Uraltes Wissen im Immunsystem

 Die Spanische Grippe forderte 1918 wahrscheinlich mehr als 25 Millionen Todesopfer weltweit. Bild: National Museum of Health and Medicine, Washington
Die Spanische Grippe forderte 1918 wahrscheinlich mehr als 25 Millionen Todesopfer weltweit. Bild: National Museum of Health and Medicine, Washington
Das Immunsystem des Menschen kann ein extrem langes Gedächtnis für vergangene Virusinfektionen haben: Amerikanische Forscher haben aus dem Blut von Überlebenden der Spanischen Grippe des Jahres 1918 Antikörper isoliert, die auch noch 90 Jahre später das die Pandemie verursachende Virus 1918 H1N1 in Schach halten. Mit dem Virus infizierte Mäuse überlebten nur dann, wenn sie eine Injektion der menschlichen Antikörper erhielten. Die Forscher um James Crowe von der Vanderbilt-Universität in Nashville zeigten sich überrascht von dem langen Immungedächtnis der mittlerweile hundert Jahre alten Überlebenden. Sollte der Erreger der Spanischen Grippe oder verwandte Viren wieder auftauchen, so lassen sich mit den Erkenntnissen Impfstoffe entwickeln.
Die Forscher spürten für ihre Studie insgesamt 32 Menschen im Alter von 91 bis 101 Jahren auf, die sich an grippekranke Familienmitglieder erinnern konnten. Sie waren zu jener Zeit zwei bis zwölf Jahre alt. Von diesen Testpersonen nahmen die Forscher Blutproben und brachten diese mit Stoffwechselprodukten des Virus zusammen. Diese Proteine konnten die Forscher herstellen, da der Virus 1918 H1N1 kürzlich rekonstruiert werden konnte. Im Labor konnten die Forscher zunächst zeigen, dass weiße Blutkörperchen der Art der T-Lymphozyten Antikörper gegen die Proteine bilden. Die über 90-Jährigen verfügten also noch über eine Immunantwort auf das Virus.

Im nächsten Schritt vervielfachten die Forscher die Antikörpermenge und untersuchten sie auf eine therapeutische Wirkung im Mäuseversuch. Sie infizierten die Mäuse mit dem rekonstruierten Virus 1918 H1N1 und injizierten nach einem Tag die Antikörper. Dadurch entkamen die Nager dem Tod. Die Forscher untersuchten, ob die Antikörper auch Infektionen mit anderen Virusvarianten des Typs H1N1 in Schach halten, die im 20. Jahrhundert auftraten. Da hier nur eine geringe bis gar keine Reaktion auftrat, sind die Forscher weitgehend sicher, dass die Testpersonen tatsächlich über 90 Jahre hinweg ihre Grundimmunisierung gegen die Spanische Grippe erhalten haben. Die Forscher hoffen, ihre Erkenntnisse für die Impfstoffentwicklung nutzbar zu machen. Die Spanische Grippe raffte in den Jahren 1918 bis 1920 weltweit mehr als 25 Millionen Menschen dahin.
James Crowe (Vanderbilt-Universität in Nash) et al.: Nature Medicine, DOI: 10.1038/nature07231

ddp/wissenschaft.de ? Martin Schäfer


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