt 15 Vertreter der Bartenwale schwimmen in Schwärme von kleinen Beutetieren, öffnen dabei ihr Maul und ziehen gleichzeitig ihre riesige Zunge zurück, so dass Wasser samt Beute in den flexiblen Kehlsack strömt. Anschließend drücken sie den Inhalt durch ihre Barten. Es handelt sich dabei um bis zu 400 federartig gefaserte Einheiten, die wie ein Sieb die Nahrung aus dem Wasser filtern.

Zahnlose Ur-Bartenwale?

Durch Fossilienfunde von frühen Vertretern aus dem Stammbaum der Wale ist bekannt, dass diese Säugetiere noch Zähne besaßen. Unklar ist, ob die Vorfahren der Bartenwale diese Zähne verloren und zunächst zahnlos Nahrung einsaugten, bevor sich die Barten entwickelten. Die andere Möglichkeit ist, dass sie zunächst ihre Zähne behielten und sich parallel dazu die Barten entwickelten. Die aktuelle Studie spricht nun eindeutig für letztere Version des evolutionären Ablaufs.

Den Einblick ermöglichte ein spektakuläres Fossil, das ursprünglich ein Hobbytaucher in einem Fluss in South Carolina entdeckt hat. Datierungen zufolge schwamm das Tier vor etwa 30 Millionen Jahren durch die ozeanische Region, die sich einst an seinem Fundort befand. Nun berichten die Forscher um Jonathan Geisler vom New York Institute of Technology von der detaillierten Untersuchung dieses Meeressäugers. Wie sie erklären, weisen ihn Merkmale seines rund einen Meter langen Schädels als einen frühen Vertreter aus dem Stammbaum der Bartenwale aus. Die namensgebenden Barten besaß er allerdings noch nicht – dafür aber ein ausgesprochen seltsames Gebiss.

Erst Siebzähne – später kamen die Barten

Er besaß im vorderen Bereich des Kiefers Zähne, die offenbar durchaus noch zum Schnappen von Beutetieren gedient haben. Das Besondere an seinem Gebiss waren aber die Merkmale der Backenzähne: Sie besaßen die Form eines gezackten Fächers. Wie die Forscher erklären, dienten die Schlitze wohl dem Durchfluss des Wassers beim geschlossenen Gebiss. Auf diese Weise erfüllten die Zähne eine Siebfunktion, erklären die Forscher. Detailanalysen bestätigten zudem: "Der Verschleiß der Backenzähne dieses Exemplars zeigt, dass sie nicht zum Scheren von Nahrung oder zum Beißen von Beute verwendet wurden", sagt Geisler.

Somit zeichnet sich ab: "Unsere Studie belegt, dass die Vorfahren der Bartenwale ihre großen komplexen Zähnen für die Filterung nutzten und dass dann erst die Barten allmählich die Zähne über Millionen von Jahren ersetzten", resümiert Geisler. Er und seine Kollegen hoffen nun auf weitere Fossilienfunde, die diese Evolutionsgeschichte ausführlicher belegen.

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