Was einer Entscheidung vorausgeht

Bereits mehrere Sekunden vor einer bewussten Entscheidung können erste Anzeichen einer Absicht an der Hirnaktivität abgelesen werden. Das haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig bei Hirnscans an Freiwilligen herausgefunden. Aus der Aktivität eines bestimmten Gehirnbereichs im Vorderhirn konnten die Wissenschaftler bereits sieben Sekunden vor der bewussten Entscheidung einer Testperson voraussagen, welche Hand diese in einem Versuch einsetzen wird.
In der Studie konnten die Probanden frei entscheiden, ob sie einen Knopf mit ihrer rechten oder der linken Hand betätigen. Auch den Zeitpunkt des Drückens wählten sie frei. Anschließend gaben sie an, zu welchem Zeitpunkt sie gefühlsmäßig ihre Entscheidung getroffen hatten. Im Durchschnitt berichteten die Studienteilnehmer, dass sie die Entscheidung, welche Hand sie benutzen, innerhalb einer Sekunde vor dem Drücken gefällt hätten. Durch Messungen der Aktivität im frontopolaren Cortex, einer Region im vorderen Hirnbereich, konnten die Wissenschaftler aber schon sieben Sekunden vor dieser bewussten Entscheidung vorhersagen, welche Hand die Testperson einsetzen würde. Auch eine Region des Scheitellappens
sei an dieser frühen Entscheidungsfindung beteiligt, berichten die Forscher. Nach der Vorbereitung der Entscheidungsfindung im frontopolaren Cortex werden die Informationen zur Ausführung der Tätigkeit anschließend in andere Hirnbereiche übermittelt.

Die Entscheidungen der Testpersonen ließen sich zwar nicht mit Sicherheit voraussagen, doch die Trefferquote lag deutlich über dem Wert, der bei einer zufälligen Auswahl erreicht worden wäre, berichten die Forscher. Dies deute darauf hin, dass sich die Entscheidung schon zu einem gewissen Grad unbewusst angebahnt hatte, aber noch nicht endgültig gefallen war. "Von unseren Entscheidungen glauben wir in der Regel, dass wir sie bewusst fällen. Diese Annahme ist mit unserer Studie infrage gestellt", sagt John-Dylan Haynes, einer der beteiligten Forscher. Dass selbst gewählte Entscheidungen schon derart früh angebahnt werden, habe man bisher nicht für möglich gehalten.

Schon vor über 20 Jahren hatte der amerikanische Neurophysiologe Benjamin Libet ein Signal im Gehirn gemessen, das einer bewussten Entscheidung um einige Millisekunden vorausging. Libets Ergebnisse hatten eine heftige Debatte darüber ausgelöst, ob der freie Wille nur eine Illusion ist. Die Daten von Libet waren allerdings umstritten. Manche Wissenschaftler hatten bezweifelt, dass sich ein Unterschied von nur einigen 100 Millisekunden sicher messen lässt. Die Ergebnisse der aktuellen Studie könnten diese Zweifel nun ausräumen, da weit längere Zeiträume beobachtet wurden. Einen endgültigen Beweis für die Nichtexistenz eines freien Willens sehen die Forscher darin aber noch nicht. "Nach unseren Erkenntnissen werden Entscheidungen im Gehirn zwar unbewusst vorbereitet. Wir wissen aber nicht, wo sie endgültig getroffen werden", sagt John-Dylan Haynes.
Chun Siong Soon (Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig) et al.: Nature Neuroscience, Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1038/nn.2112

ddp/wissenschaft.de ? Michael Böddeker


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