Zweiter Frühling für Nervenzellen

Der gegen Depressionen eingesetzte Medikamentenwirkstoff Fluoxetin kann das Gehirn anregen, sich neu zu verschalten. Bei erwachsenen Mäusen mit Schwachsichtigkeit haben sich die visuellen Gehirnbereiche regeneriert und die Sehschwäche ausgeglichen, haben Forscher herausgefunden. Bei Schwachsichtigkeit wertet das Gehirn nur die Informationen eines Auges aus, während das andere ungenutzt bleibt. Die Forscher sehen darin einen Hinweis, dass die sogenannte Plastizität ? jene Eigenschaft des Gehirns, sich neu zu verschalten ? auch bei erwachsenen Menschen von außen gezielt angeregt werden kann. Damit könnten Therapieideen für Degenerationserkrankungen des Gehirns bis hin zu Alzheimer entwickelt werden.
Die Forscher griffen zu einer drastischen Methode, um die Schwachsichtigkeit bei Mäusen einzustellen: Sie nähten den Jungtieren ein Auge zu. Später entfernten sie die Naht und schlossen das andere Auge. Sie gaben den Mäusen dann vier Wochen lang das Antidepressium Fluoxetin. Durch Messen der Gehirnströme und durch Verhaltenstests konnten die Forscher zeigen, dass das Gehirn der ausgewachsenen Mäuse gelernt hat, beide Augen wieder gleichberechtigt zu benutzen. Die Forscher führen das auf die sogenannte Plastizität des Gehirns zurück, die Nervenzellen neu zu verknüpfen. Bei erwachsenen Mäusen wie auch Menschen ist diese Plastizität weniger ausgeprägt als bei Jungen. Mit dem Antidepressivum wurden die Nervenzellen gewissermaßen in ein jugendliches Stadium zurückversetzt, von dem aus sie sich neu verschalten konnten, vermuten die Forscher.

Aus dem Versuch könnten neue Therapien für erwachsene Menschen abgeleitet werden, die unter Schwachsichtigkeit leiden. Meist wird diese Erkrankung schon im frühesten Kindesalter behandelt: Die kleinen Patienten bekommen das starke Auge mit einer Klappe abgedeckt, damit das Gehirn die Verbindungen zum schwachen Auge verstärkt. Bei erwachsenen Patienten funktioniert das nicht mehr. Hier könnten Antidepressiva aus der Stoffgruppe der Fluoxetine helfen, die wegen ihrer Nebenwirkungen bei Kindern und Jugendlichen nicht verschrieben werden, hoffen die Forscher. Andere Mediziner sind indes skeptisch. Sie meinen, dass Schwachsichtigkeit nicht mit dem bloßen Zunähen von Mäuseaugen simuliert werden könne. Die Forscher wollen nun ihre Ergebnisse untermauern und auf andere Degenerationskrankheiten des Gehirns übertragen.
José Fernando Maya Vetencourt (Scuola Normale Superiore, Pisa) et al.: Science, Bd. 320, S. 385

ddp/wissenschaft.de ? Martin Schäfer


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