Die guten Seiten von ADHS

 Ein Teil der Ariaal lebt in Kenia immer noch nomadisch. Forscher fanden heraus, dass eine Genvariante, die auch für ADHS verantwortlich ist, ihnen möglicherweise einen Vorteil bringt.
Ein Teil der Ariaal lebt in Kenia immer noch nomadisch. Forscher fanden heraus, dass eine Genvariante, die auch für ADHS verantwortlich ist, ihnen möglicherweise einen Vorteil bringt.
Die genetische Veranlagung für das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS
könnte in der Evolutionsgeschichte des Menschen durchaus auch Vorteile für die Betroffenen gehabt haben. Darauf deuten Gentests amerikanischer Forscher an ursprünglich lebenden Nomaden in Kenia hin. Menschen mit einer Genvariante, die mit dem Auftreten von ADHS in Verbindung gebracht wird, waren im Schnitt besser ernährt, beobachteten die Wissenschaftler. ADHS könnte dem Lebenswandel eines umherziehenden Nomaden, der ständig auf der Suche nach Nahrung und Wasser ist, zugutekommen und hätte sich daher während Evolution des Menschen erhalten und sogar verbreitet, vermuten die Wissenschaftler.
Das betreffende Gen trägt die Informationen für den Bau von Rezeptoren im Gehirn, die auf den Botenstoff Dopamin reagieren. Es beeinflusst somit sowohl Eigenschaften wie Impulsivität, Neugierde oder Unruhe, als auch die Fähigkeit, das Verlangen nach Nahrung zu kontrollieren. Das Gen kann in mehreren Varianten auftreten, von denen eine dafür bekannt ist, ein solches impulsives Verhalten und damit auch das ADHS genannte Syndrom zu begünstigen.

Die Forscher nahmen nun Genproben von zwei Gruppen der im Norden Kenias lebenden Ariaal, einem Volk, das teilweise noch nomadisch lebt, sich zum Teil jedoch schon fest niedergelassen hat. Bei den insgesamt rund 150 Vertretern beider Lebensweisen beobachteten die Forscher keine Unterschiede in der Häufigkeit der Genvariante, die das Auftreten von ADHS begünstigt. Beim Body-Mass-Index (BMI) als Maß für den Ernährungszustand ergab sich jedoch ein deutlicher Unterschied: Die nomadisch lebenden Probanden mit der Genvariante waren besser ernährt als ihre Stammesangehörigen ohne diese Veranlagung für ADHS. Bei den sesshaften Probanden war es genau umgekehrt, und die Veranlagung erwies sich als nachteilig für die körperliche Verfassung.

Die für Träger der Genvariante typischen Verhaltensweisen wirkten sich nur bei Nomaden positiv aus, bei denen das unstete Umherziehen zum Überlebenskonzept gehöre, erklären die Wissenschaftler. Doch schon bei den sesshaft gewordenen Ariaal bringe diese Genvariante bereits Nachteile mit sich, da die Träger der Variante sich weniger gut auf Landwirtschaft oder Handel konzentrieren könnten.

Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADS oder auch ADHS tritt in den Industrieländern bei drei bis neun Prozent aller Kinder auf, wobei Jungen häufiger betroffen sind als Mädchen. Es äußert sich unter anderem in Konzentrationsstörungen, emotionaler Unberechenbarkeit und Gedächtnisproblemen. Wie genau es zustande kommt, ist bislang unklar. Wissenschaftler gehen jedoch von einer starken genetischen Komponente aus, deren Auswirkungen durch die Lebensumstände verstärkt oder auch unterdrückt werden können.
Dan Eisenberg (Northwestern University in Evanston) et al.: BMC Evolutionary Biology, Online-Vorabveröffentlichung

ddp/wissenschaft.de ? Ulrich Dewald


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