Ein neuer Urzeit-Menschenaffe

Der Schädel des in Kenia entdeckten Nyanzapithecus alesi (Foto: Isaiah Nengo)

Der Fund eines Primaten-Fossils in Kenia hat eine bisher klaffende Lücke im Stammbaum der Menschenaffen und Menschen geschlossen. Denn der Schädel gehörte einem 13 Millionen Jahre alten Urzeit-Menschenaffen – es handelt sich um den am vollständigsten erhaltene Schädel eines ausgestorbenen Menschenaffen überhaupt. Er stammt von einem Jungtier, das bereits im Alter von gut einem Jahr gestorben sein muss. Mit seiner kurzen Schnauze und dem relativ großen Gehirn ähnelte es bereits heutigen Menschenaffenbabys.

Das Miozän, die Zeit vor 23 bis fünf Millionen Jahren, war eine entscheidende Phase in der Entwicklungsgeschichte der Primaten. Denn in dieser Zeit entstanden mehr als 40 neue Arten – darunter auch die Vorfahren der Menschenaffen und der Menschen. Doch warum und wie damals diese wichtigen Entwicklungsschritte abliefen, liegt bis heute im Dunkeln. Der Grund: "Nur von rund einem Drittel der damaligen Arten wurden Schädelteile gefunden", berichten Isaiah Nengo von der Stony Brook University in New York und seine Kollegen. "Aus der Zeit vor 14 bis 19 Millionen Jahren gibt es überhaupt keine Schädelfossilien." Doch oft lässt sich der Entwicklungsstand und die Zugehörigkeit eines frühen Hominoiden – die Gruppe zu der Menschenaffen und Menschen zusammengefasst werden - nur an den Schädelmerkmalen erkennen. Als Folge dieser Fossillücke sind die Evolutionsschritte der gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Menschenaffen weitgehend unbekannt. Klar ist zwar, dass der letzte gemeinsame Vorfahre von Schimpansen und Menschen irgendwann vor rund sechs bis sieben Millionen Jahren lebte. Doch von den davor lebenden Hominoiden gibt es bisher nur einzelne Zähne, Kieferknochen oder gar keine Fossilien.

Schädel eines Hominoiden-Babys

Der neue Fund trägt nun dazu bei, diese Lücke in der Stammesgeschichte zu schließen. Er glückte einem kenianischen Fossiliensammler im Jahr 2014: Bei Ausgrabungen in der Region Napudet westlich des Turkana-Sees in Kenia stieß er in 13 Millionen Jahre alten Gesteinsschichten auf den Schädel eines Primaten. Nähere Untersuchungen unter anderem mittels Röntgentomografie enthüllten, dass es sich um den außergewöhnlich gut erhaltenen Schädel eines urzeitlichen Menschenaffen-Babys handelt. "Wir konnten Hirnhöhle, Innenohr und die noch nicht durchgebrochenen bleibenden Zähne mit ihren täglichen Wachstumslinien sichtbar machen", berichtet Koautor Paul Tafforeau von der European Synchrotron Radiation Facility (ESRF) in Grenoble. "Die Qualität unserer Bilder war so gut, dass wir anhand der Zähne herausfinden konnten, dass das Kind etwa ein Jahr und vier Monate alt war, als es starb."

Die Analyse der Schädelmerkmale ergab, dass es sich um eine bisher unbekannte Art von ausgestorbenen Menschenaffen handelt. Die Forscher ordnen ihn der Gattung Nyanzapithecus zu – einer Gruppe von Urzeit-Primaten, deren Stellung im Stammbaum bisher unklar war. "Bisher waren alle Nyanzapithecus-Arten nur durch ihre Zähne bekannt. Daher blieb es offen, ob sie überhaupt schon Menschenaffen waren oder nicht", erklärt John Fleagle von der Stony Brook University. Der Fund des Nyanzapithecus alesi getauften Affenbabys kann nun diese Frage endlich klären. Denn: "Der Schädel besitzt bereits voll entwickelte knöcherne Gehörgänge", berichtet Ellen Miller von der Wake Forest University. "Das ist ein wichtiges Merkmal, das ihn mit den heute lebenden Menschenaffen verbindet." Das spricht nach Ansicht der Forscher dafür, dass Nyanzapithecus alesi zu den gemeinsamen Vorfahren der Menschen und heutigen Menschenaffen gehörte. Ein weiteres Indiz dafür: Der Schädel des Fossils ist zwar nur so groß wie eine Zitrone, aber mit einem Volumen von 101 Millilitern hatte dieser Ur-Menschenaffe bereits ein fast dreimal so großes Gehirn wie die damals lebenden "normalen" Affen.

"Die Entdeckung von Alesi zeigt, dass diese Gruppe dem Ursprung heute lebender Menschenaffen und Menschen sehr nahe war und dass dieser Ursprung afrikanisch war", konstatiert Nengo. Der neuentdeckte Urzeit-Menschenaffe sah mit seinen großen Augen, der kurzen Schnauze und kleinen Nase einem heutigen Baby-Gibbon schon erstaunlich ähnlich, wie die Paläontologen berichten. Im Gegensatz zu diesen agilen Baumbewohnern schwang er sich aber wohl nicht so gewandt durchs Geäst: "Das Innenohr von Nyanzapithecus alesi zeigt, dass er sich wohl langsamer und vorsichtiger fortbewegt haben muss", sagt Koautor Fred Spoor vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

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