Der lange Atem des Kohlendioxids

Das heute freigesetzte Kohlendioxid beeinflusst die Atmosphäre möglicherweise nicht nur kurzfristig, sondern für mehrere hunderttausend Jahre. Das schließen britische Forscher aus einem mathematischen Modell, in dem die Folgen des Kohlendioxidanstiegs durch die Verbrennung fossiler Energieträger auf die chemischen Vorgänge in den Ozeanen simuliert werden. Demnach können die Weltmeere wegen einer Verschiebung des Karbonatgleichgewichts immer weniger Kohlendioxid aufnehmen, je mehr davon in der Luft ist ? mit der Folge, dass etwa zehn Prozent des Treibhausgases dauerhaft in der Atmosphäre bleiben. Der dadurch entstehende klimatische Effekt ist so stark, dass er sogar die nächste Eiszeit verhindern könnte, glauben die Forscher.
Nach Schätzung des Weltklimarats IPCC liegt die Lebensdauer von Kohlendioxid in der Atmosphäre zwischen fünf und zweihundert Jahren. Danach, so die gängige Theorie, ist es vollständig von den Ozeanen absorbiert worden. Bei diesen Annahmen wird jedoch ein wesentlicher Faktor nicht berücksichtigt, erklären Toby Tyrell und seine Kollegen nun: Wenn das Meerwasser Kohlendioxid aufnimmt, wird es saurer und löst daher mehr Kalziumkarbonat beispielsweise aus den Schalen von Muscheln und anderen Meerestieren. Je mehr Karbonat jedoch im Wasser ist, desto weniger Kohlendioxid kann es aufnehmen, was im Endeffekt dazu führt, dass größere Mengen des Treibhausgases in der Atmosphäre bleiben, als die herkömmlichen Modelle voraussagen.

Tyrell hat auch hochgerechnet, was das für das Klima auf der Erde bedeuten könnte. Normalerweise, erklärt er, gibt es aufgrund leichter Veränderungen des Erdorbits etwa alle 100.000 Jahre eine Eiszeit. Schon heute ist jedoch die Kohlendioxidkonzentration von 280 Milliliter pro Kubikmeter Luft in der vorindustriellen Periode auf 380 gestiegen, und der Weltklimarat schätzt, dass sie im Jahr 2100 bei 900 Millilitern pro Kubikmeter liegen wird. Damit die Eiszeit einsetzen kann, dürfen die Werte nach den Berechnungen von Wissenschaftlern aber maximal bei 560 Millilitern pro Kubikmeter Luft liegen ? und eine solche Abnahme sei nach dem neuen Modell bis zum theoretischen Beginn der nächsten Eiszeit sehr unwahrscheinlich. Würden alle verfügbaren fossilen Energieträger verbrannt, wäre die Verzögerung sogar noch ausgeprägter, hat Tyrell berechnet: Die nächste Kälteperiode würde mit mindestens 500.000 Jahren Verspätung beginnen ? wenn überhaupt.
New Scientist, 25. August, S. 16

Toby Tyrell (Universität in Southampton) et al.: Tellus B, Bd. 59, S. 664

ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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Richard Dawkins ist ein leidenschaftlicher Verfechter der Wissenschaft, der sich selbst als "militanten Atheisten" bezeichnet. In seiner Autobiografie lässt er sein Leben Revue passieren - geistreich und kurzweilig, aber bisweilen auch ausschweifend und redundant.

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