Warum starben die Wollnashörner aus?

Wollnahsörner waren ein prägendes Tier der Eiszeit, doch dann starben sie aus. (Grafik: aleks_1949/iStock)

Während der letzten Eiszeit war das Wollnashorn einer der typischen Bewohner der Kältesteppen Europas. Doch als sich das Klima änderte und es wieder wärmer wurde, starben diese großen Pflanzenfresser gemeinsam mit den Mammuts aus. Wie schlecht es den letzten Wollnashörnern ging, enthüllen nun die fossilen Knochen dieser Eiszeitriesen: Auffallend viele Wollnashörner besaßen eine Fehlbildung der Nackenwirbel, die auf Inzucht, Hunger und harte Umweltbedingungen hindeutet.

Zusammen mit dem Wollhaarmammut gehörte das Wollnashorn (Coelodonta antiquitatis) zu den Charaktertieren der eiszeitlichen Kältesteppen. Schon in den Höhlenmalereien aus der Altsteinzeit, beispielsweise der Grotte von Chauvet in Frankreich, sind Wollnashörner dargestellt. Der Pflanzenfresser wurde bis zu 1,70 Meter hoch und 3,60 lang. Mit seinem robusten Körperbau, dem dichten, dicken Fell und den kräftigen Muskeln war dieser urzeitliche Verwandte des Sumatra-Nashorns perfekt an die Kälte und offenen, ungeschützten Steppenlandschaften der Eiszeit angepasst. Aus Funden von Fossilien im Permafrost Sibiriens, aber auch in Sedimenten der Nordsee, sind Körperbau und Merkmale dieser Nashörner gut bekannt. Doch am Ende der Eiszeit, vor rund 12.000 Jahren, verschwand diese erfolgreiche Art plötzlich – ähnlich wie die Mammuts starben auch die Wollnashörner aus. Die genauen Ursachen für das Verschwinden dieser Megafauna sind bis heute umstritten. Einige Forscher sehen die Klima- und Vegetationsveränderungen beim Übergang zu heutigen Warmzeit als Hauptursache, andere halten eine starke Bejagung durch den Menschen zumindest für mitschuldig. Jetzt könnte eine vergleichende Studie von Wollnashorn-Skeletten neue Einblicke in die Endzeit dieser Eiszeittiere geben.

Eine Zusatzrippe am siebten Nackenwirbel

Den Anstoß gab eine Studie an Mammutknochen, die Frietson Galis vom Naturalis Zentrum für Biodiversität in Leiden kurz zuvor durchgeführt hatte. Dabei war ihm aufgefallen, dass gerade die letzten Vertreter der Mammuts in Europa besonders häufig eine Fehlbildung besaßen: Der siebte, unterste Nackenwirbel war bei ihnen in einen Brustwirbel umgewandelt, erkennbar an einer ganz oder teilweise ausgebildeten Rippe. "Diese sogenannte Cervicalrippe ist selbst relativ harmlos, aber ihre Präsenz ist meist mit vielfachen und teilweise schweren angeborenen Fehlbildungen verknüpft", erklären Galis und seine Kollegin Alexandra van der Geer. Aus Beobachtungen bei heutigen Tieren weiß man, dass diese Fehlbildung durch genetische oder umweltbedingte Störungen in der frühen Embryonalentwicklung entstehen. Der Fund dieser Halsrippe bei den letzten Mammuts könnte daher ein Indiz dafür sein, dass ihre Population bereits extrem geschrumpft war und Inzucht und schlechte Lebensbedingungen der Mutter diese Fehlbildungen hervorrief.

"Diese Entdeckung weckte unsere Neugier und wir wollten auch beim Wollnashorn nach ähnlichen Anzeichen suchen", berichtet van der Geer. "Denn wie das Mammut lebte das Wollnashorn während des späten Pleistozäns und starb dann ebenfalls aus." Für ihre Studie analysierten die Forscher die Nackenwirbel von 32 Wollnashornskeletten, die an der Nordseeeküste und den Flussmündungen der Niederlande gefunden worden waren. Sie stammten aus der Zeit bis vor rund 36.000 Jahren – der Zeit, in der die letzten dieser Nashörner aus dem westlichen Mitteleuropa verschwanden. "Wir wissen, dass dies die letzten Vertreter der Wollnashörner in dieser Gegend gewesen sein müssen", so van der Geer. "Wir hatten daher den Verdacht, dass auch mit ihnen etwas nicht stimmen könnte – ähnlich wie bei den Mammuts." Die Wissenschaftler verglichen die fossilen Wirbel mit denen aus 56 Skeletten heute noch lebender Nashornarten.

Doppelte Härte

Das Ergebnis: "Unsere Arbeit zeigt, dass es tatsächlich ein Problem in dieser Wollnashorn-Population gegeben hat", sagt van der Geer. Denn acht der 32 fossilen Nashorn-Nackenwirbel waren ganz oder teilweise zu Brustwirbeln umgebildet. Einige dieser Wirbel trugen relativ große, lange Halsrippen. "Mit einem Anteil von 15,6 Prozent ist dies signifikant mehr als bei den noch lebenden Nashornarten, bei denen wir keine einzige Fehlbildung fanden", berichten die Forscher. Ihrer Ansicht nach deutet dies darauf hin, dass die letzten Wollnashörner Mitteleuropas bereits kurz vor ihrem Aussterben beträchtliche Schwierigkeiten hatten. 

"Als Ursache dafür kommen zwei Faktoren in Frage: Zum einen könnte es auf eine starke Inzucht in der schrumpfenden Population der Nashörner hindeuten", so die Wissenschaftler. Genmutationen, die die Fehlbildung der Wirbel begünstigen, konnten sich dadurch in der genetisch verarmten Population stärker ausbreiten. Ähnliches sei schon bei der Inzucht von Rassehunden beobachtet worden. Ein zweiter Faktor könnten ungünstige Umweltbedingungen gewesen sein. Wenn die Nashornmütter dadurch Hunger litten oder unter anderen Stressfaktoren, könnte dies die Entwicklung ihrer ungeborenen Jungen gestört haben. "Solche harten Bedingungen sind für das späte Pleistozän, eine Periode starker Klimaschwankungen und instabiler Ökosysteme, sehr plausibel", sagen van de Geer und Galis. Ihrer Ansicht nach könnte eine Kombination dieser beiden Faktoren hinter der Wirbel-Fehlbildung bei den letzten Mammuts und Wollnashörnern stehen - und letztlich auch ihr Aussterben verursacht haben.

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