Was Wörter konservativ macht

Je häufiger ein Wort im täglichen Sprachgebrauch verwendet wird, desto seltener verändert es sich im Laufe der Zeit und desto ähnlicher klingt das Wort in unterschiedlichen Sprachen. Das konnten zwei Forschergruppen mit Hilfe mathematischer Modelle zeigen. Erez Lieberman von der Harvard-Universität und seine Kollegen untersuchten, wie sich die Vergangenheitsformen englischer Verben in den vergangenen 1.500 Jahren veränderten. Die Forscher um Mark Pagel von der Universität Reading verglichen dagegen Wörter, die in unterschiedlichen Sprachen dieselbe Bedeutung haben. Mit ihren Modellen möchten die Wissenschaftler auch zukünftige Veränderungen der Sprache vorhersagen.
Die Forscher um Lieberman untersuchten 177 Verben, deren Vergangenheitsformen in der Altenglischen Sprache vor rund 1.200 Jahren unregelmäßig gebildet wurden. Im Mittelenglischen, das im 12. bis 15. Jahrhundert gesprochen wurde, wurden noch 145 dieser Verben unregelmäßig gebeugt, heute sind es nur noch 98. Bei allen anderen wird mittlerweile die regelmäßige Endung "ed" angehängt. Je häufiger ein Verb dabei verwendet wird, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass es noch heute genauso benutzt wird wie vor tausend Jahren, erklären die Forscher. Mit diesem Wissen lasse sich auch die Zukunft englischer Verben vorhersagen: Während bei Wörtern wie "to be" oder "to have" wohl niemals regelmäßige Vergangenheitsformen entstehen würden, könnten seltene Verben wie "to shrive", eine veraltete Bezeichnung für "beichten", schon in dreihundert Jahren regelmäßig gebeugt werden.

Häufig benutzte Wörter wie Zahlen klingen in unterschiedlichen Sprachen oft sehr ähnlich, konnten die Wissenschaftler um Pagel zeigen. Ein eher seltenes Wort wie "Schwanz" unterscheidet sich hingegen deutlich von seinen Entsprechungen im Englischen ("tail") oder Französischen ("queue"). Die Forscher untersuchten zweihundert Wörter in 87 indogermanischen Sprachen. Die indogermanischen Sprachen entstanden aus einer gemeinsamen Muttersprache, dem Ur-Indogermanischen. Dabei setzten sich neue Bezeichnungen für bestimmte Begriffe wesentlich schneller durch, wenn ein Wort nur selten benutzt wird, erklären die Wissenschaftler.

Warum sich häufig benutzte Wörter nur langsam weiterentwickeln, können die mathematischen Modelle der Forscher allerdings nicht erklären. Wahrscheinlich werden neue Begriffe schneller akzeptiert, wenn auch die ursprüngliche Bezeichnung nur selten verwendet wird, vermutet der Linguist Tecumseh Fitch von der Universität von St. Andrews in einem Kommentar zu den Analysen der Forscher. Andererseits würden bei seltenen Wörtern leichter Fehler, etwa in der Aussprache, gemacht, die sich dann im täglichen Sprachgebrauch durchsetzen könnten.
Erez Lieberman (Harvard-Universität) et al.: Nature, Band 449, Seite 713, DOI: 10.1038/nature06137

Mark Pagel (Universität Reading) et al.: Nature, Band 449, Seite 717, DOI: 10.1038/nature06176

ddp/wissenschaft.de ? Anja Basters


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